Politisches Buch Leben in der AngstLeben in der AngstSeite 2/2

Stalins Terror verwandelte Millionen Menschen in seelische Krüppel

Dieses Schicksal wurde zur Wirklichkeit von Millionen, als Stalin und seine Gefolgsleute damit begannen, Krieg gegen die Bauern zu führen und die Sowjetunion in ein großes Straflager zu verwandeln. Figes erzählt von diesem Krieg, in dessen Verlauf zwischen 1930 und 1933 mehr als zehntausend Bauern erschossen und mehrere Millionen als Kulaken in Lager und Sondersiedlungen deportiert wurden. Die Familie Golowin aus dem Dorf Obuchowo im Norden Russlands wurde in alle Winde zerstreut: der Vater in das Konzentrationslager auf die Solowki-Inseln gebracht, sein ältester Sohn zur Zwangsarbeit an den Weißmeerkanal verschleppt, die übrigen Mitglieder nach Sibirien deportiert. Als der Geheimdienst GPU die Frauen aus dem Dorf abholte, half ihnen niemand. »Niemand sagte uns Lebewohl«, erinnert sich Antonina Golowina. »Sie standen stumm da, wie aufgereihte Soldaten. Sie hatten Angst.«

Die Kollektivierung war nicht das Ende, sondern der Beginn des Leidensweges von Millionen Aussätzigen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen und als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Die 11-jährige Antonina wurde von ihren Lehrern als Kind von »Volksfeinden und Kulakendreck« beschimpft, der »ausgerottet« werden müsse. In dieser Atmosphäre des Hasses und der Bosheit konnte nur überleben, wer an sich arbeitete: die Stigmatisierten, indem sie glühende Bekenntnisse zur stalinistischen Ordnung abgaben, die anderen, indem sie Feinde identifizierten und darin zu erkennen gaben, dass sie alles tun würden, um nicht auch aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Das war die Stunde der Denunzianten, sagt Figes, denn Denunziationen waren Treuebeweise. Aber der Preis, der dafür entrichtet werden musste, war hoch. Die Sowjetunion wurde zu einem Land von Flüsterern, die, wie der Schriftsteller Prischwin, nur dann noch aussprachen, was sie wirklich glaubten, wenn sie sich ihrem Tagebuch anvertrauten.

Noch in den späten dreißiger Jahren fristeten die meisten Arbeiter eine erbärmliche Existenz, lebten in Erdhöhlen oder, wenn es Wohnraum gab, in den Kommunalwohnungen der großen Städte. Manchmal lebten mehr als zehn Familien in einer Wohnung, die, wenn man Figes Glauben schenken will, für die Bewohner eine Hölle auf Erden war, eine gemeine Wirklichkeit, die von Missgunst und Bespitzelung gekennzeichnet war. Aber auch die neue Elite, die sich in den Besitz kostbarer Möbel aus den Beständen getöteter oder deportierter Adliger gebracht und damit ihre großen Wohnungen ausgestattet hatte, geriet in den Strudel der Gewalt.

Figes erzählt vom Alltag in den Wohnungen und Amtsstuben im Jahr 1937, als Nacht für Nacht die Funktionäre aus ihren Betten geholt, gefoltert und getötet wurden, weil es dem Diktator gefiel, Menschen in Angst und Schrecken zu halten. Menschen verschwanden, ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, die Ehefrauen getöteter Volksfeinde in Konzentrationslager eingesperrt und ihre Kinder in Einrichtungen der Geheimpolizei NKWD gebracht. Stalins Terror war eine menschliche Katastrophe, die das Land der Flüsterer in ein Tollhaus und Millionen Menschen in seelische Krüppel verwandelte.

Niemand konnte im Jahr 1937 auch nur daran denken, Widerstand zu leisten, denn es gab bereits keine Instanz mehr, die eine Widerrede hätte hervorbringen können. »Wir alle waren wie Kaninchen, die das Recht der Schlange, uns zu verschlingen, akzeptierten«, erinnert sich der Drehbuchautor Valeri Frid. Die Bolschewiki hatten die Gesellschaft abgerichtet und für den Terror konditioniert. Taub sei er gewesen, sagt Simonov in seinen Erinnerungen, er habe nicht wahrgenommen, dass um ihn herum gefoltert und getötet worden sei. So sehr habe man sich am Ende daran gewöhnt, in der Stalinschen Welt zu Hause zu sein.

Nur für eine kurze Zeit, in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges und im ersten Nachkriegsjahr, so erinnern sich Figes’ Helden, habe es ungeachtet aller Entbehrungen und Gewalt Anzeichen für eine Entspannung gegeben, die das Regime aber sogleich wieder zunichte machte: durch Einschüchterung, Terror, durch antisemitische und fremdenfeindliche Kampagnen, an denen sich auch der Schriftsteller Simonov beteiligte, weil er glaubte, dem Diktator seine Loyalität beweisen zu müssen. Das Regime produzierte stets neue Aussätzige, und es zwang jedermann, sich in ein negatives Verhältnis zu den Aussätzigen zu bringen. Der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Alexander Fadeev, konnte, was er aus Angst vor dem Diktator getan hatte, nicht länger ertragen. 1956, drei Jahre nach dem Tod Stalins, nahm er sich das Leben. In seinem Abschiedsbrief, den Figes zitiert, teilte er der Nachwelt mit, dass er mit Freuden und mit einem Gefühl der Befreiung aus »dieser widerwärtigen Existenz« scheide.

War das Ende des Stalinismus auch das Ende des Flüsterns? Darauf gibt Figes keine eindeutige Antwort. Als Chruschtschow die Tore der Lager öffnete, Opfer rehabilitiert wurden, brachten manche ihr Schicksal auch öffentlich zur Sprache. Die meisten Opfer aber waren traumatisiert, sie fanden nicht wieder ins normale Leben zurück. Niemand wollte ihre Geschichten hören, aber nur wenige wollten sie auch erzählen, aus Selbstschutz und weil sie Angst hatten, der Terror könne jederzeit zurückkehren. Die Angst blieb ihr ständiger Begleiter. Sie blieben Flüsterer, und wenn sie später über ihre Erfahrungen sprachen, dann ordneten sie sie in die Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg ein. Das Leiden der Flüsterer sollte nicht sinnlos gewesen sein. Orlando Figes hat ihm mit seinem wunderbaren Buch ein Denkmal gesetzt.

Jörg Baberowski ist Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat sich durch mehrere Werke zum Stalinismus ausgewiesen

 
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