Russische Panzer beim Überschreiten einer Grenze – oder sind es sowjetische? Die Bilder, die gleich zu Beginn des Georgienkriegs um die Welt gingen, waren bleischwer von Geschichte und Gewalt. Kein scheinbar cleanes Hightech-Militärhandwerk, wie es die Amerikaner in ihren Golf- und Irakfeldzügen praktiziert haben, kein »asymmetrischer Krieg« gegen wieselflinke Terroristen oder islamische Milizen, wie er die Strategen des 21. Jahrhunderts sonst beschäftigt. Man sah die archaisch wirkende Macht einer niederwalzenden Armee, eine Szenerie wie aus einer Weltkriegs-Wochenschau. Und wie in einem Déjà-vu schienen sich noch einmal die Interventionen des kommunistischen Vorgängerstaats von Putins Russland zu wiederholen – 1979 in Afghanistan, 1968 in Prag, 1956 in Ungarn. Kleine, freiheitsliebende Völker, von Moskau unterworfen und beherrscht: das war eine der furchtbaren Konstanten des 20. Jahrhunderts. Daher die Beklemmung, die Europa bei den Nachrichten aus dem Kaukasus überkommt.

Der russisch-georgische Krieg hat die schwerste Weltkrise seit der amerikanischen Irakinvasion von 2003 gebracht. Für die Europäer und den Westen hängt noch mehr daran: die Frage, ob die Zeit der Freiheitsrevolutionen seit 1989 endgültig vorbei ist, ob ein Rollback gegen Demokratie und Selbstbestimmung im Osten eingesetzt hat. Michail Saakaschwili, der selbstherrliche und abenteuernde georgische Präsident, der durch seinen unberatenen Vorstoß nach Südossetien die ganze Katastrophe erst in Gang gesetzt hat, ist keine Identifikationsfigur wie die mitteleuropäischen Befreiungshelden Václav Havel oder Johannes Paul II. Aber eine Nachblüte der Volkserhebungen von 1989 war die georgische »Rosenrevolution« von 2003 doch, wie auch die »orange Revolution« 2004 in der Ukraine. Selbst wenn ein fragwürdiger Führer wie Saakaschwili gegen die russische Aggression an das Weltgewissen appelliert, bleibt der Stich von Ohnmachts- und Schamgefühl im Betrachter nicht aus.

Vor allem aber ist dies ein Entscheidungsmoment und Wendepunkt in unserem Bild von Russland und im Verhältnis zu ihm. In einem schleichenden, jahrelangen Prozess hatte der Putin-Staat (wieder) unheimliche Züge angenommen: ermordete kritische Journalisten, ein radioaktiv vergifteter Kremlgegner in London, bedrohliches Spielen an den Ventilen der europäischen Gasversorgung, Schikanen gegen ausländische Stiftungen und Unternehmen, eine plötzlich frostklirrende außenpolitische Rhetorik. Zugleich war das Russlandbild auch der Putin-Jahre immer wieder durchschossen von Hoffnungsstrahlen. Das Chaos der Jelzin-Ära wurde überwunden, die Deutschen blieben fasziniert von einem russischen Präsidenten, der ihre Sprache beherrschte, der Nachfolger Medwedjew erschien als Chance: eine bürgerliche Figur, ein Jurist, kein Soldat oder Geheimdienstmann, vielleicht kein Demokrat, aber ein Rechtsstaatler – am Ende doch die Möglichkeit eines anderen Russland?

Der Krieg wirkt jetzt wie die brutale Auslöschung dieser besseren Alternative, wie eine gewaltsame Vereindeutigung des Russlandbildes ins Finstere und Bedrohliche. Kein Vergleich zwar mit den Ängsten, die sich auf die Sowjetunion richteten, als Westeuropa im Kalten Krieg unter der atomaren Vernichtungsdrohung lebte. Aber das Unbehagen an Russland hat eine neue Qualität und Dimension gewonnen. Ist es von einer unheimlichen zu einer gefährlichen, zerstörerischen, feindlichen Macht geworden? Und wie stark ist es wirklich?

Die wahre Kränkung kommt von innen

Der Feldzug gegen Georgien war der erste Krieg Russlands gegen einen anderen Staat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die 58. Armee und Luftlandedivisionen zogen in ein Land ein, das sich im 19. Jahrhundert vor den Türken in den Schutz des Russischen Reiches gerettet hatte und wie Russland Mitglied der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ist. Russlands Kriegsoffensive führte weiter, als es das vorgebliche Ziel, der Schutz der südossetischen Bevölkerung, gerechtfertigt hätte: Bomben fielen auf die Städte Gori, Poti und Tbilissi im georgischen Kernland, Schiffe der Schwarzmeerflotte versenkten ein georgisches Kriegsschiff, und die abtrünnige Republik Abchasien errichtete eine zweite Front – auf Wunsch des russischen Außenministeriums, wie es die abchasischen Amtskollegen verkündeten. Die Waffen für die Front wurden auch auf Eisenbahngleisen transportiert, die russische Truppen Ende Mai in einer offiziell »humanitären Aktion« in Abchasien gelegt hatten. Der Krieg zielte in Wahrheit auf die georgische Souveränität und Selbstbestimmung, er sollte jenseits von Russlands Grenzen eine Einflusszone mit Interventionsrecht für Moskau etablieren. Die Nachbarn sollen Klienten, Trabanten, Vasallen sein.

Oft wird Russlands neue Aggressivität mit den äußeren Demütigungen erklärt, die es seit Anfang der 1990er Jahre erlitten hat: mit dem Verlust des Supermachtstatus durch den Zerfall der Sowjetunion, mit der Rücksichtslosigkeit des Westens, der das Land durch die Nato-Osterweiterung in die Enge gedrängt hat. Aber das erklärt nicht alles. Es muss in der russischen politischen Seele noch etwas anderes geben, einen Komplex von Demütigung und Revanche, der nicht von außen, sondern von innen wirkt. Dies ist ein Land, dessen Bevölkerung schrumpft – dem die Männer wegsterben, weil sie sich zu Tode trinken. Was für zerstörerische Spannungen mögen sich in einer Kollektivpsyche aufbauen, die diese Erniedrigungserfahrungen macht – und gleichzeitig über die kombinierte Energie- und Nuklearwaffe verfügt, wie ein Saudi-Arabien mit Atombomben?