Alzheimer Das blaue WunderDas blaue WunderSeite 3/3

Dass ausgerechnet Methylenblau eine Lösung des komplexen Therapierätsels sei, bezweifelt selbst Braak. »Das glaube ich erst, wenn ich die Gehirne damit Behandelter nach ihrem Tod studieren kann.« Mit ein paar Hirnschnitten und Färbungen könne man klar entscheiden, ob Methylenblau die Tau-Bildung im Alzheimergehirn aufhält oder nicht. »Wenn das wahr wäre, hätte Wischik wirklich ein goldenes Los gezogen.«

Dessen Ergebnisse fallen in eine Zeit großer Verunsicherung der Amyloid-Befürworter. Bei der Leistungsschau in Chicago hagelte es Fehlschläge. Bereits hochgelobte Wirkstoffe konnten in Untersuchungen zwar Amyloid-Plaques im Gehirn effektiv auflösen – doch das führte zu keinerlei messbaren Verbesserungen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Das Fortschreiten des Leidens ließ sich in keinem Fall aufhalten. Der von der irischen Firma Elan entwickelte Antikörper Bapineuzumab scheiterte dabei ebenso wie Flurizan, der erste Wirkstoff aus einer speziellen Gruppe (der Beta-Secretase-Blocker). Er sollte Alzheimer im Frühstadium stoppen. Die Firma Myriad stellte die Entwicklung ein.

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Bisher sind gleich fünf Wirkstoffe gegen die Bildung von Beta-Amyloid in großen klinischen Studien ohne Einfluss auf das Fortschreiten der Erkrankung geblieben. »Trotz gigantischen Forschungsaufwands herrscht Ebbe in der Alzheimer-Apotheke«, beschreibt Alfred Maelicke von der Firma Galantos Pharma in Mainz die trübe Stimmung nach der Tagung in Chicago: »Das Feld sucht nach einer Neuorientierung.«

Die Misserfolge wecken nun neues Interesse an »Tauisten« wie dem Ehepaar Eva und Eckhard Mandelkow vom Hamburger Max-Planck-Institut für strukturelle Molekularbiologie am Desy. Auch sie wollen sich öffentlich nicht über die Methylenblau-Studie äußern. In Hamburg wird versucht, die Anhäufung abnormer Tau-Bündel in Neuronen zu unterbinden. »Tau wäre eine ideale Zielscheibe für Arzneimittel«, sagt Eckhard Mandelkow.

An genetisch veränderten Mäusen haben die beiden Forscher bereits gezeigt, dass die pathologischen Folgen der Tau-Bündel reversibel sein können. Als nächsten Schritt wollen sie die Mäuse mit Wirkstoffen behandeln, die Tau-Bündelungen hemmen. Zuvor hatten die Max-Planck-Forscher mit Chemikern 200000 Substanzen nach Hemmstoffen durchsucht. Mit Wirkstoffen aus fünf Molekülfamilien gelang das Kunststück im Labortest. Eine der Substanzgruppen ist eng verwandt mit Methylenblau.

Bevor TauRX das Methylenblau-Präparat dem entscheidenden Test unterziehen kann, gilt es mehr als 100 Millionen Dollar Wagniskapital einzusammeln. Der einzige deutsche TauRX-Teilhaber Franz Theuring, Pharmakologe an der Berliner Charité, hält das für realistisch: »Die Investoren rennen uns derzeit in Singapur die Bude ein.«

 
Leser-Kommentare
  1. Das beliebteste Versuchstier hat ein Gewicht von 20-30 g, sein Herz hat die Länge von 0,8 cm, der Magen ein Fassungsvermögen von 1,5 ml. Die Rede ist vom Pharmavorkoster des Menschen: Der Maus.
    Obwohl diese Daten eindeutig beweisen, daß eine Maus niemals Modellcharakter für den 70.000 Gramm schweren Menschen haben kann, wird mit ihr millionenfach experimentiert - weil sie so billig ist und so handlich. Neben Meerschweinchen, Kaninchen und Ratten werden Mäuse als »klassische Laboratoriumstiere« beschrieben, »da ihre Zucht, Haltung und Pflege weniger aufwendig ist als die der größeren Tiere«. Ausschließlich wirtschaftliche Aspekte bestimmen demnach diese Auswahl, die mit wissenschaftlicher begründeter Selektion nicht das Geringste zu tun hat. (»Größere Tiere« sind übrigens auch kein Abbild des Menschen und deswegen genauso wenig geeignet.)

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