Alles begann mit einer verrückten Idee eines unkonventionellen Gelehrten. Der angehende Mediziner Paul Ehrlich beobachtete 1886 bei Experimenten ein obskures Phänomen: Methylenblau, ein kurz zuvor bei BASF synthetisierter Farbstoff, färbte lebende Nervenzellen blau. Womöglich könne das offenbar ungiftige Molekül Nervenkrankheiten heilen, notierte der Gründervater der modernen Arzneitherapie kühn. Schon 1890 testete Ehrlich Methylenblau erstmals an Menschen – zunächst als Arznei gegen Nervenentzündungen, ein Jahr später auch gegen Malaria. Mit unklarem Erfolg.

Knapp 120 Jahre nach Ehrlichs Versuchen, Ende Juli beim internationalen Alzheimerkongress in Chicago, erlebten die Delegierten einen ebenso furiosen wie kuriosen Neuauftritt des Farbstoffs. Verblüfft vernahmen die Fachleute die Ergebnisse einer klinischen Untersuchung, bei der Alzheimerkranke mit Methylenblau behandelt worden waren. »Einige Patienten in unserer Studie haben nach der Einnahme bisher keine weitere Verschlechterung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit erlebt«, erklärte der Studienleiter, Claude Wischik von der Universität Aberdeen: »Wir sehen darin ein Signal.«

Das wichtigste Ergebnis der komplexen Studie der Phase 2b lautet: Bei Patienten, die 60 Milligramm Methylenblau täglich geschluckt hatten, war die Erkrankung, anders als in der Kontrollgruppe, selbst nach 19 Monaten kaum merklich vorangeschritten. Sollte das stimmen, hätte das alte Arzneimittel mehr erreicht als die gesamte moderne Pharmabranche.

Wischik erklärt auf Nachfrage, er habe schon mehr als 500 Anfragen von Patienten erhalten. Dabei rät er eindringlich davon ab, auf eigene Faust frei käufliches Methylenblau zu schlucken. »Das kann gefährlich enden«, warnt der Forscher. Es komme auf die Reinheit und richtige Formulierung an. Zudem werde sich die »Wahrheit über diese Substanz« erst zeigen, wenn die nächste Stufe der klinischen Erprobung beendet sei. Falls die Behörden anhand der vorliegenden Daten grünes Licht gäben, könne die entscheidende Studie (Phase 3) schon 2009 an 80 bis 100 Standorten starten. Dazu soll auch die Berliner Charité zählen.

Rethinking Alzheimer’s, kommentierte das US-Blatt BusinessWeek. Tatsächlich bietet nicht nur die Methylenblau-Studie Anlass zur Neubewertung der Erklärungsmodelle für das Hirnleiden. Seit Langem schwelt unter Forschern ein Richtungsstreit zwischen »Tauisten« und »Beta-Apisten«. Sie zanken, welche der zwei klassischen pathologischen Eiweißablagerungen im Hirn ursächlich für das Alzheimerleiden seien und daher therapeutisch verhindert werden müssten: Lösen »Tau-Filamente« den Untergang der Neuronen aus? Oder vielmehr als »Amyloid-Plaques« bezeichnete Eiweißklumpen im Nervengewebe, die gleichfalls neurotoxisch wirken sollen?

In den vergangenen Jahren schien die Kontroverse entschieden – zugunsten der Amyloid-Verfechter. Doch sämtliche Wirkstoffe, die Pharmaunternehmen auf Basis dieser Theorie entwickelten, scheiterten bisher in der klinischen Prüfung. Obwohl sie die Ablagerungen (Plaques) im Hirn auflösen oder verhindern können, stoppen sie den geistigen Verfall der Patienten kaum. Das Methylenblau-Präparat indessen richtet sich gegen Tau-Fibrillen. Sollte sich seine Wirksamkeit bestätigen, muss die Alzheimerforschung umdenken.

»Dieser erste relativ große Versuch klingt aufregend«, sagt Clive Ballard, Forschungsdirektor der US-Alzheimer’s Society. »Womöglich ist das Medikament mehr als doppelt so effektiv wie jede andere verfügbare Therapie.« Noch sei man aber nicht am Ziel, warnt er, erst in großen Studien werde sich die Sicherheit und Wirksamkeit nachweisen lassen.

Und da ist größte Vorsicht angebracht. Die Botschaft der TauRX-Studie klingt zwar erfreulich, aber es gibt erhebliche Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse. Kein solider Kenner der Daten will sich derzeit öffentlich über die Qualität der Studie äußern. Skepsis wird insgeheim geäußert, dann aber mit fast religiöser Überzeugung. »Schlicht unglaubwürdig« seien die Daten, sagt ein Experte: »Nicht sauber dokumentiert und verwirrend präsentiert.«

Ein anderer bezweifelt glatt die Aussagekraft der gesamten Studie: »In sechs Monaten redet niemand mehr davon.« Ein dritter Forscher spekuliert, die bisher unbekannte Firma TauRX aus Singapur rühre nur die Werbetrommel, um Investorengeld für die anstehende Wirksamkeitsprüfung der Phase 3 zu sammeln. Harte Kritik gibt es am Design der Studie. So kann Methylenblau den Urin von Patienten grünblau färben. Deshalb gab es womöglich keine echte Kontrollgruppe, weil Patienten oder deren Pflegekräfte sehen konnten, ob es eine Scheinbehandlung (Placebo) war oder nicht. Aus Alzheimerstudien sind zum Teil gewichtige Placeboeffekte bekannt. Schon eine geistig anregende, liebevolle Pflege kann Demenzkranken im Frühstadium helfen, eine Zeit lang erhebliche geistige Ressourcen zu mobilisieren.