Österreich
Sieht das Kraftwerk der Zukunft so aus?
Erdöl ist teuer und knapp. Im Südburgenland kann man darauf verzichten. Ein Ausflug in die autarke Energieoase von Güssing
Güssing
Der Gast am Tresen des schummrigen Gasthauses Burgkeller zuckt mit den Achseln. »Mir egal, woher mein Strom kommt«, sagt der Mittfünfziger und nippt an seinem Bier. Eine ältere Dame, die gerade Platz genommen hat, widerspricht aber dem Ökomuffel: »Na, I bin scho stolz, weil wir von allen für unser Biomasse-Kraftwerk so viel gelobt werden.«
In Güssing findet an diesem Samstag der monatliche Bauernmarkt statt. Es ist einer der wenigen Tage, an denen richtig viel los ist in der 4000-Einwohner-Stadt im südlichen Burgenland, keine zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt.
An den Ständen werden Obst, Gemüse und Mehlspeisen, aber auch Schuhe und bunte Schürzen angeboten. Gleich neben dem Café Mocca spielt die örtliche Blaskapelle auf. Vor der Eisdiele sitzen Familien, die Dorfjugend schlendert lässig die Hauptstraße auf und ab. Hoch über der Stadt thront das Wahrzeichen der Region auf einem erloschenen Vulkankegel: eine Burgruine, Baujahr 1157. Güssing ist mit dem Auto nur über Landstraßen zu erreichen, es gibt keinen Eisenbahnanschluss. Das kleine Stadtkino ist in den Sommermonaten geschlossen. Es ist ein ruhiger, gemütlicher Ort, wie es viele im Burgenland gibt.
Vom österreichischen Mezzogiorno zum Labor für die Energiezukunft
Nichts deutet darauf hin, dass ausgerechnet dieses verschlafene Städtchen in den Augen der Welt ein Labor für die Zukunft sein soll. Jahr für Jahr pilgern mehrere Tausend Menschen aus aller Herren Länder hierher, um eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art zu bewundern: das Güssinger Biomasse-Kraftwerk. Ein technisches Wunderding, das die gesamte Gemeinde mit Wärme und Elektrizität versorgt, ohne dabei die Umwelt zu belasten.
Neugierige Besucher stehen in Güssing Schlange. Gestern waren slowenische Politiker hier, vorgestern Geschäftsleute aus Kanada. Heute ist eine Gruppe aus Japan angereist. Dreißig Männer in dunkelblauen Anzügen stehen wie neugierige Schuljungen im Halbkreis um Christian Keglovits, einen der Geschäftsführer des Kraftwerks, und lauschen andächtig den Erklärungen. Der schlaksige Mittdreißiger in Khakihosen und Holzfällerhemd erinnert eher an einen Freizeitcamper denn an einen Visionär auf dem Gebiet der Umwelttechnologie. Aber genau das ist Keglovits für die Besucher: Ein Revolutionär, der weiß, wie sich die Welt aus der Erdölabhängigkeit befreien könnte. Er steht inmitten von Mais- und Gerstefeldern drei Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Hinter ihm ragt ein über zwanzig Meter hoher Turm aus roten, gelben und blauen Stahlrohren in den Himmel. »Willkommen in der größten Biomasse-Energieanlage der Welt!«
Keglovits erklärt den Japanern, wie der Berg aus Holzschnitzeln zu seiner Linken bei 850 Grad verbrannt und anschließend das daraus gewonnene Gas abgekühlt und in elektrische Energie umgewandelt wird. Die Besucher aus Fernost kritzeln eifrig in ihren Notizblöcken und knipsen Fotos. »Wie viel Holz brauchen Sie, um Güssing einen Tag lang mit Energie zu versorgen?«, fragt einer. »Ungefähr 50 Tonnen«, antwortet Keglovits.
Den Rohstoff liefern die weiten Waldflächen rund um die Stadt. Die Holzschnitzel werden heute nicht mehr erhitzt und verbrannt, sondern unter Ausschluss von Luft und unter Zusatz von Wasserdampf vergast. Der Vorteil dieser neuen Methode: Es entsteht ein stickstoffarmes, hochwertiges Produktgas, aus dem nicht nur Wärme und Strom gewonnen werden können, sondern das auch zu synthetischem Erdgas und Treibstoff weiterverarbeitet werden kann. Dieses Verfahren wird in internationalen Fachkreisen als Sensation gewertet: Alle Wärme und aller Strom, der hier verbraucht wird, wird aus lokalen Ressourcen produziert. Und kostengünstig obendrein, weil die Verbrennung von Abfallholz um ein Viertel billiger als die von Erdgas oder Erdöl ist.
Güssing war nicht immer ein Anziehungspunkt für staunende Besucher – im Gegenteil. Bis in die frühen neunziger Jahre zählte das südliche Burgenland zu den am schwächsten entwickelten Regionen Westeuropas, irgendwo auf einer Stufe mit dem süditalienischen Mezzogiorno. Als die Region wirtschaftlich endgültig daniederlag, kam 1995 der EU-Beitritt Österreichs gerade rechtzeitig. Die Burgenländer kassierten viele Millionen an Regionalförderung, die zu einem großen Teil in erneuerbare Energie investiert wurden. Zwei Jahre nach der Eröffnung erlebte das Biomasse-Kraftwerk dann 1998 durch die Umrüstung auf das sogenannte Wirbelschicht-Dampf-Vergasungs-Verfahren seinen Durchbruch.
Das Kraftwerk ist heute das wirtschaftliche Rückgrat der Gemeinde. Über 50 Firmen haben sich bereits in Güssing angesiedelt und dabei mehr als 1000 Arbeitsplätze geschaffen. Die Stadtverwaltung hat ihre Einnahmen von 400000 Euro auf 1,4 Millionen Euro gesteigert und dabei ihre Energiekosten von 6,5 auf knapp drei Millionen Euro jährlich gesenkt. Kurz: Güssing erlebt ein regelrechtes Energiewunder, das in Zeiten, in denen der Ölpreis auf weit über 100 Dollar pro Fass gestiegen ist, mehr Aufmerksamkeit denn je erhält.
Heute hat sich die Creme der internationalen Energieforschung in Güssing angesiedelt und arbeitet an neuen Methoden der Energiegewinnung durch Wasserstoff oder Brennstoffzellen. Multinationale Konzerne wie VW, Daimler, Chrysler, Volvo und Renault sind hier an Forschungsprojekten beteiligt. Seit ein paar Jahren gibt es deshalb das Europäische Zentrum für erneuerbare Energie (EEE), eine Zentralstelle, die sich um so ziemlich alles, was mit erneuerbarer Energiegewinnung in und um Güssing zu tun hat, kümmert. Die 140 Beschäftigten haben bereits eine ganze Reihe von Vorzeigeprojekten realisiert. 13 hochmoderne Fernwärmeanlagen gibt es mittlerweile im gesamten Bezirk, außerdem eine Biogas-, eine Biostrom- und eine Photovoltaikanlage. 46 Prozent der Haushalte und 100 Prozent der öffentlichen Gebäude in der Energieoase sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Der Strom aus dem Biomassekraftwerk wird verkauft und in das Netz des Landesstromversorgers eingespeist. In Güssing wird derzeit doppelt so viel elektrische Energie erzeugt, wie die Stadt selbst benötigt.
In den vergangenen Jahren heimsten die Güssinger so einen Preis nach dem anderen ein, vom japanischen Eco-Tech-Award bis zum europäischen Solarpreis.
In der Mittagshitze von Güssing legt die Blaskapelle eine kurze Pause ein, die ersten Verkaufsstände des Bauernmarktes werden bereits wieder abgebaut. »Wir kennen uns ned aus mit dem Bio-Kraftwerk«, gestehen zwei Frauen, die vor dem geschlossenen Stadtkino Klatsch austauschen. Wie scheinbar viele hier sind auch sie von der Ökorevolution in ihrem Städtchen nicht übermäßig beeindruckt.
Ein paar Kilometer weiter draußen kehrt unterdessen die japanische Touristengruppe zu ihrem Bus zurück. Es geht weiter nach Strem. Die Marktgemeinde zehn Kilometer östlich von Güssing ist der zweite Wallfahrtsort der Öko-Pilger. Etwa 900 Einwohner leben in diesem typisch burgenländischen Dorf, das man mit dem Auto in knapp zwei Minuten durchfahren hat. An der Hauptstraße gibt es einen Friseur, eine Bank, eine Tankstelle und zwei Cafés. Die wenigen Häuser haben flache Dächer, die Jalousien sind heruntergelassen. Rundherum nichts als Wiesen und Wälder. Knapp vor dem Dorfzentrum ragt der Speicher des örtlichen Biogas-Kraftwerks hoch, in dem aus Mais und Klee Wärme und Strom erzeugt werden. Das Kraftwerk sieht ein wenig aus wie ein übergroßes Zirkuszelt aus dunkelgrauen Kunststoffplanen. Wieder kritzeln die Japaner in ihren Blöcken. »Wer hatte die Idee für eine energieautarke Gemeinde?«, fragt ein Japaner.
Mal lässt Arnold Schwarzenegger anrufen, mal ein EU-Umweltminister
Der Mann, der die Idee des Kraftwerks umsetzte, heißt Peter Vadasz und ist bis heute Bürgermeister von Güssing. Es ist Montagmorgen. Vadasz sitzt in dem Besprechungszimmer des Rathauses im dritten Stock. Hinter seinem Platz führen große Glastüren hinaus auf den Balkon; die Vorhänge sind in Rot-Gold gehalten, den Landesfarben. »Ich will gar nicht wissen, wie es Güssing heute ohne die erneuerbare Energie ginge«, sagt der ÖVP-Politiker. »Jetzt prahlt jeder mit uns, jeder will auf den fahrenden Zug aufspringen«, meint er etwas selbstgefällig. Das war zu Beginn ganz anders. Da sei man »von den meisten Leuten belächelt und von manchen sogar verspottet worden«, erinnert sich der Bürgermeister des Energie-Mekkas.
Zu Beginn, das war in den neunziger Jahren. Der Gemeinderat ging damals auf der Suche nach Einsparungsmöglichkeiten das Gemeindebudget durch. »Wir sind drauf gekommen, dass das meiste Geld für den Ankauf von Öl, Strom und Kraftstoffen draufging», sagt Vadasz. Deshalb wollten die burgenländischen Ökopioniere künftig einen möglichst hohen Eigenversorgungsgrad in der Energiegewinnung aus erneuerbaren Rohstoffen anstreben. Der Bürgermeister beschloss, den damaligen technischen Leiter der Stadtverwaltung, Reinhard Koch, mit der ehrgeizigen Aufgabe zu betrauen. Der Ingenieur, den lokale Zeitungen gerne »Mister Biomasse« nennen, entwickelte ein einfaches, aber wirkungsvolles Konzept: »Ich hab mich umgesehen, und mir fiel auf, dass wir viele Ressourcen ungenutzt lassen. Zum Beispiel den Wald, der 45 Prozent der Gemeindefläche bedeckt.« Fast 2500 Hektar ungenutztes Energiereservoir. Von diesem Zeitpunkt an sei alles einfach gewesen, sagt er: »Energie zu erzeugen ist genauso wenig kompliziert, wie eine Kläranlage zu betreiben.«
Bei Koch klingelt heute andauernd das Telefon. Einmal ist es der Umweltbeauftragte des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger, dann wieder ein EU-Umweltminister. Mindestens einmal im Monat sind Bürgermeister Vadasz und Ingenieur Koch heute in der Welt unterwegs, um ihr Konzept vorzustellen.
Es ist 15 Uhr. Der Bauernmarkt in Güssing geht zu Ende, die Cafés leeren sich, die Standler räumen ihre Waren weg. Die Familien fahren ins nahe Freibad. Die Älteren kehren zurück in ihre kleinen Häuser. Für die Bewohner von Güssing war es ein ganz normaler Sommertag – für die Besucher aus Tokyo ein aufregender Besuch bei einem kleinen Weltwunder.
- Datum 30.9.2008 - 14:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.08.2008 Nr. 35
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