Seit drei Jahrzehnten das gleiche Ritual: Im Aufschwung wächst die Hoffnung, dass die Massenarbeitslosigkeit endet. Das ist auch diesmal so. Der Höhepunkt des Konjunkturbooms ist überschritten, und die Kommentatoren freuen sich darüber, dass erstmals der sogenannte Arbeitslosensockel leicht nachgegeben hat: die Zahl jener Menschen, die auch im Wirtschaftswachstum keine Arbeit finden. Sie sank in den alten Bundesländern von 2,5 Millionen zum Jahrtausendwechsel auf heute 2,2 Millionen.

Es gibt trotzdem keinen Grund zum Jubeln. Der Sockel ist nach wie vor sehr hoch. In der alten Bundesrepublik hat er einmal bei 150.000 Personen gelegen. Heute und auf absehbare Zeit ist in ganz Deutschland mit hartnäckiger Arbeitslosigkeit für 3 Millionen Menschen zu rechnen, auch in der Hochkonjunktur. Im kommenden Abschwung wird sich auf diesem Sockel wieder neue, konjunkturelle Arbeitslosigkeit aufbauen. Dieser harte Kern entzieht sich allen konventionellen Arbeitsmarkttherapien.

Die Ursachen dieses Problems liegen tief. Massenarbeitslosigkeit kann viele Gründe haben: Staatsversagen wie in der Hyperinflation von 1923; Marktversagen wie in der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre oder sogenannte strukturelle Ursachen. Wir müssen heute vorwiegend auf die Letzteren schauen: schwere organisatorische Verwerfungen des Arbeitsmarktes, die uns daran hindern, die wertvolle Ressource Arbeitskraft produktiv einzusetzen.

Viele sehen das so: Die Massenarbeitslosigkeit sei das sichtbare Zeichen des Niedergangs des deutschen Modells der korporativen Marktwirtschaft. Zu inflexibel, zu teuer, global nicht wettbewerbsfähig. Doch der jüngste Aufschwung hat das Gegenteil bewiesen. Deutschland ist Exportweltmeister. Zwei Drittel der Wirtschaft verdienen gutes Geld mit einem nachhaltig produzierenden und hochpreisigen Modell der nachindustriellen Maßschneiderei.

Die deutsche Volkswirtschaft leidet unter einem anderen Strukturproblem: an einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, dem ein Überschuss an unqualifizierter Arbeitskraft gegenübersteht. Dieser entzieht sich jeder produktiven Verwendung. Er will so gar nicht in eine Wirtschaft passen, deren wichtigste Exportbranchen – Maschinenbau, Chemie, Fahrzeuge und Elektrotechnik – den Großteil ihrer Wertschöpfung aus verwissenschaftlichter Produktion gewinnen. Mehr als zwei Drittel der Erwerbstätigen üben heute qualifizierte bis hochqualifizierte Tätigkeiten aus, vom Facharbeiter bis zum Spitzenmanager. Sie sind unbestritten wettbewerbsfähig.

Die Arbeit der anderen gut 30 Prozent wird hingegen kaum noch nachgefragt. Ein Vergleich der qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten macht dies deutlich. In den vergangenen drei Jahrzehnten lag die Arbeitslosenquote der Hoch- oder Fachschüler in den alten Ländern bei 3,3 Prozent, die der Kräfte ohne Berufsabschluss aber blieb bei 19,8 Prozent.

Dahinter verbirgt sich die zentrale Ursache der Massenarbeitslosigkeit. Die wirtschaftspolitische Fehlsteuerung, die für diese Misere verantwortlich ist, liegt lange zurück. Die besonderen Bedingungen der Rekonstruktionsperiode förderten nach dem Zweiten Weltkrieg einen Anachronismus: Sie machten standardisierte Massenproduktion erstmals auch in Deutschland marktfähig. Der Triumph der Fließbandarbeit hatte jedoch arbeitsmarktpolitische Folgen. Weil die fordistische Fabrik unqualifizierte Arbeitskräfte brauchte und zudem relativ gut bezahlte, sank die Attraktivität beruflicher Bildung.