Michael Jackson

"Jeder hat ihn geliebt"

Der "King of Pop" wird 50, und niemand will mehr etwas von ihm wissen. Die Pulitzerpreisträgerin Margo Jefferson hat ein Buch über ihn geschrieben. Ein Gespräch

DIE ZEIT: Mrs. Jefferson, in Ihrem Buch lernt man einen der wichtigsten Menschen in Michael Jacksons Leben kennen: Phineas T. Barnum, einen legendären amerikanischen Zirkusdirektor im 19. Jahrhundert. Jackson verteilte Barnums Biografie an seine Mitarbeiter mit den Worten: "Ich will, dass meine Karriere zur größten Show aller Zeiten wird…"

Margo Jefferson: …und Michael Jackson wurde der größte Star des 20. Jahrhunderts. Der Unterschied ist: Barnum täuschte und belog die Menschen, er zeigte ihnen die ersten Spezialeffekte, eine riesige Freak-Show – und manipulierte damit andere. Michael Jackson manipulierte sich selbst. Seinen Körper, seine Psyche.

DIE ZEIT: Über Barnum schreiben Sie, niemand sei besser darin gewesen, das Publikum zu packen und zu unterhalten – ohne sonderlichen Erkenntnisgewinn. Gilt diese Beschreibung auch für Michael Jackson?

Jefferson: Ja, und sie trifft zugleich ziemlich genau auch die gesamte amerikanische Unterhaltungskultur. Die Politikkultur übrigens auch. Nehmen Sie die Botschaft in Jacksons Liedern: "Liebe dich selbst, liebe die Welt!" Nehmen Sie all den Bombast in seiner Musik. Und dazu noch jeden billigen Trick, um die Leute zu unterhalten. So funktioniert amerikanische Unterhaltung, so funktioniert amerikanische Politik.

DIE ZEIT: Was ist Michael Jackson für Sie: ein Freak oder ein Jahrhunderttalent?

Jefferson: Er war ganz klar ein Jahrhunderttalent, kein Zweifel. Man vergisst das ja gern, aber er konnte singen, er schrieb all diese Lieder selber, er war ein brillanter Tänzer…

DIE ZEIT: Warum reden Sie in der Vergangenheit?

Jefferson: James Matthew Barrie schrieb über Peter Pan: "Er entkam seinem Menschsein." Genau das hat Michael versucht – und einen unglaublichen Preis dafür bezahlt. Wo ist Michael heute? Was tut er? Er war ein Genie auf der Flucht vor der Sterblichkeit. Aber diese Flucht hat ihn nirgendwohin geführt.

DIE ZEIT: In einem Fernsehinterview sagten Sie, dass Jackson "die Verkörperung des auserwählten schwarzen Kindes im Showgeschäft darstellte". Können Sie das erklären?

Jefferson: Er war das kleine schwarze Genie, das die weiße Kultur im Sturm erobert hat. Jeder hat ihn geliebt – ich auch. Und der Abscheu, mit dem viele Michael Jackson heute begegnen, hat eben auch damit zu tun: Er war das auserwählte Kind. Und das hat uns betrogen.

DIE ZEIT: Haben Sie Michael Jackson getroffen?

Jefferson: Nein. Aber ich habe ja auch keine Biografie geschrieben, sondern einen Essay. Dafür brauchte ich eine kritische Distanz, die ich niemals gehabt hätte, wenn ich Michael getroffen hätte. Ich hätte Angst gehabt, manipuliert zu werden und die Kontrolle über das Thema zu verlieren.

DIE ZEIT: In dem Kapitel über den Prozess gegen Michael Jackson wegen Kindesmissbrauchs halten Sie sich mit einem Urteil zurück. Sie beschränken sich darauf, die Hauptdarsteller vorzustellen. Ist der Prozess nur der letzte Akt einer Tragödie?

Jefferson: Egal, was Michael Jackson wirklich getan hat: Es ist und bleibt eine Tragödie. Er steht zwischen den Lebenden und den Toten, sein Kapitel wird gerade aus der Popgeschichte gestrichen. Und viele Menschen wären froh, wenn er buchstäblich tot wäre.

DIE ZEIT: Welche Rolle spielen wir, die Zuschauer, die Zuhörer, die Fans von Michael Jackson in dieser Tragödie?

Jefferson: Wir sind alle Teil der Geschichte von Michael Jackson, wir haben ihn mitkreiert – aber davon will jetzt niemand mehr etwas wissen. Es ist doch so: Wir sind derart fasziniert von Stars, dass wir gern dabei helfen, sie aufzubauen. Aber wenn Stars fallen, dann fallen sie allein, dann geben wir ihnen allein die Schuld an ihrem Versagen. Nicht der Gesellschaft, nicht uns, die diese Stars gemacht haben. In Michael Jacksons Fall sind wir sogar richtig sauer, denn wir geben ihm auch noch die Schuld daran, dass wir mit den Bildern von diesem Skandal leben müssen. Es ist uns heute nicht mehr möglich, uns an Michael Jackson als Genie zu erinnern, sondern nur noch an Michael Jackson als Freak.

DIE ZEIT: Wie möchten Sie Michael Jackson in Erinnerung behalten?

Jefferson: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Vor drei oder vier Wochen las ich im Internet folgende Meldung: Michael Jackson sei so begeistert über Barack Obama, dass er seine Hautveränderung rückgängig machen und wieder wie ein schwarzer Mann aussehen wolle. Und für einen Moment dachte ich: Gott sei Dank. Leider war mir sehr schnell klar, dass die Meldung ein Scherz war. Der Punkt ist nur: Ich wollte, dass sie wahr ist. Ich wollte die Zeit zurückdrehen. Ich hätte es so sehr gewollt, dass Michael Jackson Barack Obama sieht und erkennt, was falsch gelaufen ist in seinem Leben.

DIE ZEIT: Angenommen, Michael Jackson würde Ihr Buch lesen: Welche Reaktion würden Sie sich wünschen?

Jefferson: Michael liest das Buch und versteht, dass etwas schiefgelaufen ist. Er sucht sich professionelle Hilfe. Und dann ruft er mich an. Weil er glaubt, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der ihn versteht.

Die Frage stellte Matthias Kalle

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    • Von Matthias Kalle
    • Datum 26.6.2009 - 11:43 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 21.08.2008 Nr. 35
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    • Schlagworte Pop | Musik | Sänger
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