Helgoland ist eine felsige Insel in einem Meer aus Sand. Seine Unterwasserwelt birgt zahlreiche Tiere und Pflanzen, die auf den sandigen Sedimenten ringsum nicht überleben können. Zu dieser Vielfalt gehört auch der Helgoländer Hummer, eine imposante Erscheinung mit bis zu 60 Zentimetern Größe und sechs Kilogramm Gewicht. Doch statt der berühmten Delikatesse mit besonders dicker Schere werden in den Insel-Gaststuben meist »Knieper« serviert – Scheren des Taschenkrebses. Kein Wunder, denn viele Felsspalten unter Wasser, in denen einst der Hummer saß, besetzt nun sein Konkurrent. Noch im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts fingen die Fischer der Insel jährlich bis zu 80000 Hummer. Vor gut 40 Jahren brach der Bestand zusammen. Jetzt sind nur noch wenige Hundert Tiere jährlich in den Körben, dafür reichlich Taschenkrebse.

Der Helgoländer Felssockel steht zwar seit 1981 unter Naturschutz, und die Fischerei ist streng reguliert, aber der Hummer hat sich nicht erholt. Forscher der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) vermuten, sein Bestand sei zu klein, um aus eigener Kraft wieder zu wachsen. »Vielleicht ist der Hummer zum Aussterben verurteilt«, sagt Heinz-Dieter Franke, leitender Wissenschaftler an der BAH. Doch Hummer und Helgoland gehören zusammen. Fischer und Forscher wollen daher rund 250000 Junghummer im Labor aufziehen und über mehrere Jahre verteilt aussetzen.

Für das gut 1,3 Millionen Euro teure Projekt werden noch Geldgeber gesucht. Diese Investition wäre für Fischerei und Tourismus »nur gut«, sagt Richard Denker, Vorsitzender des Helgoländer Fischereivereins. 30 bis 40 Euro bringt ein Kilo Hummer ein. Doch die Fänge decken nicht einmal den Bedarf der Insel, an Exporte ist nicht zu denken. »Auch ökologisch ist der Hummer wichtig«, sagt Franke. Als Räuber am oberen Ende der Nahrungskette sorgt er unter anderem für einen großen Artenreichtum.

Schon jetzt arbeiten die Fischer den Forschern zu. Fangen sie ein trächtiges Weibchen, liefern sie es bei der BAH ab. Hier wird seit 1997 die Zucht optimiert: In einer Halle sitzen Hummer aller Größen; frisches Seewasser rinnt durch die Becken. Sobald Larven aus den Eiern schlüpfen, werden sie fein säuberlich getrennt. Sie würden sich sonst gegenseitig auffressen. Die Doktorandin Isabel Schmalenbach hat herausgefunden, welche Futtermischung die Tiere brauchen, damit sie gut wachsen und »ihre schöne braune Farbe entwickeln«. Etwa Abfälle aus der Taschenkrebsfischerei und kleine Meerasseln, die auch die Hummerbecken putzen.

Die drei bis vier Zentimeter kleinen Junghummer werden nach rund einem Jahr am Unterleib markiert und in die Freiheit entlassen. Rund 8000 Exemplare haben die Forscher in den vergangenen Jahren ausgesetzt. »Bisher entwickeln sich die Tiere wunderbar«, sagt Isabel Schmalenbach. Und sie bleiben auf dem Felssockel. Das ist wichtig, wenn der Hummer in großem Stil wieder angesiedelt werden soll.

»Beeindruckend« findet Gro Ingleid van der Meeren vom Meeresforschungsinstitut im norwegischen Bergen die Helgoländer Forschung. Die Norweger haben Ähnliches bereits vor Jahren begonnen. Allerdings zeigte sich, dass Zuchthummer weniger Nachkommen hatten als wild aufgewachsene Tiere. Für einen nachhaltigen Erfolg des Helgoländer Projekts müssten sich die ausgesetzten Hummer aber vermehren. Das dauert; erst mit etwa sechs Jahren werden sie geschlechtsreif.

Vor der Wiederaufstockung müsse man auch wissen, warum der Hummerbestand geschrumpft ist, mahnt van der Meeren. Die Helgoländer zählen mehrere Ursachen auf: Das Bombardement der Insel nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte die felsige Unterwasserwelt. Hinzu kamen übermäßige Fänge, besonders trächtiger Weibchen. In den sechziger Jahren beeinträchtigten Ölverschmutzungen den für die Partnersuche wichtigen Geruchssinn der Krebse. Und jetzt macht ihm der Taschenkrebs das Revier streitig. Dessen Bestand explodierte allerdings erst, als die Hummerpopulation längst geschrumpft war. »Auf lange Sicht ist der Hummer dem Taschenkrebs überlegen«, sagt Heinz-Dieter Franke.