Michael Jackson "Jeder hat ihn geliebt"Seite 2/2
DIE ZEIT: In dem Kapitel über den Prozess gegen Michael Jackson wegen Kindesmissbrauchs halten Sie sich mit einem Urteil zurück. Sie beschränken sich darauf, die Hauptdarsteller vorzustellen. Ist der Prozess nur der letzte Akt einer Tragödie?
Jefferson: Egal, was Michael Jackson wirklich getan hat: Es ist und bleibt eine Tragödie. Er steht zwischen den Lebenden und den Toten, sein Kapitel wird gerade aus der Popgeschichte gestrichen. Und viele Menschen wären froh, wenn er buchstäblich tot wäre.
DIE ZEIT: Welche Rolle spielen wir, die Zuschauer, die Zuhörer, die Fans von Michael Jackson in dieser Tragödie?
Jefferson: Wir sind alle Teil der Geschichte von Michael Jackson, wir haben ihn mitkreiert – aber davon will jetzt niemand mehr etwas wissen. Es ist doch so: Wir sind derart fasziniert von Stars, dass wir gern dabei helfen, sie aufzubauen. Aber wenn Stars fallen, dann fallen sie allein, dann geben wir ihnen allein die Schuld an ihrem Versagen. Nicht der Gesellschaft, nicht uns, die diese Stars gemacht haben. In Michael Jacksons Fall sind wir sogar richtig sauer, denn wir geben ihm auch noch die Schuld daran, dass wir mit den Bildern von diesem Skandal leben müssen. Es ist uns heute nicht mehr möglich, uns an Michael Jackson als Genie zu erinnern, sondern nur noch an Michael Jackson als Freak.
DIE ZEIT: Wie möchten Sie Michael Jackson in Erinnerung behalten?
Jefferson: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Vor drei oder vier Wochen las ich im Internet folgende Meldung: Michael Jackson sei so begeistert über Barack Obama, dass er seine Hautveränderung rückgängig machen und wieder wie ein schwarzer Mann aussehen wolle. Und für einen Moment dachte ich: Gott sei Dank. Leider war mir sehr schnell klar, dass die Meldung ein Scherz war. Der Punkt ist nur: Ich wollte, dass sie wahr ist. Ich wollte die Zeit zurückdrehen. Ich hätte es so sehr gewollt, dass Michael Jackson Barack Obama sieht und erkennt, was falsch gelaufen ist in seinem Leben.
DIE ZEIT: Angenommen, Michael Jackson würde Ihr Buch lesen: Welche Reaktion würden Sie sich wünschen?
Jefferson: Michael liest das Buch und versteht, dass etwas schiefgelaufen ist. Er sucht sich professionelle Hilfe. Und dann ruft er mich an. Weil er glaubt, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der ihn versteht.
Die Frage stellte Matthias Kalle
Margo Jefferson, 60, war Theater- und Literaturkritikerin der New York Times und ist heute Professorin an der Columbia University in New York. Ihr Buch "Über Michael Jackson" ist soeben im Berliner Taschenbuch Verlag erschienen (176 S.; 9,90 EUR).
- Datum 26.06.2009 - 12:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 21.08.2008 Nr. 35
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