Bahnfahrt London auf dem LandwegSeite 3/3
Der Bahnhof aus viktorianischer Zeit wurde großartig renoviert
Bis zum letzten Jahr konnte der Eurostar hinter dem Kanaltunnel nur noch zockeln. Die Gleise waren so veraltet wie im übrigen Land – einem Land, in dem man oft die Ansage hört, ein Zug verspäte sich wegen »Laub auf den Gleisen«. Die Privatisierung von British Rail in den Neunzigern ist schuld an diesem Fiasko. Der Stolz der Nation wurde zersplittert in lauter Regionalgesellschaften, an allem wurde gespart, an der Wartung, dem Material, dem Personal. Die Folge: ständige Verspätungen und einige verheerende Unglücke. Unsere Gleise sind neu, der Eurostar fährt wie der Blitz. Gut zwei Stunden nach der Abfahrt in Paris erreichen wir St. Pancras, den pompösen Bahnhof aus der viktorianischen Zeit, den goldenen Jahren der britischen Eisenbahn. Schon vom Abriss bedroht, wurde er 2007 großartig modernisiert und feiert nun wieder wie früher das Reisen.
Es ist ein Aufatmen nach dem engen Zug: so viel Raum! Das große gläserne Dach, das durchaus an den Berliner Hauptbahnhof erinnert, wirkt wie eine Befreiung. Aber es bleibt nicht viel Zeit, die Konstruktion zu bewundern. Am Ende des Gleises angekommen, muss ich schon wieder in den Untergrund, zu einer Art Ankunftsbereich. Dahinter liegt eine lange, helle Einkaufsmeile mit Läden und Lokalen, die sehr viel edler sind als in Berlin. Es gibt eine Champagnerbar im ersten Stock, aber ich setze mich unten ins Le Pain Quotidien und esse prawn avocado salad, kein billiges Vergnügen. Die Reisenden ziehen an mir vorbei wie auf dem Laufsteg, von links nach rechts, von rechts nach links. Eine Frau hält einen Hula-Hoop-Reifen in der einen Hand, eine Pizzaschachtel unter den anderen Arm geklemmt, eine Japanerin sitzt erschöpft auf der Bank und telefoniert, schmollende Kinder, entnervte Mütter, verliebte Paare, Rucksacktouristen, Aktentaschenträger, energisch, müde, unentschlossen, die Leute kommen in Schüben.
Im 19. Jahrhundert haben viele das Zugfahren verteufelt, es ging ihnen einfach zu schnell. Das Reisen werde »im genauen Verhältnis zu seiner Geschwindigkeit stumpfsinnig«, meinte der Schriftsteller John Ruskin. Die Eisenbahn verwandle den Reisenden in ein lebendiges Paket. Nach einem Tag an Bord von ICE und Eurostar versteht man, was er meinte.
Zurück werde ich fliegen, ab Stansted 19.45 Uhr, an Tegel 22.45 Uhr (inklusive einer Stunde Zeitverschiebung), Kosten: 53 Euro plus 10 Pfund für den Bus. Es ist so, wie der Mann am Servicepoint es sich gleich gedacht hat: Wer mit der Bahn von Berlin nach London reist, hat sehr viel Sorge um das Klima, Flugangst oder einen Knall.
Die »Europa Spezial«-Bahnfahrkarte für die Strecke von Berlin nach Paris kostet in der zweiten Klasse ohne Bahncard circa 89 Euro, für das Ticket von Paris nach London-St. Pancras sind 231,80 Euro zu zahlen,www.bahn.de
- Datum 26.08.2008 - 09:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.08.2008 Nr. 35
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Warum nicht ueber Koeln und Bruessel? Vielleicht mit einem 2-Stunden Abstecher im Museum Ludwig? Dann erspart man sich alle langen Wege ueber Jugenstiltreppen aus dem Amelie-Film, bekommt sogar die schoenen Ardennen zu sehen und kann das Reisen wirklich geniessen. Billiger wird es sowieso, und man muss auch nur eine kuerzere Strecke im engen, schaebigen Eurostar (endlich mal jemand, der das so direkt schreibt! Meine Beine danken es.) aushalten. Oder mit dem Nachtzug: nur 1x in Bruessel umsteigen und dann in St Pancras brunchen. Da gibt es sogar einen Spezialpreis der Deutschen Bahn - fuer die Fahrt, nicht das Brunch.Nun aber genug Werbung fuer die Bahn, bei den Verhaeltnissen in England faengt man an, den Kontinent etwas zu verklaeren...Viele Gruesse von der Insel,D. Maraun
...erstens wäre ich auch über Brüssel gefahren und zweitens in ihrer Bahnverklärung. Auch ich habe nach 2 Jahren in England regelmäßig Tränen der Rührung in den Augen, wenn ich die Wörter "Deutsche Bahn" höre und finde mich im Gespräch mit Freunden in Deutschland regelmäßig in der Position, selbige zu verteidigen.Erst vorgestern wieder kam mir die Deutsche Bahn vor wie eine schöne Erinnerung an die gute, heile Welt- als ich am Flughafen Gatwick feststellen musste, dass 21:20 an einem Sonntag zu spät ist, um irgendwo anders als nach London zu kommen und ich statt 2 Stunden Zugfahrt eine 5 stündige Odysse mit Zügen und Reisebussen bewältigen musste.Ja, die Deutsche Bahn ist zu teuer, manchmal zu spät und manchmal anstrengend, aber verglichen mit England ist das alles nichts...Grüße,Tobi
Ich freue mich schon auf die nächste Reportage über den
Vergleich einer Reise im Polo von Hamburg nach Bremen über Hannover über Bundesstraßen
mit dem Tiefflug eines Porsches vom Horster Dreieck zum Bremer Kreuz.
Wolfgang Edel
Wer Bahnfreund ist und gerne Bahn fährt der komme bitte in unsere Schweiz! Für mich ist die Diskrepanz gegenüber England noch viel extremer.
Übrigens profitieren auch wir von der neuen schnellen TGV-Verbindung nach Paris. 4 1/2-Std. ab Zürich kann eine valable Option sein auf den Flug zu verzichten.
Lassen Sie mich raten: Sie haben den Schlussatz geschrieben, bevor sie in Stansted engecheckt sind...
sollten Sie vielleicht hinzufügen, dass eine Hin- und Rückfahrt Brüssel-London (oder Paris-London), rechtzeitig gebucht, 80 Euro kostet. Wer für 230 Euro eine einfache Fahrt Paris-London bucht, ist selber schuld, dass er draufbezahlt.
Allerdings war der Eintritt eines Disasters ganz offensichtlich vorprogrammiert. Denn es geht eigentlich überhaupt nicht an mit der Bahn auf die britischen Inseln zu fahren. Fliegen ist eigentlich auch prolig. Der Zeppelin wäre akzeptabel, aber der fährt ja nicht mehr.
Die einzige standesgemäße Möglichkeit von Übersee nach Britanien zu gelangen ist ein Schiff! Aus diesem Grunde werde ich mich bereits in wenigen Wochen wieder zusammen mit meinem kleinen geschwinden silbernen Wägelchen einschiffen, den Gefahren der Nordsee trotzen um durch die herbstlichen Wälder Calledoniens zu streifen.
Eisenbahn in England?! Einmal, und nieeeee wieder!!!
.. dem empfehle ich Osteuropa. Dort ist sogar ein Schlafplatz bezahlbar. Ein bißchen flexibel sollte man dafür aber sein.
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