Italien Das Capri der Römer

Auf den Pontinischen Inseln trifft sich die feine Gesellschaft. Da setzen wir uns mal dazu

Er steht jetzt schon eine ganze Weile auf dem schmalen Hotelbalkon über dem Corso Pisacane und kann den Blick nicht wenden von dem, was unter ihm sich darbietet in vielfachen Formen und Größen. Er hat die Hände auf das schmiedeeiserne Geländer gestützt. Schwarze Rostschutzfarbe, dick aufgetragen gegen den salzigen Wind vom Meer. Er lächelt, zunehmend verlegen. Nicht ganz fair, dieser Standpunkt und Schau-Platz direkt über den Flanierenden – er sieht alles, niemand bemerkt ihn. Er dreht sich um und geht ins Zimmer. Langenscheidts Taschenwörterbuch liegt auf dem Nachttisch. Erst schlägt er unter D nach: nichts. Dann unter A: Da ist das Wort, das ihm fehlte. Scollatura , der Ausschnitt. Das Dekolleté. Es ist halb neun und immer noch sehr warm, ein Abend Ende Juli, erst vor einer halben Stunde ging hinter dem nordwestlichen Hafenhügel von Ponza die Sonne unter. Die kleine, schöne, teure Ferieninsel der Römer und Neapolitaner ist in Hochstimmung, auf dem Corso Pisacane – Laufsteg, Hafenpromenade, insulares Funktionszentrum – wogen hin und her die Menschen. Moltissime scollature .

Er duscht, zieht die Hose aus hellgrauem Leinen an, ein weißes Hemd, langärmlig, am Handgelenk nicht geknöpft. So tragen es abends die italienischen Männer seines Alters, er hat aufgepasst. Vorteilhafte Selbstinszenierung, fare bella figura : Der Imperativ italienischer Lebensführung scheint auf Ponza mit seinem Jachtpublikum, respektive Urlaubern, die sich gern dafür halten lassen, besonders wichtig. Neun Uhr. Fast noch früh fürs Abendessen. Er wird vorher in der Bar Tripolis nebenan noch was trinken. Das Tripolis ist der beliebteste Treffpunkt auf dem Corso. Er verlässt das Hotelzimmer mit der Süddeutschen unter dem Arm. Von drei Exemplaren, die der Kiosk an der Hafenstraße täglich bekommt, war bisher jeden Nachmittag noch mindestens eines vorrätig: Daraus schließt er auf die Zahl der anwesenden Landsleute. Die Zeitung ersetzt ihm abends im Restaurant gewissermaßen die Partnerin. Er ist nun mal allein unterwegs, im Gegensatz zu, wie ihm scheint, allen anderen hier.

Von den sechs Pontinischen – oder Ponzianischen – Inseln, 60 Kilometer vor der Küste zwischen Rom und Neapel, hat der deutsche Italien-Tourist bisher nicht viel gehört. Dafür gibt es zwei Gründe, einen geografischen und einen politischen; umgekehrt ist der Archipel aus beiden Gründen in Italien schon seit Langem bekannt – und berüchtigt. Erstens sind die Pontinischen Inseln von Deutschland aus abgelegen und umständlich zu erreichen; dagegen liegen sie gleichsam vor der Haustür der größten und der drittgrößten Stadt Italiens. Zweitens waren sie im kollektiven Bewusstsein jahrhundertelang ein Ort der Verbannung und des Schreckens. Erst 1965 wurde das historische Zuchthaus für politische Gefangene auf der Insel Santo Stefano geschlossen. Die italienische Tourismuswerbung besang in Germania die nahen Inseln Capri und Ischia. Und schwieg von Ponza und Palmarola, von Zannone und Gavi, von Ventotene und Santo Stefano – trotz ihrer mediterranen Schönheit. Dies wiederum kam dem Distinktionsbedürfnis der Reichen und Berühmten Italiens entgegen. Ponza ist einer ihrer Sommerspielplätze, und Oggi, die italienische Bunte, füllt in der Saison viele Seiten mit Fotos von Monica (Bellucci, der schönen Schauspielerin), Flavio (Briatore, dem wamperten Frauenhelden), Totti (dem Fußballer) und Prinzessin Caroline beim Kopfsprung hoch herunter von ihrer Jacht, vor den Isole Ponziane.

Ponza, die Hauptinsel, liegt wie eine seitlich angebissene Banane im Tyrrhenischen Meer. Etwa 3500 Menschen leben hier, auf Ventotene nur einige Hundert, die anderen vier Inseln sind unbewohnt. Knapp acht Kilometer lang und bis 1800 Meter breit, ist Ponza schon die größte Insel des Archipels. Als er vor ein paar Tagen abends ankam, mit dem Fährschiff vom Festlandshafen Formia, sah er sein Hotel schon vom Deck aus im postkartenhübschen Halbkreis von Ponza Porto. Im Wasser lagen Fischerboote, Ausflugsbarken, Motor- und Segeljachten dicht an dicht, darüber stiegen bunte Zeilen niedriger Flachdachhäuser den grünen Hügel hinauf. Zwischen Meeresblau und Himmelsblau ein farbstarker Streifen mediterraner Zivilisation, so zweckmäßig wie ästhetisch.

Pesce Ricciola, Scorfano, Merluzzo, Alici – die verbale Woge macht ihn ratlos

Das Hotel Mari war ihm auf Anhieb sympathisch, unaufdringlich, mit hohen weißen Zimmern ohne jedes Deko-Chichi. Die erste Nacht fand er allerdings zu laut. Nach Mitternacht begannen ihn die einander überlagernden Musiken aus den Bars zu ärgern. Noch um drei drängten Rufe und Gelächter der Nachtschwärmer stoßweise in seinen Schlaf. Um fünf dann anderer, neuer Lärm, der ihn aufstehen ließ: Fischer kamen vom Fang zurück. Ein Lederhäutiger mit Halsketten und Pferdeschwanz reichte Schwertfische vom Boot auf die Mole, ein anderer legte sie auf die offene Pritsche eines Piaggio-Dreirads, und warum hätten sie dabei flüstern sollen? Am nächsten Tag kaufte er Ohrstöpsel, tappi . Aber seltsam, er brauchte sie gar nicht. Er gewöhnte sich schnell an das 24-Stunden-Freilichtkino unter seinem Balkon. Wenn er müde war, schlief er ein wie ein Kind beim Geplauder der Großen.

Der Tourismus kam auf die Pontinischen Inseln in den sechziger Jahren, aber schon Kaiser Augustus hatte hier eine Ferienvilla. Vom historischen Rom zeugen gut erhaltene Bauwerke. Der römische Tunnel durch einen Hafenhügel ist heute noch Teil der Hauptstraße von Ponza Porto. Dutzende Ausflugsboote fahren tagtäglich in die Pilatusgrotten ein, die Sklaven vor 2000 Jahren in die weißen Tuffsteinklippen südlich des Hafens schlugen; in der hydrologisch genau durchdachten Kultstätte haben römische Priester Muränen gezüchtet. Auf Ventotene sind stattliche Reste der Villa Giulia zu sehen: Dorthin verbannte Augustus im Jahr 2 nach Christus seine Tochter Julia wegen flagranter Sexaffären in der Hauptstadt – so begann die lange Strafgeschichte der Inseln.

Die Bar Tripolis ist voll um neun Uhr abends. Er nimmt seinen Lemoncino und setzt sich zu den anderen auf die hüfthohe Mauer, die den Corso zum Kai hin begrenzt. Einheimische, Touristen, alle reden sehr laut sehr viel, er fühlt sich sehr wohl. Nicht dass er viel verstünde, der ungenierte Sprachlärm als solcher gefällt ihm. Im Restaurant La Risacca, dem letzten am Corso, bestellt er Fisch, was sonst, er bestellt Pesce Tonno, weil er gestern im Restaurant Ippocampo daneben Pesce Spada bestellte, das scheint ihm die richtige Methode für diese Woche. Denn wo auch immer, die Kellner sprechen nur Italienisch, die Speisekarten gibt’s nur in Italienisch, und ob mündlich oder schriftlich, die verbale Woge von Pesce Ricciola, Scorfano, Persico, Merluzzo, Orata, Alici, Dentice macht ihn bloß ratlos. Dagegen P. Spada, P. Tonno – klare Sache. Den Inselfischern geht es gut. Anderswo im Mittelmeer wird der Thunfisch knapp, hier sorgt ein dreieinhalb Kilometer tiefer Meeresgraben für gutes Wasser, gesunde Flora und reiche Fischbestände. 50 Restaurants allein auf Ponza kaufen die Ware, speisende Urlauber aus Rom oder Neapel machen bella figura beim Zahlen stattlichster Rechnungen.

Am Nebentisch im Risacca sitzen eine Frau und zwei Männer. Der eine, weißhaarig, vital, wird von Personal und Padrone trotz abgetragener Kleidung auffallend hofiert, sie nennen ihn Professore. Man beäugt sich von Tisch zu Tisch, die Frau schaut auf seine Süddeutsche. Als der Kellner ihm die Auswahl der Nachspeisen herunterrattert und er bei salame alla cioccolata verständnislos nachfragt, dreht sich der Professore um und sagt in hartem Deutsch: »Sehr gut, nehmen Sie.« Dünne rötliche Scheiben aus Kakaomasse, weiße Nussstückchen markieren Fett, alles nicht zu süß. Die Signora probiert gern, man stellt sich vor. Der Professore, Loreto Castrucci, ist der Inselarzt mit Wohnsitz in Rom. Der andere Herr, ein etwas fülliger Fünfziger: Enzo Samaritani, Chef eines römischen Privattheaters. Die Dame, weich lächelnd unter verhangenen Augen, heißt Daniela Romacker, stammt aus Mannheim, ist Konzertgeigerin und seit 15 Jahren in Rom zu Hause. Er würde nun gern vom alten Doktor Geschichten über die Ponzesi als Patienten hören. Aber man spricht über Dante. Über Garibaldi (»Un gangster«, sagt der Doktor). Gebremst über Berlusconi (die Ponzesi wählten ihn so deutlich wie der Rest Italiens). Der Doktor lädt den Deutschen für den nächsten Morgen zu einer Sonderfahrt mit dem Schiff nach Ventotene ein: Es soll dort eines schrecklichen Kriegsereignisses vor 65 Jahren gedacht werden. Die Einladung ist mehr eine Aufforderung. Signora Romacker lädt ihn zum Strand von Frontone ein, wo sie jeden Nachmittag auftritt. Klassische Geige am Badestrand? Beide Vorschläge nimmt er an.

Der Aliscafo, die klimatisierte, rundum geschlossene Tragflügelfähre, schießt in praller Morgensonne nach Süden wie ein umgekippter Kühlschrank. Bis Ventotene sind es knapp 40 Kilometer, das Schnellboot braucht eine Stunde. Ventotene hebt sich wie ein Wal aus dem Meer, flach ansteigend vom Schwanz bis zum wuchtigen Schädel. Die Insel ist weniger als drei Kilometer lang, bis zu 700 Meter breit, das Leben im steil über dem antiken Hafen liegenden Ort wirkt beschaulich verglichen mit Ponza. Die städtische Architektur stammt aus dem 18. Jahrhundert, als die in Neapel herrschenden Bourbonen Ventotene und Ponza neu besiedeln und bebauen ließen. Im Mittelalter waren die Inseln jahrhundertelang von Piraten geplündert, die Bewohner als Sklaven verschleppt worden, bis im 16. Jahrhundert auch die letzten aufs sichere Festland geflohen waren. Die neuen Siedler kamen aus Ischia, sie erhielten Land und Häuser und kultivierten die steilen Flanken von Ponza und Ventotene für die Landwirtschaft mühsamst mit Terrassen, die heute wieder überwuchert sind: Auf der Suche nach dem besseren Leben emigrierten nach 1950, vor Beginn des Wohlstandstourismus, erneut viele Bewohner der Pontinischen Inseln, meist nach Amerika.

Signora Romacker lädt zum Geigenkonzert am Strand von Frontone

Um halb zehn frühstückt er in Ventotene auf der Terrasse des Hotels Mezzatorre. Ein vulkanisch dunkler Sand- und Kiesstrand, eine Gruppe älterer Frauen im brusthohen Wasser bei der aquaginnastica , eine junge im knietiefen turnt vor. Eltern mit Kindern und allem Nötigen für einen langen Badetag richten sich auf Liegen unter Schirmen ein. Wenn er den Blick hebt, sieht er Ischia sehr fern als bergigen Umriss und sehr nah Ventotenes Nachbarn Santo Stefano, die Verbannungsinsel. Die bauliche Wucht des 200 Jahre alten stillgelegten Zuchthauses ist deutlich zu erkennen. Unter Mussolini litten hier viele Antifaschisten, so der spätere Staatspräsident Sandro Pertini. Nach seinem Sturz 1943 wurde Mussolini selbst auf die Inseln verschifft und symbolische elf Tage auf Ponza eingesperrt.

Er stippt den letzten Bissen Croissant in die Marmelade, dann geht er über die Piazza zur Kirche von Ventotene. Nach dem Gottesdienst und militärischen Salutationen beim Marinedenkmal fährt gegen Mittag eine Flotte von sieben Schiffen in langsamer Prozession aus dem Hafen zu der Stelle, wo am gleichen Julitag 1943 unter derselben Sommersonne ein britischer Jagdflieger das Fährschiff Santa Lucia torpedierte und sechzig Zivilisten nah der Inselküste starben, es waren Kinder dabei. Die sieben Schiffe formieren sich im Kreis zum Gedenken. Hupen und Sirenen tönen. Blumen fliegen ins Wasser. Er sieht Frauen weinen und einen weiß gekleideten, sehr alten und dünnen, tief gebräunten Mann. War er auf dem Schiff? Hat er… überlebt? Nein, er war an Land und hörte die Verzweiflungsschreie. Benito Malinghier aus Ventotene, damals 15 Jahre alt. Er hat lang in der Schweiz gearbeitet, vor 30 Jahren sein Hafenrestaurant Da Benito aufgemacht, aber gegen Ende seines erfolgreichen Lebens kriegt er sie noch immer nicht aus dem Kopf, die Schüsse und die Schreie. Nach langem Zögern lässt der alte Mann seine weiße Nelke fallen und sieht stumm aufs Wasser, bis sie versinkt. Die Rückfahrt nach Ponza wird wie die Feier nach einer kathartisch gelungenen Beerdigung: zunehmend heiter.

Am nächsten Tag fährt er mit dem Bus nach Le Forna, dem anderen Inseldorf. Der Ort ist weniger hübsch, weniger mondän als Ponza Porto, ein lang gezogenes Straßendorf mit vielen, auch billigen Ferienhäusern und Pesce Spada für 13 Euro statt 29. Er kauft eine Flasche Wasser, dann steigt er durch Macchia und Kräuterduft auf sichtbarem, aber kaum begangenem Pfad auf den Monte Incenso, die Nordspitze der Insel. Es ist still und schön hier oben. Viele Eidechsen. Viele Schrotpatronenhülsen. Ponza, Rastplatz der Zugvögel. Er dreht sich einmal im Kreis und bekommt alle sechs Isole Ponziane ins Blickfeld, als schwache Linie im Osten auch das Festland. Unter sich sieht er gleich weißen Flusen in einem blauen Tuch die Schiffe und Schiffchen, ankernd in jeder Bucht und vor jeder Grotte. Weiter draußen ziehen sie weiße Spuren, die rasch vergehen.

Auf halber Strecke zurück Richtung Ponza nimmt er die steile ungeteerte Piste hinunter zur Bucht von Frontone. Cala Frontone, weit und sandig, ist wegen seiner Stranddisco beliebt bei der Jugend, alle zehn Minuten pendeln von Ponza Porto Shuttleboote hin und her. Er ist hier mit Signora Romacker, der Römerin aus Mannheim, zum Fünf-Uhr-Konzert verabredet. Ihre Geige hört er, lang bevor er sie sieht. Die Künstlerin steht auf einem weißen Holzturm über der Tanzfläche, auf dem abends die DJs Sweet little Sixteen und Great Balls of Fire auflegen. Sie spielt Wiener Klassik, Fritz Kreisler, ungarisch Gefärbtes, das Orchester kommt dazu von der CD. Virtuos spielt sie, auswendig ohne Pausen, der Sound ist gut, ihr weiches Lächeln voll Selbstgenuss, sie grüßt ihn spielend mit einem kleinen Nicken. Er sieht von unten nur ihren Oberkörper und das Instrument. Nachdem sie unter Beifall heruntergestiegen ist vom Turm, küsst er überrascht einer Klassiksolistin die Hand, die zur Konzertbluse knappe Shorts und Flipflops trägt.

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Anreise:
Über Rom oder Neapel, etwa mit TUIfly von Hamburg nach Neapel oder mit Air Berlin sowie Swiss Air Lines nach Rom. Fährschiffe von Rom und Neapel nur im Juli und August, ganzjährig von Formia. Nach Formia mit dem Zug von Neapel oder mit dem Taxi

Unterkunft:
Hotel Mari, Corso C. Pisacane, 19, I-04027 Ponza, Tel. 0039-0771/80101, www.hotel mari.com . DZ ab 92 Euro. Bed and Breakfast in Villa Laetitia und Villa Limonaia (schön gestaltet von den Modehaus-Schwestern Fendi), Buchung über Turistcasa, Tel. 0039-0771/809886, www.villalaetitia.it . DZ ab 105 Euro. Ferienhäuser pro Woche ab 200 Euro, Villen ab 1000 Euro, Turistcasa, www.turistcasa.it . Preisbeispiele gelten für Vor- und Nachsaison, im Juli/ August sind sie doppelt so hoch

Veranstalter:
Bisher einziger deutscher Anbieter ist FTI Touristik München, Tel. 089/25251014, www.fti.de

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 14.08.2008 Nr. 34
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    • Schlagworte Italien | Augustus | Reise | Rom | Capri | Neapel | Tripolis | Mannheim
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