Jeder Staat hat seine Gegner, aber in Italien hat der Staat einen Gegner mehr – nämlich sich selbst. Ministerpräsident Silvio Berlusconi will den Staat so schlank haben, dass er wie eine adrette Firma aussieht. Die Firma Italien soll sich nur noch um das Kerngeschäft kümmern und alles andere von Investoren erledigen lassen. Denn Investoren können, was der Staat angeblich nicht kann: Sie machen aus totem Kapital lebendiges Geld. Zum Beispiel aus Kulturgütern.

In Verona sollen demnächst drei Paläste versteigert werden, und in Agrigento verpachtet die Stadtverwaltung den Tempelbezirk. Nun fürchten Denkmalschützer, dass in den Kulturstätten bald Fremdfirmen ihr Wesen treiben. Zum Beispiel Spezialisten für Event-Unterwäsche oder andere Überlebenshelfer der bedrängten Menschheit. Auf zu Verdi-Versace in Alfa-Verona.

Aber wofür braucht man Denkmalschützer, wenn Kulturgüter bald privaten Investoren gehören? Giulio Tremonti, Minister für Wirtschaft und Finanzen, würde die Patrimonialgüter des Staates am liebsten in eine Aktiengesellschaft verwandeln, die ihr kulturelles Kapital meistbietend versteigert. Berlusconi gefällt das sehr. Als vorbereitende Maßnahme wird er die Kulturetats drastisch beschneiden, auch als "Kompensation für versprochene Steuererleichterungen" (FAZ). Eine Milliarde Euro wird dem Denkmalschutz entzogen, und danach ist dieser nur noch eine Ruine.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. In einem Stammland der klassischen Antike plündern die Regierungsparteien das unveräußerliche Erbe der res publicae; sie machen sich das Eigentum des Volkes zur Beute, um vom Volk wiedergewählt zu werden. Warum? Weil Staaten, die sich als Firmen verstehen, vor allem ein Programm haben: die Steuern zu senken. Gewählt wird, wer für die Zukunft die niedrigsten Abgaben verspricht. Race to the bottom nennt man das: Unterbietungswettbewerb, bis der letzte Marmordeckel vermietet ist. Diese Politik gibt es jedoch nicht gratis. Sie wird mit Vergangenheit bezahlt – und mit einer aggressiven Sicherheitspolitik, einer Großoffensive gegen Kleinkriminelle, gegen neue Arme, Schiffbrüchige, Hausierer, Lumpengesindel und allerlei Gelichter, die in Berlusconis Augen die Verkäuflichkeit des schönen Italien verschandeln. Schon patrouillieren Soldaten in den Städten; Polizisten erhalten Kopfprämien für die Ergreifung von Illegalen. Als Soforthilfe gegen den Hunger soll es Bettlern verboten werden, in Papierkörben nach Essen zu wühlen.

Dieser Sicherheitswahn ist nur die Kehrseite von Berlusconis Kulturkapitalismus, denn mit ihm demonstriert er Handlungsstärke. Ständig ruft Berlusconi, der Versuchsleiter im Labor der europäischen Demokratien, den nationalen Notstand aus, um ihn persönlich zu beseitigen. Der nächste Notstand schleicht schon um die Tür, es sind die Hunde in den Ruinen von Pompeji. Streunende Hunde gibt es dort zwar seit zweitausend Jahren, aber wenn auch dieses Kulturgut einmal verhökert werden sollte, verderben sie die Preise. Prada-Pompeji. Klingt auch nett. In Wahrheit ist die Kommerzialisierung der Kultur Betrug am Bürger, der jene Denkmäler finanziert hat, die ihm nun entzogen werden. Und die Steuererleichterung? Sie ist nur eine magere Rendite auf das bisher in den Denkmalschutz investierte Volksvermögen.