Er sagt nichts. Hebt nur die Augenbraue. Das reicht. Sein Blick sagt deutlich, was er denkt: Die Frau hat einen Knall. Leute, die nach Sibirien wollten, okay, die mögen schon vor ihm am Berliner Servicepoint gestanden haben, auch Reisende nach Masuren oder in die Schweiz. Aber London? Warum, so sagt die Augenbraue des jungen Bahnangestellten, steigt die Frau nicht einfach ins Flugzeug und ist da? Nein, so einen Fall hat er noch nicht gehabt, helfen kann er nicht, keine Ahnung, wie das mit dem Umsteigen in Paris ist. Da soll ich den Schaffner fragen.

Berlin–Paris–London. Ab Hbf: 7.37 Uhr. An St. Pancras: 18.59 Uhr. Preis: 294,80 Euro. Es ist ein Experiment: Europa an einem Tag. Drei Welten, drei Metropolen, die so nah zusammengerückt sind, wie es früher undenkbar war. Vor allem den Streckenbeschleunigungen des letzten Jahres in Frankreich und England ist zu danken, dass man die tausend Kilometer Luftlinie auch am Boden elegant bewältigen kann. Elegant stelle ich es mir jedenfalls vor, am Morgen vom neuen Berliner Hauptbahnhof aufzubrechen und am Abend im neuen Bahnhof St. Pancras auszusteigen, ohne das Huschhusch der Fliegerei dazwischen. Mit dem Zug nach London – ist das nicht ein wenig wie mit dem Schiff nach New York?

Nein, ist es nicht. Schon der Berliner Hauptbahnhof enttäuscht. Das ist kein Ort, wo man sich einen Cappuccino bestellt und den Menschen beim Ankommen und Abschiednehmen zuschaut. Er erinnert eher an ein Vorstadteinkaufszentrum mit Gleisanschluss: Starbucks, Le CroBag, McPaper, Douglas, Blume 2000. Das DB Reisecenter ist kleiner als am alten Bahnhof Zoo, nach draußen fensterlos, seelenlos. Das Lebendigste ist der Mann, der davorsteht, mit Bauhelm, hochgeschobenem Sichtschutz und dicken Ohrenschützern. »Disco, Disco!«, ruft er in das Center wie eine geheime Botschaft, morgens um sieben.

Erst auf dem Bahnsteig offenbart sich der großartige Blick auf die Stadt: Reichstag, Kanzleramt, Potsdamer Platz, Fernsehturm. Aber da kommt schon der Zug. Reservierungspech, letzter Wagen, ich reise rückwärts, an der Wand zwischen zwei Fenstern, ein Sitzplatz nur mit Patchworkblick, hier ein Fetzen, dort ein Fetzen. Immerhin, das Innere des ICEs guckt man nicht ungerne an. Einrichtung und Komfort erinnern an ein Flugzeug in der Businessclass. Geschäftsmäßig geht es hier auch zu. Man hört kaum mehr als das Rascheln von Brötchentüten und Zeitungspapier, untermalt vom Klappern der Computertasten. Die meisten Ohren sind verstöpselt. Der Großraumwagen wird zum Großraumbüro.

»Braunschweig: Treffpunkt Zukunft«, steht auf dem Bahnhofsschild. Wir fahren durch grimmsches Märchenland, Fachwerkhäuschen, Kirchturmspitzen, weite Hügel. Selbst die Windräder passen da rein, das Ganze sieht aus wie von Faller gebaut. Der Himmel hängt tief, ein Ausblick zum Melancholischwerden. Im Gang, vor dem Klo, zeigt die Schaffnerin einem Japaner auf der Landkarte, wo wir gerade sind, »Göt-ting-en«, skandiert der Japaner entzückt, »Göt-ting-en!«, jubelt er. Die Schaffnerin nimmt ihn einen Augenblick lang in ihren üppigen Arm.

»Herzlich willkommen an Bord des ICE nach München!«, ruft »der Teamchef« nach jedem Halt über Lautsprecher. Das ist anders als bei einer Zugfahrt nach Sibirien. Da reist man über Tage mit Gleichgesinnten und hat dasselbe Ziel vor Augen. Meine Mitreisenden fahren nach Kassel oder Ulm. Einen Londoner Reiseführer aufzuschlagen wirkt hier lächerlich. Am Ende lasse ich ihn in der Hetze des Ausstiegs am Frankfurter Hauptbahnhof liegen.

Kühnere Naturen als ich wären erst mit dem nächsten Zug aus Berlin gekommen. Ihnen hätten 15 Minuten zum Umsteigen am Kopfbahnhof gereicht. Mich hat die Aussicht nervös gemacht: Ein bisschen Verspätung, und das war’s. Nach einer guten Stunde geht es weiter im nächsten ICE. Hier beginnt die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke Frankfurt–Paris. Aber davon merkt man bei den vielen Halten erst mal wenig. Die Besatzung ist binational: Eine deutsche Zugbegleiterin und ein französischer Schaffner kontrollieren gemeinsam die Billets. In seiner grauen Mütze und Uniform sieht der Franzose aus, als sei er geradewegs aus einem Film von Jacques Tati in den Waggon gestiegen.