Das Passbild im Ausweis oder Führerschein war noch vor ein paar Jahren das einzige Foto, das man von sich selbst zeigen musste. Wer heute Freundschaften im Internet pflegt, in einer Community wie MySpace, Facebook oder StudiVZ, muss ein weiteres Bild von sich preisgeben: das Profilfoto, mit dem sich jedes Mitglied präsentiert. Anders als beim Passbild im Ausweis kann man sicher sein, dass dieses Foto nahezu stündlich betrachtet wird – von Freunden und ein paar weniger bekannten Menschen.

Aus diesen Selbstporträts schließen die Mitglieder gegenseitig auf ihre Persönlichkeit: Eine Frau, die sich mit Sonnenbrille zeigt, wird wohl immer ein Geheimnis haben. Mit einem Jungen, der sich mit Surfbrett am Strand zeigt, kann man das Leben genießen. Und wer sich auf seinem Foto zum Hulk macht, will als ziemlich schräger Typ beeindrucken.

Das Foto schafft eine Identität. Deshalb werden Urlaubs- und Partyfotos stundenlang durchwühlt und auf ihre Profilbildungstauglichkeit getestet. Identität ist auch ein Spiel. Wer will ich sein, wie will ich wirken? Sexy? Treu? Seriös, falls der Chef meine Seite findet? Vor allem aber soll das Foto einzigartig sein. In der Masse der Internetnutzer sehnt sich der Einzelne nach Individualität. So zeigt er sich gern im Ausnahmezustand: Mädchen lassen es mit der besten Freundin richtig krachen, wagen sich auf Klippen, geben sich als Angelina Jolie mit Schmolllippen und Sonnenbrille oder kochen schreiend Kaffee. Jungs lassen ganz bescheiden Sonnen hinter sich aufgehen, inszenieren sich als Comicfigur oder als Schallplatte. Mein größtes Meisterwerk: ich selbst. Michelangelo, der noch mit versteckten Selbstporträts experimentierte, hätte seine Freude an dieser Renaissance des Selbstbildnisses.

Die Suche nach dem perfekten Typ führt jedoch meist zum Stereotyp. Immer wieder begegnen einem die gleichen Motive: Der Sonnenbrillenträger ist nicht allein. Auch der Kreative, die Verträumte und der Urlauber sind es nicht.

Ebenfalls ein häufig anzutreffender Typus ist der Bildverweigerer. Auf seiner Internetseite taucht statt eines Fotos nur ein Fragezeichen auf. Natürlich wird auch damit eine Botschaft versandt: "Ich protestiere gegen die Bilderflut unser Zeit, für mich sind Inhalte wichtig." Aber wer will schon als Fragezeichen wahrgenommen werden? Dann sich doch lieber hinter einer Sonnenbrille verstecken. Simone Gaul

Die Verträumten sagen: Du, ich glaub, es ist was Ernstes zwischen uns Die Urlauber sagen: Ich bin nur mal kurz vorm Laptop, mein Ort ist die große weite WeltDie Kreativen sagen: Bald bin ich Art-Director – dann wird bei diesem ZEITmagazin alles ganz andersDie Denker sagen: Ich verstehe Foucault, Virilio, Deleuze – und natürlich auch dich Die Weggucker sagen: Eigentlich will ich bei diesem oberflächlichen Quatsch nicht mitmachen. EigentlichDie Sonnenbrillenträger sagen: Ich bin ein Star, Baby! Kann sein, dass du mich aus der "Gala" kennst

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