Wer vor lauter Tiefkühlpizzen, Kantinenessen und anderen trostlosen Sättigungsmöglichkeiten vergessen hat, worum es beim Essen eigentlich gehen könnte, sollte Rhym einmal zuschauen, wenn sie Couscous isst. Wie die junge Frau ihn mit den Fingern an die Lippen führt, auf der Zunge hin und her bewegt und mit »Mmmh!«, »Oh, ja!« oder »Das ist gut!« verabschiedet, bevor sie alles hinunterschluckt. Spätestens hier mag man sich wieder daran erinnern, dass der Sinn des Essens nicht allein in der Verhinderung des Hungertodes liegen kann. Dass zwischen Kauen und Schlucken mehr geschehen muss als die bloße Zerkleinerungsarbeit von Zähnen und Enzymen. Und dass zwischen einem einfachen Hirsekorn und einem perfekt gedämpften Coucous ein ganzes Drama, eine Romanze oder eben eine großartige Familiengeschichte Platz finden kann. So wie es Couscous mit Fisch, der dritte Film von Abdellatif Kechiche, ebenso sinnlich wie liebevoll vormacht.

Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film, der zum großen Teil aus Zubereitung und Verköstigung besteht. Zum anderen aber auch aus dem verzweifelten Versuch eines Werftarbeiters, nach der Entlassung eine neue Existenz zu gründen, sich in einem neuen Lebensabschnitt mit einer anderen Frau zurechtzufinden und eine zusammengewürfelte Großfamilie in allerlei Zwistigkeiten zu versöhnen. Im Zentrum steht der 60-jährige Slimane Beiji, wunderbar stoisch gespielt von dem Laiendarsteller Habib Boufares, der mit Kechiches verstorbenem Vater tatsächlich auf einer Werft arbeitete. Beiji hat sich in ein winziges Pensionszimmer zurückgezogen und lebt von Zigaretten und schwarzem Kaffee. Sein Kanarienvogel ist verstummt. Auch seine Freundin, die Wirtin, kann ihn kaum noch aufmuntern. Denn die Schiffsindustrie im südfranzösischen Sète läuft schlecht. Nach dem Jobverlust kauft Slimane mit seiner Abfindung einen rostigen Kutter, den er zum Restaurant umbauen will. Spezialität des Hauses soll »Couscous mit Fisch« werden, pikanterweise nach einem Rezept , das nur seine Exfrau beherrscht. Rhym (Hafsia Herzi), die Tochter seiner Freundin, steht ihm bei den Behördengängen zur Seite. Ein kleines nordafrikanisches Kulturzentrum soll es einmal werden, für Beschneidungsfeste, kulinarische und musikalische Zusammenkünfte. So steht es im Exposé, mit dem Rhym und Slimane sich um einen Kredit bemühen.

Couscous mit Fisch, der 2007 in Vendig mit dem Spezialpreis der Jury bedacht wurde, erzählt vom neuen Selbstbewusstsein einer zweigeteilten kulturellen Identität. Abdellatif Kechiche wurde 1960 in Tunis geboren, zog als Sechsjähriger mit seiner Familie nach Frankreich und wuchs in Nizza auf. Seine Filme wie L’Esquive (2003) und Voltaire ist schuld (2001) spielen auf einer Grenzlinie, sie blicken durch Frankreich auf Tunesien und umgekehrt. Sie zeigen die maghrebinischen Emi-granten der Banlieues ausnahmsweise einmal nicht in Banden- oder Drogenkriegen, nicht als reine Opfer polizeilicher Willkür oder postkolonialer Ausbeutung. Tunesisch sind bei ihm die Speisen, die Musik, die Tradition, die Familienstruktur, französisch deren Irritationen und Wandlungen. In Couscous mit Fisch sieht man keine Muslime beim Freitagsgebet, sondern Familien beim Essen, Streiten, beim Austausch von Alltäglichkeiten. Man trinkt Bier und Dattelschnaps, rechnet im Kreise der Verwandtschaft hoch, wie viel Geld die Windeln der zweijährigen Enkelin verschlingen, die einfach nicht ins Töpfchen pinkeln will. Zumindest nicht, solange Slimanes Tochter zeternd daneben steht. Die wiederum kämpft jeden Tag an allen Fronten und zeigt der Fischkonservenfabrik, in der sie arbeitet, dass man sich auch am Fließband nicht alles gefallen lassen kann. Man palavert über Globalisierungseffekte, über Abwanderung französischer Firmen ins Ausland und gekürzte Sozialleistungen und steht mit beiden Beinen in der französischen Gegenwart.

Nein, dieser Film braucht wirklich keine aufgepfropfte Dramatik, denn die Alltagsdramen sind allen Anwesenden schon genug. Da wäre Slimanes feiger Sohn Majid, der sich im tiefsten Herzen wünscht, sein Vater würde sich aufs Altenteil in Tunesien zurückziehen. Oder seine geschiedene Ehefrau, die es sich immer noch nicht nehmen lässt, ihrem Ex einen hübsch angerichteten Teller Couscous vorbeibringen zulassen. Natürlich geht auch hier die Liebe durch den Magen, und wenn Rhym von ebendiesem Teller kostet, scheint sie genau diese ungebrochene Solidarität und Zuneigung herauszuschmecken.

In Couscous mit Fisch erweist sich Kechiche als Meister der Küchen- und Tischgespräche. Und dank seiner ungemein agilen Kamera nimmt man wirklich an all den Mahlzeiten, stillen Verzweiflungsmomenten und dramatischen Familienstreitereien Teil. Wie er im Stimmgewirr banalste Kleinigkeiten mit Andeutungen wirklicher Tragödien verwebt, wie genau er die Familienangehörigen dabei beobachtet, wahre Gefühle unter kulinarischen Verrichtungen zu verbergen, das hat einfach Größe. Am Ende ist es wieder die wundervolle Rhym, die mit ihrer instinktiven Klugheit und derben Ehrlichkeit den ganzen Film grundiert. Um die wartenden Gäste beim Eröffnungsfest bei Laune zu halten, wartet sie mit einem langen Bauchtanz auf. In der filmischen Anbetung ihres kunstvoll zuckenden Bauches versöhnen sich französische Sparkassenrepräsentanten und Schuldner, die um Slimane konkurrierenden Frauen und die alte mit der neuen Heimat. Mit dem Tanz der jungen Frau verliert sich der Film in einem eigenen utopischen Zauber, der alle familiären Wirrnisse und schließlich sogar alle Fragen nach dem wirtschaftlichen Überleben aufs Leidenschaftlichste über Bord wirft.