Lange war diese Liebe ein großes Geheimnis. Dann wurde sie zum kleinen Gerücht. Jetzt ist sie öffentlich zu besichtigen im Spiegel der Briefe, die sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan zwischen 1948 und 1967 geschrieben haben, Briefe, die in ihrem tragischen Glanz so einzigartig wie verstörend sind. Jetzt werden die vielfältigen Spuren, die diese Liebe im Werk beider Dichter hinterlassen hat, nicht länger akademisch bewispert und dadurch verwischt, sondern es darf die Sprache der Liebe selbst sprechen, und was sie uns verrät, ist weit mehr Schreckliches als Schönes. Mögen Liebe und Scheitern ohnehin Synonyme sein, im Falle dieser beiden Dichter wurde die Liebe über alles Scheitern hinaus zum Liebesmartyrium, bei dem sich die Geschichte als weitaus stärker erwies als die Liebesgeschichte. Wer wie Paul Celan in den Abgrund der Geschichte geblickt hatte und den Todeslagern, in denen seine Eltern ermordet wurden, nur knapp entgangen war, den trennte auch noch von dem ihm Liebsten dieser Abgrund, zumal wenn die Geliebte, wie Ingeborg Bachmann, die Tochter eines Nazis der ersten Stunde war.

Ingeborg Bachmann hat in einer der Albtraum-Sequenzen ihres Romans Malina, in der sie in der Figur des Fremden mit dem schwarzen Mantel Paul Celan heraufbeschwört, ihr eigenes Liebesschicksal in Verbindung gebracht mit Celans jüdischem Schicksal, wobei sie die Deportation und den Sprung in die Seine, mit dem dieser seinem Leben ein Ende machte, miteinander verknüpfte: »Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.« Ist das nur Literatur, oder war das so? In Wahrheit wird Ingeborg Bachmann, wie die meisten Sterblichen, wohl sich selbst am meisten geliebt und von Männern vor allem Selbstbestätigung erwartet haben. Von Paul Celan fühlte sie sich wohl, bei aller Hingerissenheit seinerseits, viel zu wenig bestätigt in dem, was ihr Lebensmittelpunkt war, nämlich ihr Schreiben. Während sie in ihren Briefen auf fast jedes seiner Gedichte liebevoll einging, äußerte er sich nur sehr sporadisch zu den ihrigen. In ihrem 1961 geschriebenen (allerdings nie abgeschickten) Abrechnungs- und Abschiedsbrief an Paul Celan fragt sie ihn unumwunden: »Wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren?«, um sich dann nicht nur gegen seine Dichter-Monomanie, sondern auch gegen seinen Status als ewiges Opfer aufzulehnen: »Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein… Du willst der sein, der dran zuschanden wird.« Das Zuschandengehen blieb, wir wissen es, auch ihr nicht erspart. Auch sie wurde, was Celan immer schon war, ein Opfer – und sei es auch nur ein Opfer der vielen falschen Männer, die sie sich erwählte.

Der Erste in diesem Männer-Reigen war – sieht man einmal von dem Kärntner Nazischriftsteller Josef Friedrich Perkonig ab, den sie in ihrem Jugendwerk Briefe an Felician noch anhimmelte, später aber radikal aus ihrer Biografie strich – der Remigrant Hans Weigel, der als Literaturpapst im Nachkriegswien alle Fäden zog und ihr eminent nützlich war, aber bald auch lästig wurde, nachdem sie im Mai 1948 den aus Rumänien geflohenen staatenlosen Celan zum ersten Mal getroffen hatte. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. »Der surrealistische Lyriker Paul Celan« habe sich »herrlicherweise« in sie verliebt, schreibt sie am 20. Mai 1948 ihren Eltern, ihr Zimmer sei ein »Mohnfeld«, denn er würde sie »mit dieser Blumensorte überschütten«. Drei Tage später widmet Celan ihr zu ihrem 22. Geburtstag sein Gedicht In Ägypten, das diesen Briefwechsel eröffnet und das die Geliebte als die Fremde feiert, die der Geliebte freilich nur mit dem Schmerz um die ermordeten Geliebten zu schmücken vermag: »Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemie.« Auch wenn Celan ihr neun Jahre später das Gedicht in Erinnerung ruft und schreibt: »So oft ichs lese, seh ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst«, blieb sie für ihn stets die Fremde – und ebenso blieb er der Fremde für sie.

Nachdem Paul Celan Ende Juni 1948 dem immer noch tiefbraunen Wien den Rücken gekehrt hat und nach Paris übergesiedelt ist, während sie in Wien an ihrer Doktorarbeit über Martin Heidegger arbeitet, gesteht sie ihm in einem ihrer ersten Briefe nach Paris, dass sie manchmal nicht wissen wolle, »woher Du kommst und wohin Du gehst«: »Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist.« Doch dann bricht der österreichisch-feudal geprägte Backfisch in ihr durch, der Glück mit Schloss identifiziert: »Ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschner Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.« Freilich folgt die Desillusion sofort: »Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde, alles ist flach und schal, müde und verbraucht.« Fortan werden ihre wie seine Briefe vornehmlich auf die Frequenz der Klage gestimmt sein und lange Perioden des Schweigens folgen. Am 20. August 1949 erklärt Celan ihr, er habe auch deshalb lange geschwiegen, »weil ich nicht wusste, was Du über jene kurzen Wochen in Wien denkst. Was konnte ich aus Deinen ersten, flüchtig hingeworfenen Zeilen schließen, Ingeborg? Vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Nur sage ich mir manchmal, dass mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist.«

Ihre Antwort fällt prosaisch aus: »Ich weiß nicht, warum ich Dich will und wozu. Darüber bin ich sehr froh. Ich weiß das sonst zu genau… Du wirst Dir ja denken können, dass die Zeit seit Dir für mich nicht ohne Beziehungen zu Männern vergangen ist… Aber nichts ist zur Bindung geworden, ich bin unruhiger als je.« Nebenbei gesteht sie ihm, dass sie »jemand auf eine private Reise nach Paris mitnehmen« will, und vertröstet ihn mit dem, was zwischen den Zeilen ihres Briefes stehe. Doch im September 1950 beschließt sie plötzlich die Übersiedlung nach Paris und zu Celan: »Ich freue und fürchte mich abwechselnd auf das Kommende; die Furcht überwiegt noch. Versuche bitte, gut zu mir zu sein und mich festzuhalten! Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener Traum und es gibt Dich gar nicht und Paris nicht…«

Halt konnten sich beide nicht geben, ihre Pariser Monate wurden zum Desaster. An Hans Weigel, von dem sie sich immer noch nicht wirklich gelöst hat, berichtet sie, der Versuch des Zusammenlebens habe »strindbergisch« geendet. Im Juni 1951 schreibt sie Celan aus Wien: »Weißt Du eigentlich noch, dass wir doch, trotz allem, sehr glücklich miteinander waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsere schlimmsten Feinde waren? Warum spürst Du nicht mehr, dass ich noch zu Dir kommen will mit meinem verrückten und wirren und widerspruchsvollen Herzen, das ab und zu noch immer gegen Dich arbeitet? Ich liebe Dich und will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer; aber ich liebe Dich vor allem…« Celans Antwort fällt fast väterlich besorgt aus, und es spricht alte Weisheit aus ihr: »Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass Du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern. Dazu – und nicht nur dazu – brauchst Du Ruhe, Ingeborg, Ruhe und Gewissheit, und ich glaube, Du erreichst sie am besten, wenn Du sie bei Dir und nicht bei andern suchst. Du hast bisher mehr vom Leben gehabt, Inge, als die meisten Deiner Altersgenossen… Sei nun ein wenig sparsamer mit Deinen Ansprüchen… Ich sage Dir all das, weil ich Dich vor einem gewissen Erfolg warnen möchte: er kann nur sehr kurzlebig sein, und Menschen, die wie Du im Schweren beheimatet sind, sollten ihn zu umgehen wissen.«

Im September 1951 schickt Ingeborg Bachmann den Ring, den ihr Paul Celan im Vorjahr geschenkt und nun wiederhaben will hat, an ihn zurück, aber ohne den Brief, den sie ihm dazu geschrieben hat und in dem sie beteuert: »Ich habe Dir nichts zu sagen, als dass mein Gewissen vor den Toten, die diesen Ring getragen haben, besteht.« Ein Jahr später tauscht Paul Celan mit Gisèle de Lestrange, die er im November 1951 kennengelernt hat, die Ringe. Seine Frau, die die Fremde schon im Namen trägt, stammt aus einer erzkatholischen französischen Adelsfamilie, deren Ahnengalerie bis in die Kreuzfahrerzeit zurückreicht. Sie wird alles, was ein Mensch überhaupt für einen anderen tun kann, für Paul Celan tun, in einer Selbstlosigkeit, die ans Heiligmäßige grenzt. Und sie wird ihn dennoch nicht vor sich selbst retten können. Es empfiehlt sich, den bewegenden Briefwechsel zwischen Gisèle und Paul Celan parallel zu lesen zu dem zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan (möglichst in der bei Editions du Seuil erschienenen französischen Ausgabe, die nicht nur umfangreicher, sondern auch in jener Sprache geführt ist, die über zwei Lebensjahrzehnte Celans Alltagssprache war), wird doch das Schicksal dieser beiden Frauen lange aneinander gebunden bleiben.

»Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren… Ich will überhaupt nichts mehr. Fürchte auch nicht, dass ich noch einmal davon zu sprechen beginne – ich meine vom Vergangenen«, schreibt Ingeborg Bachmann im Frühjahr 1952 an Paul Celan, der sie darum gebeten hat, nicht mehr nach Paris zu kommen, und der ihre Freundschaft gleichzeitig erbittet und verwirft (»die Freundschaft weigert sich hartnäckig, rettend auf den Plan zu treten«). In dieser Phase einer »schrecklichen Unversöhnlichkeit«, die von ihm ausgeht und die sie in Depressionen stürzt, bleibt ihr nur die Rolle einer Vermittlerin, die alle ihre Kontakte im Literaturbetrieb ausnützt, um für Celans Lyrik zu missionieren. So erreicht sie, dass Celan im Mai 1952 zur Frühjahrstagung der Gruppe 47 nach Niendorf eingeladen wird, wo sie ihm wieder begegnet, aber schon ihr erstes Gespräch mit ihm »all meine Hoffnungen und Bemühungen des vergangenen Jahres zunichte gemacht hat«. Er wiederum wirft ihr vor, sie habe ihn im Stich gelassen, als die Lesung seiner Gedichte mit der Landsermentalität einiger Autoren der Gruppe 47 kollidierte (»der liest ja wie Goebbels«, ließ einer verlauten).

»Ich verstehe nicht, warum Du ein paar Stunden oder Tage später, nachdem ich schon wusste, dass Du zu jemand anderem gehst, mir vorwerfen konntest, dass ich in diesem deutschen ›Urwald‹ nicht bei Dir gewesen sei«, schreibt sie ihm am 10. Juli 1952. »Sag mir, wie kann ich bei Dir sein, wenn Du schon längst von mir gegangen bist.«

Auf der Herbsttagung der Gruppe 47 trifft Ingeborg Bachmann im November 1952 den jungen Komponisten Hans Werner Henze, dessen Grazie, Noblesse, Witz, Enthusiasmus und kindlicher Übermut sie entzücken und der sie zu sich nach Italien einlädt. Für vier Jahre wird sie mit ihm zusammenleben, ein Leben, das nach Henzes Zeugnis ein ewiges Fest war, wenn diesem Fest auch die Sexualität fehlte. Ein Leben, dem wir nicht nur die herrlichen Libretti zu einigen Henze-Opern verdanken, sondern auch einige der schönsten Gedichte Ingeborg Bachmanns. »Manchmal wünsche ich mir, nie mehr zurück zu müssen nach ›Europa‹«, schreibt sie an Celan im September 1953 aus Forio d’Ischia und erwähnt nebenbei, sie lebe »ganz allein«. Tatsächlich dauert es sehr lange, bis Celan von der Existenz Henzes etwas erfährt, während Henze selbst niemals den Namen Paul Celan vernimmt. Bachmanns Manie, ihre Beziehungen in hermetisch voneinander abgeschotteten Parallelwelten zu führen, wird sie später, vor allem in der Verbindung zu Max Frisch, dem Weltmeister der Eifersucht, mit Zerrüttungen bis zum Wahnsinn bezahlen müssen. Wenn Henze und Ingeborg Bachmann trotz ihrer differenten sexuellen Orientierung sogar die Heirat erwogen, erklärt sich das wohl daraus, dass ihr ein geschwisterliches Zusammenleben als Versprechen eines angstfreien Raums vorschwebte, als Gegenwelt zu jenem »dunklen Erdteil« der Liebe, wo Lust und Schrecken so nahe beieinanderliegen.

Nach vier Jahren, in denen kein Brief zwischen ihnen gewechselt wurde, treffen sich im Oktober 1957 Ingeborg Bachmann und Paul Celan anlässlich einer Tagung der Gesellschaft für geistige Erneuerung in Wuppertal erstmals wieder, und mit der neu und rauschhaft aufflammenden Liebesleidenschaft kehren auch alle früheren Schrecken und Ängste zurück. Die Wiederbegegnung löst in Celan eine Flut von Gedichten aus, mit denen er die Geliebte überschüttet, das vielleicht schönste unter ihnen, Köln, am Hof, in dem Celan das Hotel in der Straße Am Hof in der Nähe des Kölner Doms, in dem beide genächtigt haben, zur Heimstatt für die werden lässt, die sich nicht nur lange verloren hatten, sondern eigentlich Verlorene waren von Anbeginn an: »Verbannt und Verloren / waren daheim«. »Nous deux encore«, die Gedichtzeile von Henri Michaux (die Celan mit »Noch immer und wieder, wir beiden« übersetzt hat), nimmt Ingeborg Bachmann in ihrem verzweifelten Brief aus München vom 28. Oktober 1957 zwar inbrünstig wieder auf, um Celan dann dennoch anzuflehen, seine Frau und das gemeinsame Kind – er hat Gisèle bereits die Trennung verkündet – nicht zu verlassen. »Wenn ich an sie und das Kind denken muss – und ich werde immer daran denken müssen – werde ich Dich nicht umarmen können.«

Auch wenn Ingeborg Bachmann im selben Brief den Geliebten fragt: »Sind wir nur die Geträumten?«, vermag sie dann doch nicht auf die Fortführung der sehr realen Liebesbeziehung mit ihm zu verzichten, zumal ihre Skrupel auch dadurch gemildert werden, dass Gisèle Celan ihren Mann ausdrücklich darum gebeten hat, zu seiner Geliebten zu fahren, deren Not ihr in Ingeborg Bachmanns Gedichten, die sie inzwischen mit großer Erschütterung gelesen hat, bewusst wurde. (In ihrem an Celan gerichteten Tagebuch schreibt sie: »Welch schreckliches Schicksal. Sie hat Dich so geliebt, sie hat so sehr gelitten. Wie konntest Du so grausam zu ihr sein. Jetzt bin ich ihr näher, ich akzeptiere, dass Du sie wiedersiehst, ich bleibe ruhig. Du bist ihr das schuldig.«)

Was die Liebenden künftig an Irritationen, Missverständnissen, Schmerz und Entfremdung erfahren werden, hat nur noch bedingt mit der Tatsache zu tun, dass Ingeborg Bachmann zunächst wieder zu Henze nach Neapel zurückkehrt und Paul Celan seine Ehe mit Gisèle weiterführt – inzwischen wechseln die beiden Frauen sogar Briefe –, und nicht einmal mit dem Auftritt von Max Frisch, den Ingeborg Bachmann bei einem Paris-Besuch im Juli 1958 erstmals trifft. In den nächsten vier Jahren wird sie in Zürich und Rom mit Frisch zusammenleben, obwohl sie sich innerlich nicht von Celan gelöst hat; schon ihr erster Brief aus Zürich spricht von »Leerlauf, Zweifel, Niedergeschlagenheit«, und fast alle folgenden Briefe betteln Celan nicht nur um ein Wiedersehen an, sondern sind Zeugnisse der »Öde, die sich in mir fortsetzt«, und der Erschöpfung: »es zerbricht mir alles«. Die Gründe, warum auch Celan »ganz zerfallen mit mir und allem« ist, haben Ursachen, die äußerlich als Liebesnot erscheinen mögen, aber für ihn an jenes zentrale Trauma der Judenvernichtung rühren, der seine Eltern zum Opfer fielen und dem er nicht nur die Todesfuge, sondern sein ganzes Werk abgerungen hat.

»Grabschändung« nennt er denn auch eine unterschwellig antisemitische Rezension seines Gedichtbands Sprachgitter durch Günter Blöcker im Berliner Tagesspiegel, die ihn ebenso wie die infamen Plagiatsvorwürfe Claire Golls, die gestreut hatte, Celan habe das Werk ihres Mannes Yvan Goll geplündert, bis ins innerste Mark trifft. Fortan verbraucht er alle seine Kräfte damit, sich zu verteidigen und in Deutschland Verbündete gegen Blöcker und Claire Goll zu finden. Dass er sich dabei auch von jenen, die er bisher für seine nächsten Freunde hielt, nie genügend unterstützt fühlt, treibt ihn schließlich in eine immer ausweglosere Paranoia. Um Hilfe – also eine öffentliche Stellungnahme – gebeten hat er in seiner Verzweiflung auch den neuen und so prominenten Gefährten seiner Geliebten, Max Frisch. Doch den Brief, mit dem ihm Frisch schließlich nach drei Briefanläufen antwortet, empfindet er als tief verletzend, hat Frisch darin doch geäußert, dass Celans »Anrufung der Todeslager unerlaubt und ungeheuer« sei, wenn in seinem Zorn über Blöcker auch nur ein Funke von Autoren-Eitelkeit und -Ehrgeiz mitschwinge. (»Feigheit, Verlogenheit, Infamie«, notiert Celan in seinem Tagebuch.)

Auch wenn Max Frisch seine eigene Abgründigkeit gern mit Bonhomie kaschiert, weiß Ingeborg Bachmann doch, dass auch er ein Verwundeter ist, und die Loyalität zu ihm erlaubt ihr nicht, sich so rückhaltlos bei Frisch für Celan zu verwenden, wie dieser es von ihr erwartet. Dass nicht nur Frisch, sondern auch sie überhört hat, was Celan seinen »Notschrei« nennt (»Du hörst ihn nicht, bist nicht bei Dir … bist … in der Literatur«), veranlasst ihn, sie zu bitten, ihm nicht mehr zu schreiben noch ihn anzurufen. Am 18. November 1959 schreibt sie ihm dennoch: »Hier die letzten Tage, seit Deinem Brief – es war entsetzlich, alles im Wanken, dem Bruch nahe, jetzt sind jedem von jedem soviel Wunden geschlagen. Aber ich kann und darf von hier nicht reden. Von uns muss ich reden. Das darf nicht sein, dass Du und ich einander noch einmal verfehlen – es würde mich vernichten.«

Im Februar 1960, nachdem der Konflikt zwischen Loyalität und Liebe sie zu zerbrechen drohte, entscheidet sie sich endgültig gegen die Liebe: »Nach allem, was geschehen ist, glaube ich, dass es für uns kein Weiter mehr gibt. Es ist mir nicht mehr möglich.« Möglich sind dann zwar noch Begegnungen in Zürich (wo beide Nelly Sachs treffen, die zur Verleihung des Droste-Preises in Meersburg angereist ist) und in Paris, wo Ingeborg aber jeweils in Begleitung von Max Frisch erscheint und man meist über Abwehrstrategien gegen Claire Golls Plagiatvorwürfe berät, während Celan und Ingeborg Bachmann nur Momente der Heimlichkeit bleiben, um einander in ihr Herz sehen zu können. »Konturloses, darum noch unglücklicher machendes Gespräch«, notiert Celan nach der Zürcher Begegnung in sein Tagebuch.

Da ihr eine Freundschaft, »die hinausgeht über Mitgefühl«, nicht mehr möglich erscheint und ihr nach vielen Beleidigungen und Drohungen Celans – einmal nennt er sie seine Mörderin – auch das Mitgefühl fast abhandengekommen ist, rafft sie sich im September 1961 zu jenem todtraurigen (nie abgeschickten) Abschieds- und Abrechnungsbrief auf, in dem es heißt: »Ich bin oft sehr bitter, wenn ich an Dich denke, und manchmal verzeihe ich mir nicht, dass ich Dich nicht hasse… Ich denke viel an Gisèle und bewundere sie für eine Größe und Standhaftigkeit, die Du nicht hast… ich glaube, dass ihre Selbstverleugnung, ihr schöner Stolz und ihr Dulden vor mir mehr sind als Dein Klagen. Du genügst ihr in Deinem Unglück, aber Dir würde sie nie in einem Unglück genügen. Ich verlange, dass ein Mann genug hat an der Bestätigung durch mich, aber Du billigst ihr das nicht zu, welche Ungerechtigkeit.«

Am 24. November 1965 begeht Celan einen Tötungsversuch an seiner Frau und wird danach in der Zwangsjacke in die Psychiatrie eingewiesen. Wieder entlassen, versucht er am 30. Januar 1967 erneut, Gisèle und den Sohn Eric zu töten, und wird erneut zwangseingewiesen. Nach dem letzten Zwangsaufenthalt in der Psychiatrie im Winter 1968/69 sucht er am 20. April den Tod in der Seine. »Die Liebe, zwangsjackenschön«: Um die schreckliche Wahrheit dieser Zeile aus Celans Gedichtband Fadensonnen zu erfahren, braucht es nicht das Wissen um seine Zwangsaufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Die Briefe, die sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan geschrieben haben, bezeugen nichts anderes als diese Wahrheit.

Nachdem auch die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch im Fiasko geendet hat und alle Schlösser sich als Luftschlösser erwiesen haben, die post festum von ihr gern mit Hasstiraden besprüht werden – so wird etwa im Roman Malina Frisch als »Herr Ganz« zur Horrorfigur –, erscheint Paul Celans Bild in ihrem Werk als jene wunderbare, wenngleich dunkle Sehnsuchtsfigur, zu der er für sie schon bei ihrer ersten Begegnung wurde und die von der Wirklichkeit nun bis zu ihrem Tod – sie starb 47-jährig im Jahr 1973, drei Jahre nach Celans Tod, an den Folgen von Brandverletzungen in Rom – nicht mehr entzaubert werden konnte. »Celan war kein Mensch, sondern eine blutende Wunde«, schrieb Émile Cioran. Man kann auch eine Wunde lieben, zumal wenn man eine große Dichterin ist.

Zu dieser Ausgabe ist anzumerken, dass der Kommentar uns oft im Stich lässt. Die Übersetzung der Briefe von Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, die dieser Ausgabe beigegeben sind, ist alles andere als geschmeidig, ja sogar gelegentlich grammatikalisch falsch (»Schreiben Sie mir von Ihnen«). Am ärgerlichsten ist der Klippschulstil des Nachworts von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou (»Schreiben ist beiden keine einfache Sache, auch Briefe-Schreiben nicht«). Auch Amtsdeutsch-Begriffe wie »diesbezüglich« haben in einer Ausgabe eines Dichter-Briefwechsels nichts zu suchen, so wenig wie das Wort »Partner«, das man Eheinstituten überlassen sollte.