Das amerikanische Energieministerium betreibt im Internet eine Seite, die World Oil Transit Chokepoints heißt: Die Orte, an denen der weltweite Transport von Öl abgeschnürt werden könnte. Das ist eine holprige Formulierung, aber sie trifft die Sache recht gut.

Gerade erst rüttelte die russische Invasion in Georgien die Ölkonzerne und die Energiebehörden in Europa auf. Schließlich laufen durch die umkämpfte Region auch etliche Öl- und Gaspipelines, die bei der Versorgung Europas mithelfen. Der Westen setzt auf sie große Hoffnungen, sie führen nämlich um das russische Staatsgebiet herum. Bis zum Redaktionsschluss blieben einige dieser Pipelines geschlossen.

Die grundsätzliche Frage lautet: Ist das weltumspannende Netz von Pipelines, Schienen- und Tankerrouten, das die Versorgung mit fossilen Treibstoffen sicherstellen soll (ZEIT Nr. 02/08), viel anfälliger als gedacht? Gibt es zu viele chokepoints, an denen die Lebensadern der Weltwirtschaft abgeschnürt werden könnten?

Etliche Sicherheitsexperten sehen das so. "Die geopolitischen Risiken sind bisher als Preistreiber unterschätzt worden", glaubt Frank Umbach vom Berliner Center for European Security Strategies. Ähnliches ist in Washington zu hören und bei der Nato in Brüssel. Ali Koknar, Präsident eines amerikanisch-türkischen Sicherheitsberatungsunternehmens namens AMK Risk Management, warnt: "Wir weisen schon seit Jahren darauf hin, dass die Öl- und Gastransporte in Gefahr sind. Das wird generell zu wenig wahrgenommen."

Diebe, Saboteure und Terroristen interessieren sich für die Pipelines

Täglich werden Millionen Barrel (Fass) Öl in Tankern, Lastwagen und Waggons um die Welt gefahren oder durch Pipelines gepumpt. All diese Transportwege können durch Kriege und regionale Scharmützel zerstört oder blockiert werden. Pipelines werden mit wachsendem Erfolg von Dieben angezapft, und auch Saboteure und Terroristen schlagen immer häufiger zu.

So läuft die zweitgrößte Pipeline der Welt, die Baku-Tbilisi-Ceyhan-(BTC)-Ölpipeline, mitten durch den Kriegsschauplatz Georgien hindurch: von Aserbajdschan im Osten bis in die Türkei im Westen. Während des russischen Bombardements berichteten georgische Nato-Diplomaten besorgt, dass Dutzende russische Bomben gleich neben den Rohren eingeschlagen seien. Die BTC soll bis schätzungsweise in den September hinein geschlossen bleiben, was ein kräftiger Schlag für die Ölversorgung ist: Zuletzt transportierte die Pipeline täglich rund 700.000 Barrel (Fass) Öl, und bei voller Kapazitätsauslastung sollen es eines Tages sogar 1,2 Millionen Barrel sein. So viel passt in vier Riesentanker.

Der Grund für die BTC-Schließung ist aber gar nicht der Krieg in Georgien. Die Leitung wurde schon Anfang August zugedreht, nachdem es in ihrem osttürkischen Abschnitt eine Explosion gab. Für den Anschlag ist offenbar die People’s Defense Force verantwortlich, ein militanter Arm der kurdischen Arbeiterpartei PKK. "Die beharrlichen Operationen des türkischen Militärs gegen unsere Guerilla und die unterdrückende Politik gegen unser Volk werden auch weiterhin die Sicherheit von BTC und ähnlichen Investitionen in Gefahr bringen", drohte ein Kommandeur dieser Gruppierung in einem Interview mit Dow Jones Newswires.