Sie entsprach perfekt dem Ideal unserer Zeit, alles ging glatt, alles war eindeutig, sicher, Schritt für Schritt ein Aufstieg. Sie tat, was sie immer tun wollte, fuhr den großen Wagen, hatte das gute Gehalt, den verständnisvollen Mann, saß in einem Büro mit bestem Blick über die Hamburger Außenalster, erfuhr soziale Anerkennung, war rational, planend, positiv, und dann, ohne genau sagen zu können, wann, wo und warum, hatte sie auf einmal ihr Ich verloren. Sie konnte nicht mehr sagen: Ich spüre mich. Sie wusste nicht mehr zu sagen, wer sie war.

Miriam Schwarzenberg* war zu jener Zeit Head of Human Resources einer der größten Werbeagenturen Deutschlands, 40 Jahre alt, nach außen hin souverän, eine hart arbeitende Leistungsträgerin, die ihren Arbeitsalltag damit zubrachte, Personal zu akquirieren, Teams zu schmieden und einander plötzlich feindlich gesinnte Kollegen zum Coaching zu schicken, damit diese sich ihre Schwächen eingestehen. Und auf einmal war sie bei ihr gelandet, dieser furchtbaren Frage: Ist da was in ihrer Seele? Weil sie keine Antwort fand, entschied sie, zu einem Coach zu gehen. An einem Freitag im Juni begannen die Arbeiten an einem neuen Leben, begann die Arbeit am Vertrauen in das Leben.

Das Umdenken in Deutschland setzte vor etwa fünf Jahren ein. Bis dahin wurde belächelt, wer sich coachen ließ. Er war stigmatisiert als Verlierer, Schwächling, Kranker. Mittlerweile gilt Coaching als Zeichen hoher Wertschätzung. Wenn der einzelne Arbeitnehmer einen Coach zur Seite bekommt, ist das ein Signal: Wir schauen auf dich! In dich wollen wir investieren! Mittlerweile hat vermutlich jede zweite Führungsperson ihren ständigen Coach, in Großkonzernen werden ganze Abteilungen regelmäßig durchgecoacht, externe Coachs fördern den Teamgeist in mittelständischen Unternehmen, und selbst Kindergärtnerinnen lassen sich vom Coach durch den Arbeitsalltag führen. Was ist geschehen? Inwieweit sind einfache Lebensführungskompetenzen verloren gegangen, dass erwachsenen und überaus erfolgreichen Menschen das Gelingen des Lebens wieder beigebracht werden muss?

Der Begriff »Coach« ist schillernd und en vogue. Trainer von Fußballmannschaften heißen heute nicht mehr Trainer, sondern Coach, also hat Coaching etwas mit sozial akzeptierter Spitzenleistung zu tun. Ein Coach ist nicht etwa ein Berater, weil er kein spezifisches Fachgebietswissen vermittelt. Er ist kein Trainer, weil er weder bestimmte Fähigkeiten einübt, noch welche testet. Und er ist kein Therapeut, der, meist auf Basis von ärztlichen Überweisungen, psychopathologische Störungen behandelt. Coaching richtet sich an Personen, deren Selbststeuerungsfähigkeit funktioniert, die gezielt nach systematischer Veränderung oder Perfektionierung streben. In psychotherapeutische Behandlung dagegen geht, wessen Selbststeuerungsfähigkeit durch Neurosen, Psychosen, Angstzustände oder Depressionen deutlich eingeschränkt ist; obwohl Coaching manche Nähe zu verhaltenstherapeutischen Verfahren aufweist, ist es also definitiv kein Therapieersatz.

Es gibt Coachs für Dating, Sex, Stil, Benimm-Regeln – für jedefrau, jedermann

Wo der Therapeut sechs bis zehn Sitzungen braucht, um mühsam die Biografie des Patienten zu ergründen, zielt der Coach auf eine Lösung in kürzester Zeit. Das entspricht der Erwartung an das Individuum von heute, möglichst effektiv und effizient, möglichst schnell und ohne Zeitverlust agieren zu können. Lange Problemdiskurse verzögern den Ablauf, Verzögerungen kosten Geld, deshalb sind Unternehmen den Coachs auf einmal wohlgesinnt – aus vitalem Interesse, die Motivation des Mitarbeiters zu den eigenen Gunsten zu steigern.

»Was sind Ihre Themen?«, fragt Yvonne Bader an diesem Augustmorgen ihre Klientin in Bremen. Ein Suchprozess beginnt, der acht Stunden später zu einem völlig unerwarteten Ergebnis führen wird.