LiteraturWer bin ich für Dich?

fragt Ingeborg Bachmann den Geliebten Paul Celan in ihrem letzten Brief an ihn. Der Band »Herzzeit« erzählt die Geschichte einer Liebe von Peter Hamm

Lange war diese Liebe ein großes Geheimnis. Dann wurde sie zum kleinen Gerücht. Jetzt ist sie öffentlich zu besichtigen im Spiegel der Briefe, die sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan zwischen 1948 und 1967 geschrieben haben, Briefe, die in ihrem tragischen Glanz so einzigartig wie verstörend sind. Jetzt werden die vielfältigen Spuren, die diese Liebe im Werk beider Dichter hinterlassen hat, nicht länger akademisch bewispert und dadurch verwischt, sondern es darf die Sprache der Liebe selbst sprechen, und was sie uns verrät, ist weit mehr Schreckliches als Schönes. Mögen Liebe und Scheitern ohnehin Synonyme sein, im Falle dieser beiden Dichter wurde die Liebe über alles Scheitern hinaus zum Liebesmartyrium, bei dem sich die Geschichte als weitaus stärker erwies als die Liebesgeschichte. Wer wie Paul Celan in den Abgrund der Geschichte geblickt hatte und den Todeslagern, in denen seine Eltern ermordet wurden, nur knapp entgangen war, den trennte auch noch von dem ihm Liebsten dieser Abgrund, zumal wenn die Geliebte, wie Ingeborg Bachmann, die Tochter eines Nazis der ersten Stunde war.

Ingeborg Bachmann hat in einer der Albtraum-Sequenzen ihres Romans Malina, in der sie in der Figur des Fremden mit dem schwarzen Mantel Paul Celan heraufbeschwört, ihr eigenes Liebesschicksal in Verbindung gebracht mit Celans jüdischem Schicksal, wobei sie die Deportation und den Sprung in die Seine, mit dem dieser seinem Leben ein Ende machte, miteinander verknüpfte: »Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.« Ist das nur Literatur, oder war das so? In Wahrheit wird Ingeborg Bachmann, wie die meisten Sterblichen, wohl sich selbst am meisten geliebt und von Männern vor allem Selbstbestätigung erwartet haben. Von Paul Celan fühlte sie sich wohl, bei aller Hingerissenheit seinerseits, viel zu wenig bestätigt in dem, was ihr Lebensmittelpunkt war, nämlich ihr Schreiben. Während sie in ihren Briefen auf fast jedes seiner Gedichte liebevoll einging, äußerte er sich nur sehr sporadisch zu den ihrigen. In ihrem 1961 geschriebenen (allerdings nie abgeschickten) Abrechnungs- und Abschiedsbrief an Paul Celan fragt sie ihn unumwunden: »Wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren?«, um sich dann nicht nur gegen seine Dichter-Monomanie, sondern auch gegen seinen Status als ewiges Opfer aufzulehnen: »Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein… Du willst der sein, der dran zuschanden wird.« Das Zuschandengehen blieb, wir wissen es, auch ihr nicht erspart. Auch sie wurde, was Celan immer schon war, ein Opfer – und sei es auch nur ein Opfer der vielen falschen Männer, die sie sich erwählte.

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Der Erste in diesem Männer-Reigen war – sieht man einmal von dem Kärntner Nazischriftsteller Josef Friedrich Perkonig ab, den sie in ihrem Jugendwerk Briefe an Felician noch anhimmelte, später aber radikal aus ihrer Biografie strich – der Remigrant Hans Weigel, der als Literaturpapst im Nachkriegswien alle Fäden zog und ihr eminent nützlich war, aber bald auch lästig wurde, nachdem sie im Mai 1948 den aus Rumänien geflohenen staatenlosen Celan zum ersten Mal getroffen hatte. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. »Der surrealistische Lyriker Paul Celan« habe sich »herrlicherweise« in sie verliebt, schreibt sie am 20. Mai 1948 ihren Eltern, ihr Zimmer sei ein »Mohnfeld«, denn er würde sie »mit dieser Blumensorte überschütten«. Drei Tage später widmet Celan ihr zu ihrem 22. Geburtstag sein Gedicht In Ägypten, das diesen Briefwechsel eröffnet und das die Geliebte als die Fremde feiert, die der Geliebte freilich nur mit dem Schmerz um die ermordeten Geliebten zu schmücken vermag: »Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemie.« Auch wenn Celan ihr neun Jahre später das Gedicht in Erinnerung ruft und schreibt: »So oft ichs lese, seh ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst«, blieb sie für ihn stets die Fremde – und ebenso blieb er der Fremde für sie.

Nachdem Paul Celan Ende Juni 1948 dem immer noch tiefbraunen Wien den Rücken gekehrt hat und nach Paris übergesiedelt ist, während sie in Wien an ihrer Doktorarbeit über Martin Heidegger arbeitet, gesteht sie ihm in einem ihrer ersten Briefe nach Paris, dass sie manchmal nicht wissen wolle, »woher Du kommst und wohin Du gehst«: »Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist.« Doch dann bricht der österreichisch-feudal geprägte Backfisch in ihr durch, der Glück mit Schloss identifiziert: »Ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschner Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.« Freilich folgt die Desillusion sofort: »Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde, alles ist flach und schal, müde und verbraucht.« Fortan werden ihre wie seine Briefe vornehmlich auf die Frequenz der Klage gestimmt sein und lange Perioden des Schweigens folgen. Am 20. August 1949 erklärt Celan ihr, er habe auch deshalb lange geschwiegen, »weil ich nicht wusste, was Du über jene kurzen Wochen in Wien denkst. Was konnte ich aus Deinen ersten, flüchtig hingeworfenen Zeilen schließen, Ingeborg? Vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Nur sage ich mir manchmal, dass mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist.«

Ihre Antwort fällt prosaisch aus: »Ich weiß nicht, warum ich Dich will und wozu. Darüber bin ich sehr froh. Ich weiß das sonst zu genau… Du wirst Dir ja denken können, dass die Zeit seit Dir für mich nicht ohne Beziehungen zu Männern vergangen ist… Aber nichts ist zur Bindung geworden, ich bin unruhiger als je.« Nebenbei gesteht sie ihm, dass sie »jemand auf eine private Reise nach Paris mitnehmen« will, und vertröstet ihn mit dem, was zwischen den Zeilen ihres Briefes stehe. Doch im September 1950 beschließt sie plötzlich die Übersiedlung nach Paris und zu Celan: »Ich freue und fürchte mich abwechselnd auf das Kommende; die Furcht überwiegt noch. Versuche bitte, gut zu mir zu sein und mich festzuhalten! Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener Traum und es gibt Dich gar nicht und Paris nicht…«

Halt konnten sich beide nicht geben, ihre Pariser Monate wurden zum Desaster. An Hans Weigel, von dem sie sich immer noch nicht wirklich gelöst hat, berichtet sie, der Versuch des Zusammenlebens habe »strindbergisch« geendet. Im Juni 1951 schreibt sie Celan aus Wien: »Weißt Du eigentlich noch, dass wir doch, trotz allem, sehr glücklich miteinander waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsere schlimmsten Feinde waren? Warum spürst Du nicht mehr, dass ich noch zu Dir kommen will mit meinem verrückten und wirren und widerspruchsvollen Herzen, das ab und zu noch immer gegen Dich arbeitet? Ich liebe Dich und will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer; aber ich liebe Dich vor allem…« Celans Antwort fällt fast väterlich besorgt aus, und es spricht alte Weisheit aus ihr: »Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass Du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern. Dazu – und nicht nur dazu – brauchst Du Ruhe, Ingeborg, Ruhe und Gewissheit, und ich glaube, Du erreichst sie am besten, wenn Du sie bei Dir und nicht bei andern suchst. Du hast bisher mehr vom Leben gehabt, Inge, als die meisten Deiner Altersgenossen… Sei nun ein wenig sparsamer mit Deinen Ansprüchen… Ich sage Dir all das, weil ich Dich vor einem gewissen Erfolg warnen möchte: er kann nur sehr kurzlebig sein, und Menschen, die wie Du im Schweren beheimatet sind, sollten ihn zu umgehen wissen.«

Leserkommentare
    • wergi
    • 03. September 2008 16:03 Uhr

    eine tiefe, lang andauernde, verwirrte, zerstörerische... usw. Liebe. eine Liebe eben, wie sie nur von zwei Menschen gelebt werden kann. zufällig waren diese beiden auch noch Dichter und Literaten. deshalb nun die veröffentlichung dieser briefe? keine privatsphäre für die beiden? natürlich liest man gerne und voller begeisterung und anteilnahme diese texte - doch auch verschämt, also "gespalten", denn es ist doch sehr intim. sie  ziehen einen unglaublich in ihren
    Bann, die beiden, mit ihrer Mimosenhaftigkeit, Feinfühligkeit und Unfeinfühligkeit,
    ihrem Ernst, der ganzen Trauer und "Schuld".
    Darüber hinaus bekommt man viel mit von Alltagsnöten wie etwa Geldsorgen, und sonstigen Plänen und Hoffnungen, Ungenügen an sich und anderen,
    überraschenden Wendungen im Leben, Enttäuschungen, Zusammenbrüchen. Allein die
    Briefüberschriften! Bachmann z.B. schreibt
    "Liebster, Liebster Paul", und Celan antwortet mit einem simplen
    "Ingeborg". Humor ist selten, oft unfreiwillig (z.B. als
    Celan sich bei Bachmann beschwert, man hätte seine Art, Gedichte
    vorzulesen, mit der Heinz Ehrhardts verglichen), es wird viel gelitten,
    viele Vorwürfe und Anklagen werden lautgemacht, viel Verzweiflung mit
    großem Pathos. Wirklich sehr beeindruckend, für Fans ein must-have!

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