Ein Sturm der Entrüstung rauscht durch die Blätter, der klammheimliches Triumphgefühl kaum verbirgt. Endlich hat die »westliche Welt« beschert bekommen, was sich als Äquivalent für Amerikas völkerrechtswidrigen Irakkrieg mit seinen Hunderttausenden von Toten zumindest aufwerten lässt: Russlands ebenfalls völkerrechtswidrigen Überfall auf seinen kaukasischen Nachbarstaat. Dass zuvor der georgische Präsident Michail Saakaschwili eine schlafende Stadt im eigenen Land bombardieren ließ, wird klein an den Rand geschrieben.

Wer sich nicht nur mit der einen Seite dieser blutigen Medaille im Schatten Olympias begnügen will, dem zeigt die junge Leipziger Politologin Silke Kleinhanß die andere, im Dunkeln gelassene Hälfte der Konfliktursachen auf. Ihr soeben erschienenes, schmales Buch weist nach, dass nicht nur Russlands imperiale Strategie, sondern auch Georgiens Außenpolitik ein Gefahrenherd ist. Dem Transformationsland im Kaukasus sind Nationalstaatsbildung, Demokratisierung und die Einführung der Marktwirtschaft misslungen. Um von dem multiplen Versagen abzulenken, instrumentalisiert Tbilissi die Außenpolitik zur Demonstration staatlicher Handlungsfähigkeit. Weil sich die Akteure auf der innerstaatlichen Bühne bestmöglich präsentieren wollen, räumen sie ihren außenpolitischen Handlungen ein geringeres Gewicht ein als deren innenpolitischen Folgen.

Es ist kein Zufallstreffer, dass Saakaschwili mit seinem Überfall auf Südossetien diese Analyse gerade bestätigt hat. Denn die Autorin belegt ihre Thesen mit transparenter Argumentation und einer schnörkellos-sachlichen Darstellung Georgiens seit der Unabhängigkeit. Der erste Präsident Swiad Gamsachurdia (1991 bis 1992) betrieb Nation-Building mit historischen Mythen ohne politische und ökonomische Reformen. Für ihn waren nicht nur die ethnischen Minderheiten, sondern auch alle Oppositionspolitiker Agenten des Kremls. Wer jene Zeit von Wahn und Hass rund um den Präsidentenpalast in Tbilissi selbst miterlebt hat, kann diese Bewertung nur bestätigen. Eduard Schewardnadse (1992 bis 2003) führte demokratische Grundstrukturen ein, benutzte sie aber als Deckmantel für seine korrupten Netzwerke. Saakaschwili stärkte die Exekutive, ohne für demokratische Konsensbildung zu sorgen. Auch für ihn ist jede Opposition von Russland gelenkt.

Den Konflikt um Südossetien brachen die Georgier 1989 vom Zaun, als sie Georgisch zur einzigen Staatssprache dieser autonomen Republik erklärten. In ihr leben vor allem Alanen, die eine mit dem Iranischen verwandte Sprache sprechen. Da das staatliche Gewaltmonopol in den ersten Jahren der Unabhängigkeit Georgiens von kriminellen Milizen privatisiert wurde, fielen deren Warlords 1992 in das unbotmäßige Abchasien ein. Statt Sold galten Plünderungen als Belohnung.

Die Verantwortung für dieses Staatsversagen schiebt Tbilissi allein Russlands Intrigen zu. Kleinhanß stellt keineswegs in Abrede, dass Moskau die Konflikte dankbar nährt und hütet oder dass die sezessionistischen Regionen heute mafiöse Enklaven sind. Doch Georgiens antirussische Außenpolitik dient vor allem der Definition der eigenen Nation, deren Bevölkerungsclans nicht in demokratische Institutionen geleitet werden.

Um eine grundlegende empirische Staatlichkeit aufrechtzuerhalten, setzt Georgiens Außenpolitik zugleich auf den externen Gönner USA. Washington erklärte bereits 1997 die ferne kaspische Region zur »Sphäre nationalen Interesses«. Seither haben die USA im Rahmen ihrer von Ölinteressen und vom »Krieg gegen den Terrorismus« bestimmten Strategie das marode Land mit Militärhilfen, Manövern und Entwicklungsgeldern zu ihrem Vorposten an Russlands Grenze aufgepäppelt. Sie hätten damit demonstriert, so Kleinhanß in ihrer Studie, dass Nato-Truppen auch dort stationiert werden könnten und die amerikanische Machtprojektion bis in den Kaukasus reiche. Ebendiese Projektion hat Moskau mit der Strafaktion gegen Georgien im Visier.