Italien Der Plünderer
Antike Stätten gehören bald privaten Investoren: Silvio Berlusconi kommerzialisiert die italienische Kultur

© Franco Origlia/Getty Images
Silvio Berlusconi
Jeder Staat hat seine Gegner, aber in Italien hat der Staat einen Gegner mehr – nämlich sich selbst. Ministerpräsident Silvio Berlusconi will den Staat so schlank haben, dass er wie eine adrette Firma aussieht. Die Firma Italien soll sich nur noch um das Kerngeschäft kümmern und alles andere von Investoren erledigen lassen. Denn Investoren können, was der Staat angeblich nicht kann: Sie machen aus totem Kapital lebendiges Geld. Zum Beispiel aus Kulturgütern.
In Verona sollen demnächst drei Paläste versteigert werden, und in Agrigento verpachtet die Stadtverwaltung den Tempelbezirk. Nun fürchten Denkmalschützer, dass in den Kulturstätten bald Fremdfirmen ihr Wesen treiben. Zum Beispiel Spezialisten für Event-Unterwäsche oder andere Überlebenshelfer der bedrängten Menschheit. Auf zu Verdi-Versace in Alfa-Verona.
Aber wofür braucht man Denkmalschützer, wenn Kulturgüter bald privaten Investoren gehören? Giulio Tremonti, Minister für Wirtschaft und Finanzen, würde die Patrimonialgüter des Staates am liebsten in eine Aktiengesellschaft verwandeln, die ihr kulturelles Kapital meistbietend versteigert. Berlusconi gefällt das sehr. Als vorbereitende Maßnahme wird er die Kulturetats drastisch beschneiden, auch als »Kompensation für versprochene Steuererleichterungen« (FAZ). Eine Milliarde Euro wird dem Denkmalschutz entzogen, und danach ist dieser nur noch eine Ruine.
Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. In einem Stammland der klassischen Antike plündern die Regierungsparteien das unveräußerliche Erbe der res publicae; sie machen sich das Eigentum des Volkes zur Beute, um vom Volk wiedergewählt zu werden. Warum? Weil Staaten, die sich als Firmen verstehen, vor allem ein Programm haben: die Steuern zu senken. Gewählt wird, wer für die Zukunft die niedrigsten Abgaben verspricht. Race to the bottom nennt man das: Unterbietungswettbewerb, bis der letzte Marmordeckel vermietet ist. Diese Politik gibt es jedoch nicht gratis. Sie wird mit Vergangenheit bezahlt – und mit einer aggressiven Sicherheitspolitik, einer Großoffensive gegen Kleinkriminelle, gegen neue Arme, Schiffbrüchige, Hausierer, Lumpengesindel und allerlei Gelichter, die in Berlusconis Augen die Verkäuflichkeit des schönen Italien verschandeln. Schon patrouillieren Soldaten in den Städten; Polizisten erhalten Kopfprämien für die Ergreifung von Illegalen. Als Soforthilfe gegen den Hunger soll es Bettlern verboten werden, in Papierkörben nach Essen zu wühlen.
Dieser Sicherheitswahn ist nur die Kehrseite von Berlusconis Kulturkapitalismus, denn mit ihm demonstriert er Handlungsstärke. Ständig ruft Berlusconi, der Versuchsleiter im Labor der europäischen Demokratien, den nationalen Notstand aus, um ihn persönlich zu beseitigen. Der nächste Notstand schleicht schon um die Tür, es sind die Hunde in den Ruinen von Pompeji. Streunende Hunde gibt es dort zwar seit zweitausend Jahren, aber wenn auch dieses Kulturgut einmal verhökert werden sollte, verderben sie die Preise. Prada-Pompeji. Klingt auch nett. In Wahrheit ist die Kommerzialisierung der Kultur Betrug am Bürger, der jene Denkmäler finanziert hat, die ihm nun entzogen werden. Und die Steuererleichterung? Sie ist nur eine magere Rendite auf das bisher in den Denkmalschutz investierte Volksvermögen.
- Datum 15.08.2008 - 14:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.08.2008 Nr. 34
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Wer keine Geschichte hat, kann diese ohne unbillen verhöckern.Wer den Staat und staatsanwälte als Feinde sieht (bei Berlusconi wohl nicht einmal zu unrecht), dem ist an der abschaffung des Staates gelegen oder zumindest an dessen verschlankung.Ein Dieb, der Angst vor Dieben hat und ein Staat der Angst vor den Bürgern hat - Italien. Militär zur erfüllung von Polizeiaufgaben und private Wach-&Sicherheitsfirmen als die wirtschfatlichere Variante für die Polizei. Ausgelagerte Dientleistungen und eine Firma namens Staat, die den Tod der Gemeinschaft darstellt, da sich letztendlich Gemeinschaft doch nicht monitär ausdrücken läßt.Verhältnisse, die auf effizients ausgelegt sein sollen, und nur die unmittelabre und schnelle effiziens dabei betrsachtet wird - schon Pyros hat zu seinem leidwesen erfahren dürfen, dass man sich auch zu Tode siegen kann.
...dieser mann. und auch noch ein selbstbescherter. armes italien!
nur gut, daß die Privatisierung staatlicher Aufgaben in D ebenso undenkbarist wie die Verscherbelung von Volksvermögen.
Bankrotterklärung - diese wurde damals eifrig glossiert - finde leider meinen Kommentar dazu leider nicht mehr - schon etwas her - egal - das Land mit der größten Anzahl UNESCO-Weltkulturstätten verkauft sich selbst - die Kassen der Oligarchen sind leer - dem Plebs kann kaum noch etwas aus den Rippen gedrückt werden. Wann hängen Werbebanner über dem Eingang zum Pantheon - und wann ist es beim Dom zu Köln soweit ? Wieviel Opium braucht das Volk, um weiter stillzuhalten - wann genügen auch Panem et circensis nicht mehr, Volkes Wille zu bändigen ? Aber - wie Keox schon sehr richtig sagt - wäre bei uns ja nicht denkbar so ´was - ingood old (...) Germany - dem US-Vasallenstaat nördlich der Alpen.(Sorry, Herr Kuhn - aber Sie wissen ja - ich zitiere hier nur den republikanischen Kandidaten für das Amt des Bosses im Weit- Haus-Hauptquartier und des nicht nur polit-kulturellen Leitbildes Italiens und eben auch Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg - Sie wissen auch, dass die Analogie zum Führerhauptquartier leider traurige Realität ist in diesen Zeiten des politischen Kastenwesens - und - da ist Italien einmal mehr ein bis zwei Schritte weiter - sozusagen -"kultureller Vorreiter" - auch, was die Zivilisations- und / oder Kulturvernichtung betrifft. )(Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf NS-Analogien. Die Redaktion/jk)
nur Waldschlösschenbrücke!..........................................Aber dieser Mann wäre ein Witz, wäre er nicht so gefährlich!Und Klein-Berlusconi Sarko übt auch schon.
Pompeji ist aber eine warnende Metapher - Siracusa dagegen winkt den Lüsternenden mit stozen Gebärden
Zeile 2: mit "stolzen", Gebärden sollte ..
IKB-RKN Terror der ÖkonomieAls 13jähriger1961,dann 62, 63 , war ich auf der Akropolis, es gab Tage mit Eintritt und welche ohne. Obwohl ich als Tramper nur wenig Geld dabeihatte, ging ich an Tagen mit Eintritt dahin, es war leerer.1973, 74, 1975 Besuch auf der Alhambra, freier Zugang mit etwas Eintrittsgeld, wunderbares Erlebnis. Dann 2001 wieder einmal nach Granada und Alhambra, mit Familie, Kindern, die sollten das auch einmal erleben - von Alhambra keine Spur, nur festungsähnliche Eintritts-Anlagen , Wachmänner, beschränkter Zugang....habe mich schon lange nicht mehr getraut, wieder mal nach Griechenland zu fahren, die Enttäuschung über gravierende Veränderungen könnte zu groß sein...Mag ja sein, daß diese Altertümer vor Besucherscharen aus aller Welt "geschützt" werden müssen, und daß sie Geld abwerfen müssen, der Unterhalt kostet schließlich... aber reicht da nicht ein Eintrittskassiererhäuschen und oben ein paar Wachpatrouillen?Daß den Politikerkasten immer nur einfällt, Eigentum der Allgemeinheit Privat"investoren" zum Abzocken zu überlassen? Das findet ja auch in anderen Bereichen statt, wo man das Verscherbeln von (Tafelsilber) Allgemeinvermögen wie Bundesbahn, Bundespost, Telekom, Autobahnen vornehm "Privatisierung" nennt und von "Verschlankung" des Staates spricht.Privatisierung ist Diebstahl. Dieser Ausdruck kursierte nach der Wende in Rußland. Inzwischen wird er auch hierzulande schon mal benutzt.
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