Politisches Buch Leben in der AngstLeben in der Angst

Orlando Figes erzählt meisterhaft über den Alltag im stalinistischen Russland

Unsere russischen Menschen«, notierte der Schriftsteller Michail Prischwin am 29. November 1937 in seinem Tagebuch, »sind, wie schneebedeckte Bäume, so überlastet mit den Problemen des Überlebens, und es verlangt sie so sehr, miteinander darüber zu sprechen, dass ihnen schlicht die Kraft fehlt, es noch länger auszuhalten. Aber sobald einer seinem Verlangen nachgibt, wird er von einem anderen belauscht – und verschwindet. Die Leute wissen, dass sie wegen eines einzigen Gesprächs in Schwierigkeiten geraten können, und deshalb gehen sie eine Verabredung des Schweigens mit ihren Freunden ein.«

Überall, wo Angst erzeugt, Furcht und Schrecken verbreitet wird, verändern sich die sozialen Beziehungen. Wer ständig Angst hat und täglich mit dem Schlimmsten rechnen muss, verliert das Vertrauen zu anderen Menschen. Denn jeder könnte ein Denunziant sein. Ohne Vertrauen aber kann es keine Gesellschaft geben. Und ohne soziale Bindungen werden Menschen auch nicht imstande sein, die Angst, die sie verspüren, zu überwinden. Stattdessen werden sie darauf bedacht sein, nicht aufzufallen, sie werden sich anpassen, und sie werden flüstern, wenn sie vertrauten Menschen etwas mitzuteilen haben. Die stalinistische Gesellschaft war eine Gesellschaft von Flüsterern, in der nur überleben konnte, wer sich selbst überwand und als Individuum zum Verschwinden brachte. Von diesem Leben in der Ausweglosigkeit erzählt Orlando Figes in seinem Buch über den Alltag im stalinistischen Russland.

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Figes bringt Menschen zum Sprechen, seine Erzählkunst erzeugt Bilder, die man nicht wieder vergisst: von der Lebensgeschichte des sowjetischen Schriftstellers Konstantin Simonov und seiner Familie, vom Schicksal des 1938 erschossenen Juristen Ilja Slawin und seiner Angehörigen oder von der Odyssee der Golowins, die 1930 als Kulaken aus ihrem Dorf deportiert wurden und ein Leben als Aussätzige führen mussten. Indem Figes das Leben seiner Helden erzählt, blättert sich vor den Augen des Lesers das Panorama der stalinistischen Zivilisation auf, wie es noch nicht beschrieben worden ist. Solch eine Geschichte des Großen im Kleinen aber ist nur möglich, wenn sie sich dokumentieren lässt. Zu diesem Zweck hat Figes nicht nur Tagebücher, Briefe und Memoiren seiner Protagonisten gelesen. Es war ihm auch möglich, mit den Überlebenden zu sprechen und sie befragen zu lassen.

Was kann man aus den kunstvoll arrangierten und meisterhaft erzählten Lebensgeschichten über die Wirklichkeit des Stalinismus erfahren? Man versteht vor allem, dass die meisten Menschen, deren Leben Figes erzählt, keine Verfügungsgewalt über ihren Platz im stalinistischen Ordnungsgefüge hatten. Sie waren Getriebene in einer Zivilisation des Hasses und der Gewalt, die sie nicht zu verantworten hatten, der sie sich aber auch nicht entziehen konnten. Wer glaubt, jedes Bekenntnis zum neuen Staat sei ein Akt freiwilliger und begeisterter Selbstaufgabe gewesen, hat von alldem nichts verstanden.

In allen Diktaturen gibt es Enthusiasten, die bereit sind, alles zu tun, damit ihre Träume zur Wirklichkeit aller werden. Figes erzählt von ihnen, den Kindern des Jahres 1917, im ersten Kapitel. Zu ihnen gehörten die Eltern Elena Bonners, der späteren Ehefrau Andrej Sacharows, oder ein bolschewistisches Funktionärspaar aus Leningrad, die Nisowzews, die ihre Tochter Marxena nannten und im Privatleben vorführten, was der Gesellschaft noch bevorstehen sollte. Sie verachteten bürgerliche Tugenden, familiäre Bindungen und verbanden ihre selbstlose Hingabe an die Partei mit einem Lebensstil, in dem das Private mit dem Öffentlichen verschmolz. Wer Teil dieser Welt werden wollte, musste Opfer bringen. Konstantin Simonov, dessen Mutter eine Fürstin Obolenskaja war, trug schwer an seinem Erbe. Er versuchte, sich als Proletarier neu zu entwerfen, er erlernte ein Handwerk und distanzierte sich von seinen Verwandten. Als Hofdichter Stalins konnte er nur überleben, indem er ignorierte, was der Diktator anrichtete.

Die Elite wurde für ihre Selbstabrichtung reichhaltig belohnt: mit Dienstwohnungen, Autos, Chauffeuren und Dienern, die aus jenem bäuerlichen Milieu kamen, das die Bolschewiki zutiefst verachteten. Mancher Karrierist war sogar bereit, aus Ehrgeiz und Selbsthass die eigene Familie zu verraten. So widerfuhr es dem Vater des Dichters Alexander Twardowski, der als Kulak in den Ural verbannt worden war und im Jahr 1931 nach Smolensk reiste, um seinen Sohn um Hilfe zu bitten. Der Sohn lehnte es nicht nur ab, dem Vater zu helfen, er denunzierte ihn bei der Polizei, die ihn an den Ort der Verbannung zurückbrachte. Man müsse sich zwischen der Revolution und der Familie entscheiden, so habe der Parteichef der Westregion, Rumjancev, zu Twardowski gesagt. Der Dichter entschied sich für die Revolution, denn jede andere Wahl hätte nicht nur seine Karriere beendet, sondern auch seine Existenz gefährdet.

Kommunist wurde, wem es gelang, sich den Anpassungsritualen zu unterwerfen, die sich die Parteiführung für die Disziplinierung der Elite ausgedacht hatte. Kommunisten kämpften gegen Abweichungen, sie brachten den Zweifel in sich zum Verstummen und unterwarfen sich der jeweiligen Generallinie. Ihre Söhne und Töchter waren Kameraden, keine Kinder. Figes zitiert aus den Erinnerungen Elena Bonners, die die Trostlosigkeit jener kalten Welt beschrieben hat, in der sich ihre fanatisierten Eltern in den zwanziger Jahren eingerichtet hatten.

Außerhalb des bolschewistischen Kosmos herrschte das Stigma. Denn nicht jeder konnte zu einem Teil der schönen neuen Welt werden, die in den Schulen und den Jugendorganisationen der Partei aufgeführt wurde. Man konnte sich abmühen, man konnte sich anstrengen, ein anderer zu werden. Aber nicht jedem gelang es, sich anzupassen. Die Tochter eines Priesters erlebte ihre Kindheit in den zwanziger Jahren als eine Zeit der Entbehrung und Stigmatisierung. Ihre Eltern bekamen als »sozial fremde Elemente« keine Lebensmittelkarten, sie waren Ausgestoßene im eigenen Land, und sie mussten, wenn sie sich über ihre Lebenssituation äußerten, darauf achten, dass niemand hörte, was sie besprachen. »Wir wuchsen in einer Flüsterwohnung auf.«

Stalins Terror verwandelte Millionen Menschen in seelische Krüppel

Dieses Schicksal wurde zur Wirklichkeit von Millionen, als Stalin und seine Gefolgsleute damit begannen, Krieg gegen die Bauern zu führen und die Sowjetunion in ein großes Straflager zu verwandeln. Figes erzählt von diesem Krieg, in dessen Verlauf zwischen 1930 und 1933 mehr als zehntausend Bauern erschossen und mehrere Millionen als Kulaken in Lager und Sondersiedlungen deportiert wurden. Die Familie Golowin aus dem Dorf Obuchowo im Norden Russlands wurde in alle Winde zerstreut: der Vater in das Konzentrationslager auf die Solowki-Inseln gebracht, sein ältester Sohn zur Zwangsarbeit an den Weißmeerkanal verschleppt, die übrigen Mitglieder nach Sibirien deportiert. Als der Geheimdienst GPU die Frauen aus dem Dorf abholte, half ihnen niemand. »Niemand sagte uns Lebewohl«, erinnert sich Antonina Golowina. »Sie standen stumm da, wie aufgereihte Soldaten. Sie hatten Angst.«

Die Kollektivierung war nicht das Ende, sondern der Beginn des Leidensweges von Millionen Aussätzigen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen und als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Die 11-jährige Antonina wurde von ihren Lehrern als Kind von »Volksfeinden und Kulakendreck« beschimpft, der »ausgerottet« werden müsse. In dieser Atmosphäre des Hasses und der Bosheit konnte nur überleben, wer an sich arbeitete: die Stigmatisierten, indem sie glühende Bekenntnisse zur stalinistischen Ordnung abgaben, die anderen, indem sie Feinde identifizierten und darin zu erkennen gaben, dass sie alles tun würden, um nicht auch aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Das war die Stunde der Denunzianten, sagt Figes, denn Denunziationen waren Treuebeweise. Aber der Preis, der dafür entrichtet werden musste, war hoch. Die Sowjetunion wurde zu einem Land von Flüsterern, die, wie der Schriftsteller Prischwin, nur dann noch aussprachen, was sie wirklich glaubten, wenn sie sich ihrem Tagebuch anvertrauten.

Noch in den späten dreißiger Jahren fristeten die meisten Arbeiter eine erbärmliche Existenz, lebten in Erdhöhlen oder, wenn es Wohnraum gab, in den Kommunalwohnungen der großen Städte. Manchmal lebten mehr als zehn Familien in einer Wohnung, die, wenn man Figes Glauben schenken will, für die Bewohner eine Hölle auf Erden war, eine gemeine Wirklichkeit, die von Missgunst und Bespitzelung gekennzeichnet war. Aber auch die neue Elite, die sich in den Besitz kostbarer Möbel aus den Beständen getöteter oder deportierter Adliger gebracht und damit ihre großen Wohnungen ausgestattet hatte, geriet in den Strudel der Gewalt.

Figes erzählt vom Alltag in den Wohnungen und Amtsstuben im Jahr 1937, als Nacht für Nacht die Funktionäre aus ihren Betten geholt, gefoltert und getötet wurden, weil es dem Diktator gefiel, Menschen in Angst und Schrecken zu halten. Menschen verschwanden, ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, die Ehefrauen getöteter Volksfeinde in Konzentrationslager eingesperrt und ihre Kinder in Einrichtungen der Geheimpolizei NKWD gebracht. Stalins Terror war eine menschliche Katastrophe, die das Land der Flüsterer in ein Tollhaus und Millionen Menschen in seelische Krüppel verwandelte.

Niemand konnte im Jahr 1937 auch nur daran denken, Widerstand zu leisten, denn es gab bereits keine Instanz mehr, die eine Widerrede hätte hervorbringen können. »Wir alle waren wie Kaninchen, die das Recht der Schlange, uns zu verschlingen, akzeptierten«, erinnert sich der Drehbuchautor Valeri Frid. Die Bolschewiki hatten die Gesellschaft abgerichtet und für den Terror konditioniert. Taub sei er gewesen, sagt Simonov in seinen Erinnerungen, er habe nicht wahrgenommen, dass um ihn herum gefoltert und getötet worden sei. So sehr habe man sich am Ende daran gewöhnt, in der Stalinschen Welt zu Hause zu sein.

Nur für eine kurze Zeit, in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges und im ersten Nachkriegsjahr, so erinnern sich Figes’ Helden, habe es ungeachtet aller Entbehrungen und Gewalt Anzeichen für eine Entspannung gegeben, die das Regime aber sogleich wieder zunichte machte: durch Einschüchterung, Terror, durch antisemitische und fremdenfeindliche Kampagnen, an denen sich auch der Schriftsteller Simonov beteiligte, weil er glaubte, dem Diktator seine Loyalität beweisen zu müssen. Das Regime produzierte stets neue Aussätzige, und es zwang jedermann, sich in ein negatives Verhältnis zu den Aussätzigen zu bringen. Der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Alexander Fadeev, konnte, was er aus Angst vor dem Diktator getan hatte, nicht länger ertragen. 1956, drei Jahre nach dem Tod Stalins, nahm er sich das Leben. In seinem Abschiedsbrief, den Figes zitiert, teilte er der Nachwelt mit, dass er mit Freuden und mit einem Gefühl der Befreiung aus »dieser widerwärtigen Existenz« scheide.

War das Ende des Stalinismus auch das Ende des Flüsterns? Darauf gibt Figes keine eindeutige Antwort. Als Chruschtschow die Tore der Lager öffnete, Opfer rehabilitiert wurden, brachten manche ihr Schicksal auch öffentlich zur Sprache. Die meisten Opfer aber waren traumatisiert, sie fanden nicht wieder ins normale Leben zurück. Niemand wollte ihre Geschichten hören, aber nur wenige wollten sie auch erzählen, aus Selbstschutz und weil sie Angst hatten, der Terror könne jederzeit zurückkehren. Die Angst blieb ihr ständiger Begleiter. Sie blieben Flüsterer, und wenn sie später über ihre Erfahrungen sprachen, dann ordneten sie sie in die Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg ein. Das Leiden der Flüsterer sollte nicht sinnlos gewesen sein. Orlando Figes hat ihm mit seinem wunderbaren Buch ein Denkmal gesetzt.

Jörg Baberowski ist Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat sich durch mehrere Werke zum Stalinismus ausgewiesen

 
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