Lhasa rockt. Die Bühne im Nangma-Club Yungdrum Gyal ist dunkel bis auf zwei Körbe aus groben Holzscheiten, in denen orangefarbene Pergamentpapierstreifen züngeln; sie stellen Lagerfeuer dar. Im Scheinwerferlicht erscheint ein korpulenter Sänger mit Geheimratsecken, geblümtem Brokatgewand und dem Cowboyhut der tibetischen Nomaden. Unter kehligen, rodeoartigen »Ree! Ree!«-Rufen prescht der zentralasiatische Elvis über die Bühne. Dann stimmt er eine Ballade über die Qualen der Einsamkeit fernab des Heimatdorfs an. Und betet für seine Eltern. Eine junge Tibeterin im roten Trainingsanzug springt auf die Bühne und legt dem Sänger einen Khadak, einen Glücksschal, um den Hals, den sie am Eingang des Klubs gekauft hat. Unterdessen stöckeln Kellnerinnen in engen Kunstlederkostümen mit Tabletts voller Bierdosen durch den verrauchten Saal.

Ein normaler Abend in einem normalen Club im Norden von Lhasa. Nicht weit von hier, im Kloster Sera, liegen die Mönche schon lange in ihren kargen Klausen. Nangma ist das Gegenstück zur buddhistischen Askese. Bei der tibetischen Variante von Karaoke wird in Dutzenden Lokalen der tibetischen Hauptstadt exzessiv gefeiert: Sänger und Tänzer in Fellmützen, Pluderhosen und Seidenumhängen knödeln volkstümliche Schmachtfetzen mit indischen Einflüssen, schmettern Hirten-Balladen zu Hongkong-Pop-Harmonien und intonieren tibetische Trinklieder zu Techno-Beats.

Die Nächte in Lhasa sind lang. Dabei ist es erst vier Monate her, dass sich die tibetischen Bewohner Straßenschlachten mit chinesischen Ordnungshütern lieferten und zu Hunderten verhaftet wurden. Noch heute patrouillieren Soldaten im Stechschritt durch den historischen Kern der 3600 Meter hoch gelegenen Stadt, wo besonders viele junge Tibeter gegen die Herrschaft Pekings protestierten. Polizeieinheiten, stationiert unter grünen Sonnenschirmen, versperren mit Eisenketten Tag und Nacht jede Zufahrtsstraße in die engen Gassen. Überall im Stadtzentrum sind die zertrümmerten Fenster chinesischer Geschäftshäuser und ausgebrannte Lastwagen zu sehen. Alles wirkt wieder ruhig. Aber unterschwellig bleibt die Spannung in Lhasa zu spüren.

Kerzengerade sitzen die chinesischen Soldaten im Zuschauerraum

»Vorsicht«, raunt ein Kettenraucher mit Betonscheitel im Yungdrum Gyal und beugt sich verschwörerisch zum ausländischen Gast. »Die Geheimpolizei ist überall. Und sehen Sie die Leute da drüben?« Er nickt in Richtung einer Gruppe junger Männer, die sich Fleischspießchen servieren lassen. »Das sind Soldaten in Zivil. Die melden uns, wenn sie nur ein falsches Wort hören.« Das falscheste Wort, das man bis heute in Tibet sagen kann, lautet »Dalai Lama«. Das zweitfalscheste heißt »Unabhängigkeit«.

Doch im Yungdrum Gyal feiern ethnische Tibeter und Han-Chinesen, die mittlerweile fast ein Fünftel der Bevölkerung Lhasas ausmachen, ganz selbstverständlich gemeinsam. Genauer gesagt nebeneinander. Die Tibeter im Saal bevorzugen den Blick aus der Distanz – ernst dreinblickende Männer in schwarzen Anzügen, elegante Damen mit gepuderten Gesichtern in langen Abendkleidern, versoffen wirkende Halbstarke mit Tokio-Hotel-Frisuren und misslungenen Tätowierungen. Dralle Mädchen mit tiefen Ausschnitten präsentieren sich auf der Galerie, deren Holzstützen mit roten buddhistischen Symbolen verziert sind. Oder lümmeln sich in den goldbestickten Couchecken direkt darunter.

An der Bühne haben sich chinesische Touristenfamilien in bunt glänzender Synthetikmode niedergelassen, die obligatorischen Videokameras stets im Anschlag. Die chinesischen Soldaten sitzen kerzengerade und für alle gut sichtbar in Bundfaltenhosen und Bügelhemden an einem der vier ausladenden Holztische im Zentrum des Zuschauerbereichs.