Kaukasus-Krieg Der Bär und die Maus

Georgiens Unterwerfung ist Russlands imperialer Rückfall. Ein Kommentar

Russischer Machtfaktor: sein Militär

Russischer Machtfaktor: sein Militär

Diese Sprache haben wir schon lange nicht mehr gehört. »Unsere Panzer rollen in stählerner Kolonne«, jubilierte die Iswestija. Der »Aggressor« sei »bestraft« worden, triumphiert Präsident Medwedjew, nun werde die »georgische Führung zum Frieden gezwungen«. Man wähnt sich in dem Film Back to the Future – als hätte der durchgedrehte Physiker uns in die Aggressionskriege des 20. Jahrhunderts oder die Kolonial- und Eroberungskriege des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen.

Natürlich hat auch das Opfer Schuld, dieser ach so hitzköpfige Präsident Saakaschwili. Nachdem die Nato ihm und Kiew im März die Tür gewiesen hatte, hätte die grusinische Maus es besser wissen müssen, als sich mit den »Friedenstruppen« des russischen Bären in der abtrünnigen Provinz der Südosseten anzulegen. Die Tschechen hatten 1938 auch irgendwie Schuld. Warum haben sie in der Sudetenfrage 1938 nicht zuvorkommender gegenüber Berlin gehandelt? Dito die Polen 1939, die beim »Korridor« nach Danzig so verbohrt agierten wie »Graf Rotz« in der SPD.

Machen wir uns nichts vor: Saakaschwili bot nur den Anlass. Die Ursache dieses Krieges, des ersten »richtigen« im »Größeren Europa« seit 1945, heißt Russland. (Bosnien war ein Binnenkrieg, Prag 1968 eine imperiale Polizeiakion.) Genauer: 8/8 war Payback für 12/25, den Weihnachtstag 1991, als erstmals die russische Trikolore über dem Kreml aufgezogen wurde und das Sowjetimperium zwischen Ostsee und Zentralasien verschied. Das war die »größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts« für den neuen Zaren Wladimir Putin. Unter ihm begann 2000 die revisionistisch-expansionistische Phase russischer Politik; mit der De-facto-Einverleibung Georgiens hat sie ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

»Wir sagten, weiter ginge es nicht«, schrieb die Zeitschrift Westnik Ewropy 1870, nachdem Alexander II. im Gefolge des verlorenen Krimkriegs den Kaukasus unterworfen hatte. »Und gehen doch weiter, und hinterher hat sich noch jeder Nachbar mit unserer Eroberung abgefunden.«

Auch diesmal, nach dem plötzlichen Rückfall in die Geschichte, die wir zumindest zwischen Berkeley und Berlin, mit Auslegern nach Moskau und Peking, für überwunden hielten? Profit, Prestige, Vorteil – alles ja, aber mit Tankern statt Tanks, Pipelines statt Panzern. Diesen schönen Traum hat Moskau zerschlagen. Wie geht’s weiter?

Wirtschafts- und Psychokrieg hat der Kreml schon gegen das gesamte »Nahe Ausland« vom Baltikum bis zum Kaspischen Meer geführt, auch gegen EU-Länder wie Polen und Tschechien. Aber nackten Unterwerfungskrieg? »Ne kulturny«, muss die Kanzlerin Medwedjew am Freitag in Sotschi sagen, und zwar in diesem Sinne: Wollen Sie eine reiche und respektierte Macht oder wie das alte Russland sein – unsicher und aggressiv, ängstlich und auftrumpfend? Wir können und wollen keinen Krieg führen, aber wir werden es nicht zulassen, dass Sie die letzten Pipelines, die Russland umgehen, in die Hand des Kreml bringen.

Deshalb: Wollen Sie in den Club der verantwortungsbewussten Mächte – oder draußen Ihren Panzermotor aufheulen lassen? Das erzeugt viel Lärm, erschreckt die Nachbarn und macht sehr einsam.

 
Leser-Kommentare
  1. in den Kommentaren dürfte man so etwas nicht schreiben...das würde sofort zensiert.

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    • th80ej
    • 14.08.2008 um 18:26 Uhr

    oder erkennt ihr die Ironie nicht ???

    Der Vergleich zu Tschechien 1938 passt vortrefflich. Damals wollte das Deutsche Reich Deutsche im Ausland heim ins Reich holen. Genauso argumentiert Russland nun: "Wir müssen Russen in anderen Staaten beschützen". Russland bleibt mit seiner imperialistischen Politik ein Unsicherheitsfaktor in Europa. Es hat den Konflikt geschürt. Aus gutem Grund mahnen die osteuropäischen Staaten (Baltikum) harte Sanktionen gegen Moskau an. Die lange Besatzungszeit vergisst man eben nicht so leicht. Übrigens gibt es auch in den baltischen Staaten große russische Minderheiten. Warum holt Russland die nicht heim? Weil das Baltikum in der Nato ist. In Berlin kommt Kritik an Russland natürlich nicht gut an (könnte an den Gasimporten liegen, die wir unserem lupenreinen Demokraten Putin verdanken)Die Verfasser der meisten Kommentare zählen wohl zu der Sorte Mensch die 2003 "Kein Blut für Öl" skandierten. Wenn aber Blut für Gas fließt, dann ist das egal. Man will es ja mollig warm haben im Winter. An allem sind natürlich wieder die Amerikaner schuld....erbärmlich

    • th80ej
    • 14.08.2008 um 18:26 Uhr

    oder erkennt ihr die Ironie nicht ???

    Der Vergleich zu Tschechien 1938 passt vortrefflich. Damals wollte das Deutsche Reich Deutsche im Ausland heim ins Reich holen. Genauso argumentiert Russland nun: "Wir müssen Russen in anderen Staaten beschützen". Russland bleibt mit seiner imperialistischen Politik ein Unsicherheitsfaktor in Europa. Es hat den Konflikt geschürt. Aus gutem Grund mahnen die osteuropäischen Staaten (Baltikum) harte Sanktionen gegen Moskau an. Die lange Besatzungszeit vergisst man eben nicht so leicht. Übrigens gibt es auch in den baltischen Staaten große russische Minderheiten. Warum holt Russland die nicht heim? Weil das Baltikum in der Nato ist. In Berlin kommt Kritik an Russland natürlich nicht gut an (könnte an den Gasimporten liegen, die wir unserem lupenreinen Demokraten Putin verdanken)Die Verfasser der meisten Kommentare zählen wohl zu der Sorte Mensch die 2003 "Kein Blut für Öl" skandierten. Wenn aber Blut für Gas fließt, dann ist das egal. Man will es ja mollig warm haben im Winter. An allem sind natürlich wieder die Amerikaner schuld....erbärmlich

    • Rahab
    • 13.08.2008 um 20:04 Uhr

    an die geschichte vom kranken mann am bosporus...

  2. Wie schäbig. Dieser Artikel ist eine Schande für die Zeit und Helmut Schmidt. Und eine Beleidigung an den gesunden aufgeklärten Geist. Mehr kann man dazu nicht schreiben, einfach nur traurig.

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    Wäre es nicht angebrachter, ihre Kritik durch Argumente zu belegen? Denn so erscheint sie etwas leer.

    Wäre es nicht angebrachter, ihre Kritik durch Argumente zu belegen? Denn so erscheint sie etwas leer.

  3. bspiesser, Sie sind mir zuvor gekommen. Ich wollte Johannes Kuhn soeben auffordern, die Nazi-Passagen aus Joffes Artikel zu kürzen. Vielleicht sollten sie aber besser stehen bleiben, denn so kann sich jeder ein Bild von Joffes geistiger Verfassung machen.

  4. Der Kommentar ist durchaus lesenswert von  Joachim Fritz-Vannahme.
    Auch interessant der Bericht unten
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,571982,00.html

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    ... falls er geglaubt haben sollte, dass der Westen ihn bei seinen Bestrebungen unterstützen könne.  Georgien liegt hart an der russischen Grenze und damit innerhalb der russischen Hegemonie.  Es war einer von Gerhard Schröders zahllosen außenpolitischen Fehlern, Georgien die Mitgliedschaft in der NATO, ja sogar in der EU zu versprechen.  Russland wird nie tolerieren, dass Georgien der NATO beitritt.  Auch Amerika duldete es bekanntlich nicht, als die Sowjets zu Kennedys Zeiten ihre Raketen in Kuba, also innerhalb der amerikanischen Einflusssphäre zu stationieren versuchten. 
    Es existieren in der heutigen Welt gewisse unsichtbare Grenzen, die man vorsichtshalber besser nicht überschreiten sollte, ohne sich zuerst mit der Gegenpartei abgesprochen zu haben.  Deshalb suchten beispielsweise die USA erst die Unterstützung Chinas, bevor sie kürzlich mit Nordkorea über Atomwaffen verhandelten.  So erzielten sie einen Erfolg, der ohne Chinas Mitarbeit unmöglich gewesen wäre.

    ... falls er geglaubt haben sollte, dass der Westen ihn bei seinen Bestrebungen unterstützen könne.  Georgien liegt hart an der russischen Grenze und damit innerhalb der russischen Hegemonie.  Es war einer von Gerhard Schröders zahllosen außenpolitischen Fehlern, Georgien die Mitgliedschaft in der NATO, ja sogar in der EU zu versprechen.  Russland wird nie tolerieren, dass Georgien der NATO beitritt.  Auch Amerika duldete es bekanntlich nicht, als die Sowjets zu Kennedys Zeiten ihre Raketen in Kuba, also innerhalb der amerikanischen Einflusssphäre zu stationieren versuchten. 
    Es existieren in der heutigen Welt gewisse unsichtbare Grenzen, die man vorsichtshalber besser nicht überschreiten sollte, ohne sich zuerst mit der Gegenpartei abgesprochen zu haben.  Deshalb suchten beispielsweise die USA erst die Unterstützung Chinas, bevor sie kürzlich mit Nordkorea über Atomwaffen verhandelten.  So erzielten sie einen Erfolg, der ohne Chinas Mitarbeit unmöglich gewesen wäre.

  5. Manche Passagen hätten aus dem "faktenmagazin" Titanic sein können. Kam der Artikel nach einem persönlichen Gespräch mit Sakaschwili zustande?Die Vergleiche mit dem Deutschen Reich sind so unpassend und dämlich, dass einem die Sprache wegbleibt. "Die Ursache dieses Krieges, des ersten »richtigen« im »Größeren Europa« seit 1945, heißt Russland."Stimmt. 3.000 Deutsche KFOR Soldaten sind im Kosovo im Ferienlager und deutsche Bomber haben 1999 lauter Plüschtiere für Kinder abgeworfen. Wenn man Georien durch Serbien ersetzt und Russland durch die NATO und dazu noch Südossetien durch Kosovo, dann sehe ich bestimmte Parallelen. Aber ich bin ja kein großer Redakteur der Zeit, ich muss einfach daneben liegen."De-facto-Einverleibung Georgiens hat sie ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht." Wo ist der Unterschied zwischen einer Lüge und der Desinformation? Oder ist das Fantasie?

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    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklose Vergleiche dieser Art. Die Redaktion/jk)

    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklose Vergleiche dieser Art. Die Redaktion/jk)

  6. Ich werde die "Zeit" wohl künftig meiden.

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    • D.B.
    • 13.08.2008 um 22:01 Uhr

    hab's noch vor ein paar Jahre tatsächlich geglaubt, dass man
    in Deutschland, besonders bei der Presse, aufs gedrückte achtet... Leider muss
    ich eine Enttäuschung nach der anderen einstecken. Es wird ja noch besser: ARD
    - die Krone der "demokratischen" Berichtserstattung (übrigens, die
    sich ja über freie Bürgerspenden finanziert) - 20:00 Der nette Stephan Stucklik
    berichtet: Was wir da in 14 Stunden Fahrt gesehen haben muss ja Genozid über
    die kleine georgische Dörfer sein. Frage1: Wo war den die Kamera von den netten
    Stephan währen diesen 14 Stunden, wieso sieht man keinen getöteten Georgier.
    Ach, interessiert ja doch niemanden! Dafür vermutet ja Stephan gleich die
    gewünschte Richtung: Die russische Soldaten haben bestimmt schon mit Plünderungen
    angefangen. Im Hintergrund ein Paar Soldaten zusammen mit einem Zivilisten(!!!)
    eine tote Kuh schlachten(?). Kein Wort über die Anzahl der georgischen Dörfer
    in SO, kein Bild über zerstörten Zchinwali, nichts über das Leiden der Osetten.
    Und die Krönung: unter dem Bild schaffen die ARD-Experten die Stadt nicht einmal
    richtig ausschreiben!

    Thja... Danke Stephan! Danke ARD. Es lebe dieGEZ!

    P.S. Ja ich bin Russe. Und wissen Sie was!? Ich fange wieder an mein Land zu
    respektieren und stolz darauf zu sein!

    • Serjik
    • 13.08.2008 um 22:43 Uhr

    Obwohl die Artikel öfters ganz "seltsam" und nicht gerade unparteilich sind, dafür sind viele Kommentare durchdacht und intelligent.

    • D.B.
    • 13.08.2008 um 22:01 Uhr

    hab's noch vor ein paar Jahre tatsächlich geglaubt, dass man
    in Deutschland, besonders bei der Presse, aufs gedrückte achtet... Leider muss
    ich eine Enttäuschung nach der anderen einstecken. Es wird ja noch besser: ARD
    - die Krone der "demokratischen" Berichtserstattung (übrigens, die
    sich ja über freie Bürgerspenden finanziert) - 20:00 Der nette Stephan Stucklik
    berichtet: Was wir da in 14 Stunden Fahrt gesehen haben muss ja Genozid über
    die kleine georgische Dörfer sein. Frage1: Wo war den die Kamera von den netten
    Stephan währen diesen 14 Stunden, wieso sieht man keinen getöteten Georgier.
    Ach, interessiert ja doch niemanden! Dafür vermutet ja Stephan gleich die
    gewünschte Richtung: Die russische Soldaten haben bestimmt schon mit Plünderungen
    angefangen. Im Hintergrund ein Paar Soldaten zusammen mit einem Zivilisten(!!!)
    eine tote Kuh schlachten(?). Kein Wort über die Anzahl der georgischen Dörfer
    in SO, kein Bild über zerstörten Zchinwali, nichts über das Leiden der Osetten.
    Und die Krönung: unter dem Bild schaffen die ARD-Experten die Stadt nicht einmal
    richtig ausschreiben!

    Thja... Danke Stephan! Danke ARD. Es lebe dieGEZ!

    P.S. Ja ich bin Russe. Und wissen Sie was!? Ich fange wieder an mein Land zu
    respektieren und stolz darauf zu sein!

    • Serjik
    • 13.08.2008 um 22:43 Uhr

    Obwohl die Artikel öfters ganz "seltsam" und nicht gerade unparteilich sind, dafür sind viele Kommentare durchdacht und intelligent.

    • ugk
    • 13.08.2008 um 20:45 Uhr

    Und noch ein Transatlantiker erklärt uns die Welt. Die Rollen sind rethorisch sanft verpackt und doch klar verteilt. "Natürlich hat auch das Opfer Schuld, dieser ach so hitzköpfige Präsident Saakaschwili." Ach, unser kleiner Hitzkopf,  schlägt halt manchmal über die Stränge, das grusinische Mäuschen. Eigentlich ist er ganz lieb, wenn man ihn nicht provoziert. Die Nazikeule elegant geschwungen und unangreifbar über Bande gespielt, Tschechen=Polen=Georgier. Respect, nicely done! In ihrer Nichtkriegsklammer fehlt Kosovo 1999, hat der Volontär mal wieder die Delete-Taste erwischt, ärgerlich. Aber egal, war ja an sich auch nur eine humanitäre Intervention, passt also in die Reihe. "De-facto-Einverleibung Georgiens"? Steht der Russe schon in Tiflis? Die Medien hier in Berlin verschweigen das, aber HH war schon immer schneller. Schlimm, schlimm, alles was der Bär anfasst muss er verschlingen. 

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