Gesellschaft
Meine Putzfrau kehrt heim
Sie wusste alles über mich. Und ich wusste nichts über sie. Bis ich mit ihr nach Hause fuhr, in die Ukraine
Maria erwacht aus einer traumlosen Nacht. Es ist sechs Uhr morgens, sie hat wenig geschlafen, doch ihre Müdigkeit scheint sie jetzt nicht zu spüren. Draußen vor dem Busfenster zieht ihre Vergangenheit vorbei. Maria beugt ihren Kopf ganz nah an die Scheibe, ihre Nasenspitze berührt fast das Glas. Sie schaut zur Konservenfabrik, in der sie bis vor sechs Jahren gearbeitet hat, kein Arbeiter ist zu sehen, die Fenster sind zerborsten, der Wind bläst den Staub über den verlassenen Hof. Die Molkerei nebenan ist auch geschlossen, genau wie die Tierfutterfabrik gegenüber. "Katastrophe", sagt Maria und wiegt langsam den Kopf hin und her. Dabei ist sie nicht ganz unschuldig daran, dass es so gekommen ist.
Maria ist zu Besuch in ihrem Heimatdorf Tovtry im Südwesten der Ukraine. Sie hat es verlassen, weil sie in Deutschland zwanzigmal so viel verdient wie hier. Viele im Dorf sind wie sie ins Ausland gegangen, es ist niemand mehr da, der in den Fabriken arbeiten wollte. Die 41 Jahre alte Maria lebt jetzt in Berlin, zweimal im Jahr setzt sie sich in einen Minibus, einen Tag später ist sie wieder bei ihrer Familie. Eine seltsame Wandlung vollzieht sich dann mit ihrer Person, dann ist sie nicht mehr Maria, die Putzfrau, sondern Maria, die Reiche aus Deutschland – und Maria, die Mutter.
Diesmal hat sie mich mitgenommen. Maria ist meine Putzfrau. Am Morgen der Abfahrt kam sie zum ersten Mal nicht in meine Wohnung, um dort Ordnung zu schaffen, sondern um mich abzuholen und mir ihr Zuhause zu zeigen. Oft hat sie mir von der Ukraine erzählt, von den Feldern rund um ihr Haus, die sie bei ihren Besuchen mit der Hand bestellt, von den Gänsen im Garten, die sie selbst schlachtet. Ihr Zuhause liegt nur eine Zeitzone weiter östlich, doch in ihren Erzählungen hörte es sich an, als läge es in der Vergangenheit. Sie scheint dort ein Leben zu führen, wie ich es aus den Kindheitserinnerungen meiner Großmutter kenne. Wenn Maria dann weitererzählte, von ihren beiden 14 und 20 Jahre alten Töchtern aus erster Ehe, die mit der Oma noch in Tovtry wohnen, brach sich ihre Stimme. Sie konnte die Mädchen nicht nach Berlin holen, weil ihr Einkommen für eine Familienzusammenführung immer zu niedrig war. Und so lebt sie hier, und ihre Kinder leben dort.
Jede Woche treffen Maria, die Ukrainerin, und ich, die Deutsche, für drei Stunden in meiner Wohnung aufeinander. Maria kennt jedes Detail meines Lebens, jede Schublade, jeden Schrank, sie sieht die Gehaltsabrechnungen auf meinem Schreibtisch, sie weiß, welche Farbe mein Nachthemd hat. Sie weiß persönlichere Dinge über mich als einige meiner besten Freunde. Nun will ich ihr Leben kennenlernen. Ich mache einen Hausbesuch bei meiner Putzfrau.
Maria hatte mich vorher gewarnt: "Wenn du einmal mitgefahren bist, wirst du es nie mehr wieder tun." Ich ahne, warum sie das sagt, als ich den Wagen sehe: Ein anthrazitfarbener Kleintransporter steht da, mit zwei Sitzreihen, einer vorn beim Fahrer, einer dahinter. Die Fenster sind mit grauer Folie beklebt, sodass von außen keiner hineinsehen kann und wir drinnen kaum Licht haben. Der Laderaum hinter der Sitzbank ist bis unters Dach vollgepackt, nur ein grobmaschiges Netz hält Kühlschränke, Fernseher, Taschen und Waschpulver davon ab, auf unsere Köpfe zu fallen. Eingepfercht in diesen dunklen Blechkasten, werden wir ganz Polen und die halbe Ukraine bis fast nach Rumänien durchqueren. Wir sind zu sechst: der Fahrer Ivan, ein Freund von ihm, der 14-jährige Stanislav, der seit ein paar Jahren in Berlin lebt und seine Großmutter in der Ukraine besucht, Maria, die Fotografin und ich. 20 bis 30 Stunden wird die Fahrt dauern, sagt Maria, je nachdem, wie lange wir an der Grenze warten müssen.
Maria setzt sich auf die Rückbank und legt die Hände in den Schoß. Sie trägt eine bequeme Jerseyhose für die lange Fahrt und ein T-Shirt, das sich um ihre kräftigen Oberarme spannt. Seitdem sie vor sechs Jahren zu putzen begonnen hat, passen ihre alten Ringe nicht mehr über die Finger. Maria ist Krankenschwester, aber in dem Beruf hat sie lange nicht mehr gearbeitet, weil sie damit in der Ukraine zu wenig verdient hat.
Es ist eine besondere Reise für Maria, nicht nur weil sie mir ihr Zuhause zeigen will. Am Sonntag nach unserer Ankunft feiert Marias Mutter ihren 75. Geburtstag, Nachbarn und Verwandte werden kommen. Maria hat ein halbes Dutzend Taschen mit Geschenken dabei. Sie nimmt eine Kühltruhe und eine Spülmaschine mit nach Hause, weil es diese Geräte nirgendwo in der Gegend um ihr Dorf so billig gibt. Nach und nach richtet sie ihr Haus in der Ukraine neu ein und renoviert es, vor allem, damit ihre Töchter ein Zuhause haben, in das sie immer zurückkehren können. Maria findet das wichtig; sie selbst hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich. Zwar ist sie in der Gegenwart nicht für ihre Töchter da, dafür schenkt sie ihnen eine Zukunft.
Während der langen Fahrt haben wir viel Zeit, uns zu unterhalten. Wenn man mit Ausländern spricht, kann einen deren Bild vom eigenen Land sehr erstaunen, der Blick von außen reduziert eine ganze Nation auf ein paar typische Details. Für Maria ist Deutschland ein reiches Land, das es sich leisten kann, seine Bewohner fürs Nichtstun zu bezahlen. Sie erzählt von ihrem deutschen Mann Theo*, seit zwei Jahren lebt sie von ihm getrennt. Während ihrer vier Jahre andauernden Ehe hat meist nur Maria gearbeitet. Theo, Diplomingenieur, bezog Hartz IV. Maria sagt, er habe sie belächelt, weil sie schon morgens um fünf zu ihrer ersten Putzstelle aufbrach. Einmal sagte er zu ihr: Ich schlafe aus und habe fast genauso viel Geld wie du. Maria schüttelt den Kopf, als sie das erzählt. Dann sagt sie: "Katastrophe." So, wie sie redet, hört sich ihr Leben an wie eine Aneinanderreihung von Unglücksfällen.
Vieles in den letzten Jahren lief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie ist ausgezehrt von den Diskussionen mit ihrem Mann, vom Kampf mit den Behörden um den Nachzug ihrer Kinder. Egal zu welcher Tageszeit, Maria hat Schatten unter den Augen, ihre Haut ist blass und dünn, fast kann man hindurchschauen.
Maria hatte Theo bei einem Besuch in Berlin kennengelernt. Kurz nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, einem Ukrainer, war sie hierhergekommen, ein deutscher Freund ihres Bruders hatte sie eingeladen. Maria und Theo trafen sich in einem Wirtshaus, schon nach ein paar Wochen beschlossen sie zu heiraten. In Theo sah Maria die Chance für einen Neuanfang, durch ihn konnte sie in Deutschland Geld verdienen. Sie wusste, dass er keine Arbeit hatte und dass er trank, aber sie glaubte, nach der Hochzeit würde er sich ändern.
Wenn sie damals gewusst hätte, wie schwierig es sein würde, ihre Töchter zu holen, wäre sie wohl nie nach Deutschland gekommen. Sie und ihr Mann hätten für eine Familienzusammenführung nachweisen müssen, dass sie für den Lebensunterhalt der Kinder aufkommen können. Weil aber nur Maria arbeitete, wollten die Behörden kein Visum erteilen. Die Mädchen durften auch nie zu Besuch nach Berlin kommen.
Maria tröstete sich immer wieder, Theo werde sich schon irgendwann einen Job suchen, "er hatte es mir versprochen". Aber mit jedem Jahr des Wartens wurde ihr klarer, dass Theo keine Hilfe sein würde. "Ich habe mein Glück versucht", sagt sie, "leider hatte ich Pech."
Nun wird sie es allein versuchen. Weil sie länger als drei Jahre verheiratet war, bekam Maria eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Sie hat eine feste Stelle in einer Reinigungsfirma und einige Minijobs bei Leuten wie mir. Sie kann nachweisen, dass sie mehr als 1100 Euro netto verdient, das müsste reichen, sagt Marias Anwalt, um die 14-jährige Tochter Mascha holen zu können. Die ältere Tochter, Svieta, ist von der Familienzusammenführung ausgeschlossen, seitdem sie volljährig ist. Maria hat die Papiere für Maschas Nachzug schon bei der Ausländerbehörde eingereicht, es kann Monate dauern, bis der Antrag bearbeitet wird, und die Entscheidung liegt im Ermessen der Behörde. Maria bleibt nur das Warten wie in all den Jahren zuvor.
Manchmal, wenn ihr alles zu viel wird, redet sie mit sich selbst. Dann nennt sie sich beim Vornamen und befiehlt sich, stark zu sein, schließlich hat sie schon so viel erreicht: Sie besitzt dieses Papier, um das sie jeder in ihrem Dorf beneidet – die unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Eine Garantie für ein selbstbestimmtes Leben. Und nun endlich, nach sechs Monaten, wird Maria auch ihre Kinder wiedersehen. Aber sie verbietet sich die Freude, weil jedes Wiedersehen den Abschied schon in sich trägt. Draußen ist es dunkel geworden. Die Grenze zur Ukraine liegt hinter uns, um ein Uhr nachts schläft Maria ein.
Als sie wieder wach wird, passieren wir das Ortsschild. Tovtry ist ein seltsames Dorf. Es gibt hier kaum Arbeit, aber die Menschen werden immer reicher. Neben den geschlossenen Fabriken stehen hübsch renovierte und neu gebaute Häuser. Strahlend weiße Fassaden und leuchtend rote Geranien im Vorgarten künden vom Wohlstand ihrer Besitzer. Es sind vor allem Frauen, die das Geld ins Dorf bringen. Manche bleiben nur ein paar Monate im Ausland, andere über Jahre. Als Putzfrauen und Pflegepersonal finden sie leichter Arbeit in Westeuropa als die Männer, für Länder wie Italien, Spanien und Österreich bekommen Ukrainerinnen auch unkompliziert eine Arbeitserlaubnis. Busfahrer ist seither ein beliebter Beruf unter den Männern, um legal am Wohlstand teilzuhaben. Die Frauen verdienen im Ausland das Geld, die Männer sind ihre Chauffeure.
Wie viele Menschen die Ukraine verlassen haben, um im Ausland zu arbeiten, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen. In strukturschwachen Regionen wie der Bukowina, aus der Maria kommt, sind es mehr als im wirtschaftlich starken Osten und im Zentrum des Landes. In manchen Orten haben nach Schätzungen mehr als 20 Prozent der Bevölkerung vorübergehend oder auch für immer ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Wem es nicht gelingt, die Familie ins Ausland nachzuholen, der bringt die Kinder bei Verwandten unter. Für die Zurückgelassenen haben Soziologen den Begriff "Euro-Waisen" geprägt, die Kinder sind materiell gut versorgt, aber ihre Eltern sehen sie nur in den Ferien.
Als wir morgens um sechs endlich Marias Haus erreichen, ärgert sie sich erst einmal: Die Stadtverwaltung hat die Straße vor dem Haus noch immer nicht geteert. "Katastrophe!", sagt sie. Wenn es regnet, ist der Schlamm manchmal so tief, dass nur noch Pferdekarren durchkommen, die Fortbewegungsmittel der alten Zeit. Das Dorf ist nicht gerüstet für den Reichtum seiner Bewohner, für die Passats und Golfs mit ausländischen Kennzeichen, die neuerdings durch die Straßen fahren.
Wir haben das Auto noch nicht geparkt, da kommt Marias Familie zur Tür heraus: die Töchter Mascha und Svieta, Svietas Freund und die Großmutter. Wie eine stumme Karawane gehen sie auf den Kleinbus zu. Maria steigt langsam aus, für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Die Töchter umarmen sie gleichzeitig, eine links, eine rechts, nicht überschwänglich, sondern wie Menschen, die zu lange gewartet haben. Maria weint stumm.
Der erste Tag zu Hause sei immer etwas komisch, sagt sie später. In dem Haus, in dem ihre Töchter mit der Großmutter leben, ist auch Maria aufgewachsen. Ihr Vater hat die drei einstöckigen Gebäude mit spitzem Dach gebaut, die wie ein Hufeisen um einen kleinen Innenhof stehen. Rechts der Schweinestall, dahinter das Plumpsklo, im mittleren und linken Haus die Wohnräume und das vor zwei Monaten neu angebaute Bad. Seitdem Maria nach Deutschland ging und dort Bäder putzte, hat sie sich für ihr Elternhaus auch eines gewünscht. Zufrieden blickt sie jetzt auf die Wanne und die braunen Kacheln, dann fängt sie an zu putzen, obwohl alles sehr sauber aussieht.
Die Töchter bereiten im Esszimmer das Frühstück vor. Butterbrote, Käse, Wurst und Tomaten. Es ist düster hier drin. Üppig drapierte Vorhänge schirmen das Licht von draußen ab, der dicke Teppich dämpft die Geräusche und offenbar auch die Gefühle. Die Großmutter, eine alte Frau, die kaum noch gehen kann, isst nichts. Sie sitzt da mit ihrem Blumenrock und dem bunten Tuch, das sie wie ein Pirat am Hinterkopf gebunden hat, ihre Hände ruhen gefaltet in ihrem Schoß. Sie wirkt abwesend, nur manchmal blickt sie fast scheu zur heimgekehrten Tochter hinüber, zwei Wörter murmelt sie immer wieder, "boshe, boshe" – ach Gott, ach Gott. Maria sieht stumm auf ihren Teller, bedächtig schiebt sie sich ein Stück Brot in den Mund wie eine Hostie in der Kirche. Worüber soll man reden, wo soll man anfangen, wenn es unendlich viel zu erzählen gibt?
Zwar ist Maria die Chefin hier, aber in ihrer Abwesenheit führen die Töchter den Haushalt, und so kommt es, dass Maria sich in ihrem eigenen Haus nicht zurechtfindet. Svieta weist sie geduldig in die Ordnung der Schränke ein. Jeder im Haus muss erst wieder in seine Rolle finden, wie Schauspieler, die ihren Text vergessen haben. Jetzt packt Maria mit ihren Töchtern erst mal die Taschen aus. Darin sind Schokolade, Spülmaschinen- und Waschmaschinentabs, Weichspüler und spezielle Gesichtscremes, von denen Maria selbst nicht genau weiß, wofür sie eigentlich gut sind. Sie hat sie trotzdem gekauft und baut sie wie Trophäen des Wohlstands auf dem Regal im neuen Bad auf. Nur können sich Marias Töchter nicht merken, welche der vielen Flüssigkeiten und Pulver aus Deutschland man wofür verwendet. So kommt es, dass sie am Nachmittag die Wäsche mit den Spülmaschinentabs waschen.
Später berät Maria mit den Töchtern, was sie einkaufen wollen für den Geburtstag der Großmutter. Und so vergehen die ersten Stunden von Marias Besuch mit Organisatorischem. Die Ängste und Sehnsüchte, die seit Monaten in der Seele schlummern, werden sich in den nächsten Tagen den Weg an die Oberfläche bahnen.
Auch Maria und ich tauschen Rollen. Nach dem Essen helfe ich beim Abspülen. Es ist ihr unangenehm, dass ich in ihrem Haushalt aufräume. Sie überlässt mir ihr Schlafzimmer, weil es das komfortabelste Zimmer ist. Es sieht nicht aus wie das einer 41-jährigen Frau. Im Regal stehen ein rotes Samtherz mit Gesicht und zwei Beinen, ein rosafarbener und ein weißer Plüschhund, ein orangefarbener Stoffelefant und Porzellanschweinchen. Hier könnte auch ein Teenager wohnen, der sich in seine eigene Welt zurückgezogen hat, weil die da draußen so anders ist als seine Träume. Auf den schweren, braunen Schränken liegen Kissen, die Maria zu ihrer Hochzeit mit ihrem ukrainischen Exmann bestickt hat. Erinnerungsstücke an eine vergangene Liebe.
Diese Ehe, sagt Maria, sei unter anderem daran zerbrochen, dass immer zu wenig Geld da war. Ein bisschen erinnert ihre Geschichte an die vom Fischer und seiner Frau, die nie zufrieden war mit dem, was sie hatte. Ivan verdiente als Fahrer eines Bauunternehmens 130 Euro im Monat. Einmal arbeitete er ein paar Wochen in Russland, wo die Löhne höher sind, aber dort gefiel es ihm nicht. Maria, die offenbar ehrgeiziger war als er, schlug vor, sie könne doch eine Zeit lang im Ausland arbeiten, um das Einkommen aufzubessern – Ivan war dagegen. "Er war blind vor Eifersucht und warf mir vor, ich würde ihn betrügen." Maria aber wollte sich nicht abfinden mit ihrem bescheidenen Dasein, die Streitereien mit ihrem Mann wurden häufiger, und eines Tages reichte sie die Scheidung ein. Kurz darauf ging sie nach Deutschland, um ihre Zukunft und die ihrer Töchter selbst in die Hand zu nehmen.
Am nächsten Morgen fällt der Strom aus. Ohne Strom geht auch die Wasserpumpe nicht, es kommt kein Tropfen aus dem Hahn in Marias neuem Bad. Wir holen mit Eimern Wasser vom Brunnen gegenüber. Für mich fühlt es sich an wie ein Zeitsprung von hundert Jahren, für Marias Töchter wie einer von zwei Monaten. Noch acht Wochen zuvor mussten sie jeden Morgen das Wasser aus dem Brunnen holen. Es wurde dann Eimer für Eimer erhitzt und zum Baden in eine Wanne gegossen. Tovtry ist ein Ort, an dem zwei Epochen nebeneinander existieren. Und damit haben auch die Menschen, die hier zurückgeblieben sind, ihre Probleme.
Wir fahren im Auto zum Markt, um Besorgungen für die Geburtstagsfeier der Großmutter zu machen. Svieta sitzt am Steuer des roten Ladas. Am Rückspiegel hängt ein Duftbaum im Design eines 500-Euro-Scheins. Der süße Geruch des Geldes durchströmt das Auto. Maria sitzt hinten, zusammen mit Mascha. "Was willst du später mal werden?", fragt sie ihre jüngere Tochter. "Vielleicht Journalistin? Dann kannst du reisen und Leute interviewen." Maria redet auf Deutsch mit ihr, Mascha lernt es in der Schule, und Maria will, dass sie die Sprache gut beherrscht. Journalistin, mein Beruf, ist für Maria der Inbegriff von Unabhängigkeit. So ein Leben will sie auch für ihre Töchter. Sie sollen moderne Europäerinnen werden. Aber Mascha hat andere Sorgen, die deutschen Wörter fallen ihr nicht ein, sie starrt auf den Autositz. "Mascha! Du musst Deutsch sprechen!", fordert Maria sie noch einmal auf. Sie erzählt ihr von Stanislav, dem Jungen aus dem Bus, der so alt ist wie Mascha und vier Sprachen fließend spricht. Am Ende stehen Mascha Tränen in den Augen.
Die Töchter, die nur die Ukraine kennen, können nicht mithalten mit der Entwicklung der Mutter. Die Generationenabfolge hat sich umgekehrt, Maria denkt fortschrittlicher als ihre Töchter. Sie war 35, als sie nach Deutschland ging, und inzwischen hat sie das Frauenideal der deutschen Großstadt übernommen. Maria ist Ernährer und Mutter in einem, mit ihrem Geld aus Deutschland finanziert sie die Ausbildung der Töchter. Nun erwartet sie, dass die Kinder ihre Chancen nutzen. Aber die beiden haben ihre eigenen Vorstellungen vom Leben. Svieta, die in Czernowitz Wirtschaftswissenschaften studiert hat, will ihren Freund, einen Bauarbeiter, heiraten und bei ihm in der Ukraine bleiben.
Beim Abendessen diskutieren Mutter und Tochter. "Du weißt noch gar nichts von der Welt!", sagt Maria. Svieta sieht zu Boden, sie ist ein dünnes, blondes Mädchen, dem man seine 20 Jahre nicht ansieht. Sie musste die Teenagerzeit ohne ihre Mutter verbringen, und vielleicht ist das der Grund, warum sie nicht so leben will wie Maria. "Mein Mann soll nicht zu Hause auf mich warten, während ich im Ausland bin", sagt sie. Sie will nicht Erfahrung sammeln, sondern Familienglück erleben. Sie wohnt schon im Haus ihres Freundes, seine Eltern haben es gebaut. Sie arbeiten in Polen.
Am nächsten Tag geht Maria den Berg hoch zu ihrem Feld. Tovtry ist umgeben von grünen Hängen und kargen Felsen, die Landschaft erinnert an Irland. Hier im Südwesten der Ukraine ist die Erde tiefschwarz, fruchtbares Ackerland. Jeder Bürger bekommt vom Staat Land zugeteilt, um selbst Nahrungsmittel anzubauen. Maria steht am Rand ihres Feldes, etwa halb so groß wie ein Fußballplatz, und blickt nach unten. Das Dorf liegt ihr zu Füßen. Maria atmet tief ein und wieder aus, als gebe ihr die Luft hier oben Kraft für die nächsten Monate in Deutschland.
In jedem ihrer Heimaturlaube bestellt sie ihr Feld. Dabei könnte sie sich Kartoffeln, Kohl, Zucchini, Gurken und Mais auch im Laden kaufen. Aber darum geht es nicht. Maria breitet die Arme aus und streicht mit den Fingern durch die Gerstenähren. "Das ist alles meins", sagt sie. Das Land gibt ihr Sicherheit, es ernährt sie auch dann noch, wenn alles andere verloren ist. Maria summt ein Lied, es klingt traurig, aber sie lächelt. Seit gut 48 Stunden ist sie hier, aber erst jetzt ist sie in der Heimat angekommen.
Am Abend geht Maria zum Abschlussball der Oberschule. Das ganze Dorf ist zusammengekommen, um dabei zu sein, wenn die Söhne und Töchter des Ortes ins Leben entlassen werden. Ein Leben, für das ihnen die Ukraine nicht viel zu bieten hat. Zwei Frauen kommen auf Maria zu, es sind ihre alten Arbeitskolleginnen aus der Konservenfabrik, Galina und Anna. Seit fünf Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen, sie umarmen sich. Dann stoßen noch zwei weitere Frauen dazu, und nach kurzer Zeit ist Maria umringt von alten Bekannten. Sie, die in Deutschland als Putzfrau von ihrem Mann belächelt wurde, ist hier eine angesehene Person.
Marias Bekannte Anna ist auch Putzfrau, sie arbeitet in der Oberschule von Tovtry. Maria bekommt am Ende des Monats rund 1200 Euro, Anna umgerechnet 70. Und das alles wegen eines Stücks Papier, das sich Arbeitserlaubnis nennt. Anna fragt, ob Maria nicht einen deutschen Mann kenne, den sie heiraten könne. Anna blickt auf ihren Ehering und lacht: "Den lasse ich zu Hause." Die andern Frauen lachen mit, dann wird es still in der Runde. Deutschland erscheint ihnen so nah an diesem Abend, und doch ist es so fern für sie.
Die Grenze ihres Landes ist die Trennlinie zwischen Arm und Reich. Familienbande werden zweitrangig, wenn das Gehalt in der benachbarten EU zwanzigmal höher ist als daheim. Niemand würde Maria hier verurteilen, weil sie ihre Kinder bei der Großmutter zurückgelassen hat. Den Luxus, über die Rolle der Mutter zu debattieren, kann sich in Tovtry keiner leisten.
Am Sonntagmorgen, dem Geburtstag der Großmutter, kommt ein Wimmern aus der Küche. Marias Mutter sitzt auf einem Hocker und weint. Svieta, Mascha und Maria stehen um sie herum und versuchen, sie zu trösten. "Ich bin ganz allein", sagt die Großmutter unter Schluchzen, "meine Tochter ist in Deutschland, mein Sohn in Russland." Marias Bruder arbeitet als Sanitäter in einem Erzbergwerk in Murmansk, Svieta wohnt bei ihrem Freund, und Mascha soll zur Mutter nach Deutschland.
Seit Marias Ankunft ist kein Tag vergangen ohne Tränen. Die Ängste der Frauen, gewachsen in den Monaten zwischen Abschied und Wiedersehen, brechen hervor. Die Großmutter fürchtet, sie werde allein sterben. Das ist auch Marias größte Sorge, bei jedem Abschied weiß sie, es könnte der letzte sein. Trotz allem will sie in den nächsten Jahren nicht zurückkehren. "Was soll ich hier arbeiten?", fragt sie. Wenn Maria nicht in Deutschland arbeitet, können ihre Töchter nicht studieren.
Es bleibt kaum Zeit, der Großmutter Trost zu spenden, die Feier muss vorbereitet werden. Um 13 Uhr kommen die Gäste, ein Dutzend Nachbarn und Verwandte. Fast alle verdienen im Ausland ihr Geld, in Polen, in Russland, in Deutschland. Maria hat Dutzende Gerichte gekocht, viel zu viel, aber sie will zeigen, dass sie sich den Überfluss leisten kann. Es gibt Kartoffelsalat mit Mayonnaise, Kohlsalat, frittierten Fisch und Wurst mit Fettstücken – schweres Essen, das einen zu Boden drückt. Es passt zum Leben hier, bei dem selbst in den glücklichsten Momenten immer die Trauer mitschwingt. Maria erhebt das Glas und singt ein Lied auf die Mutter, eine Strophe nur, weiter kommt sie nicht, dann versagt ihre Stimme. Es ist still am Tisch. Ein Nachbar bricht das Schweigen: "Lasst uns trinken." Wodka auf die Mütter. In der Runde macht sich eine trügerische Leichtigkeit breit.
Am nächsten Morgen reisen die Fotografin und ich ab, Maria wird noch bleiben und sich um die Papiere für Mascha kümmern. Sie gibt uns Geschenke mit, Wodka und handgemachte Strohpuppen, sie sollen uns Glück bringen. Für die Rückreise wählen wir eine schnellere, aber nicht unbedingt sichere Route, wir fliegen. In Czernowitz verstauen wir das Gepäck selbst im Bauch einer alten Antonov-Propellermaschine, ein Hund streunt über die Landebahn. Nach dem Start schütteln Turbulenzen in der Luft das kleine Flugzeug durch. Wir sind froh, als wir in Kiew landen und umsteigen zum Weiterflug nach Berlin.
Zehn Tage später treffen Maria und ich uns wieder. Sie wirkt schüchterner als bei unserem Abschied in der Ukraine, die Rückverwandlung hat sich vollzogen: Sie ist nicht mehr Maria, die Reiche aus Deutschland, sondern wieder Maria, die Putzfrau aus der Ukraine. Es ist ein Dienstag, neun Uhr morgens, als sie wie jede Woche zu mir kommt. Aber diesmal ist etwas anders. Wir umarmen uns zur Begrüßung, weil wir so etwas wie Freundinnen geworden sind. Nach der gemeinsamen Reise weiß auch ich persönliche Dinge von ihr wie sonst nur von guten Bekannten. Und ich weiß, woher diese Traurigkeit rührt, die Maria umgibt, selbst wenn sie lacht.
Wir stehen etwas unbeholfen in der Küche. Was zuvor normal war: dass Maria meine Wohnung sauber macht, erscheint uns jetzt ungewohnt. Sie beginnt mit dem Abwasch, hört wieder auf, redet über ihre letzten Tage in der Ukraine. Sie waren noch im Krankenhaus, weil der Blutdruck der Großmutter so stark angestiegen war. Bevor die Ärztin das Messgerät anlegte, verlangte sie von Maria 50 Euro, bar auf die Hand. "Sie verdienen doch so viel", sagte sie. Das hat Maria wütend gemacht. "Vielleicht verdiene ich mehr Geld als Sie", sagte sie zu der Ärztin, "aber wissen Sie überhaupt, wie das ist, ohne die Familie in der Fremde zu sein?" Am Ende zahlte Maria, und die Großmutter bekam ihre Tabletten.
Einige Zeit später, als Maria wieder zu mir nach Hause kommt, verkündet sie, dass sie endlich das Visum für Mascha bekommen habe. Sechs Jahre lang hat sie gewartet. Sie lächelt, aber irgendetwas stimmt nicht. Svieta ist schwanger, erzählt sie dann. Wenn das Kind zur Welt kommt, wird sie, die Oma, nicht dabei sein.
Es ist die alte Frage: Was ist mehr wert, Geld oder Familienleben? Maria hat darauf noch keine Antwort gefunden.
*Name von der Redaktion geändert
- Datum 6.11.2008 - 11:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.08.2008 Nr. 35
- Kommentare 14
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... für diesen herzzerreißenden Bericht.Und da dies kein Einzelschicksal ist, sondern - vorallem im Pflegebereich - nahezu Standard, stellt sich natürlich die Frage, was sich verändern müsste, verändern ließe...An erster Stelle steht: die Beschleunigung der Familienzusammenführung, denn es ist nicht mit den Menschenrechten vereinbar, Minderjährige und Erziehungsberechtigte für sechs Jahre zu trennen! Aber die EU hat ja nichtmal ein Problem damit, abgelehnte Asylbewerber für ein paar Jahre in den Abschiebeknast zu stecken...Aber das ist auch keine Antwort auf Marias Problem. Ich frage mich: was würde ich tun? Wahrscheinlich würde ich mit meinen Töchtern (und Ihren Kompetenzen bsp. Wirtschaftswissenschaft) einen Plan für ein Unternehmen (in der Heimat) aushecken, und dann statt Klimbim und haufenweise Essen zu kaufen, das Startkapital zusammensparen.Andere Vorschläge bzw. Anregungen?Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!
Ich möchte mich auch bedanken für diesen sehr eindringlichen Bericht. Wie gut, dass Sie diese Reise gemacht haben! Nachahmung empfohlen.
Auch bei uns gibt es viele "Marias". Sie kommen allerdings nicht aus der Ukraine, sondern aus Russland und versuchen sich gegenseitig Putzjobs in Privathaushalten zu vermitteln. Da wird dann solange gequengelt, bis der eigene Arbeitgeber die Telefonnummer eines Bekannten herausgibt, der vielleicht auch noch eine Putzfrau gebrauchen könnte.Jedenfalls nimmt mich das Schicksal dieser Frauen mit, das ist keine Frage. Trotzdem frage ich mich auch, ob nun wirklich die Armut so schlimm war oder das Geld so verlockend. Meistens tendiere ich zu letzterem, denn das Leben, das viele der "Putzdamen" hier führen, lässt nicht gerade darauf schließen, dass sie einen Großteil ihrer Einnahmen in die Heimat schicken. Da wird zunächst bescheiden gelebt, doch schnell kommen die Status-Symbole (oder auch vermeintlichen Status-Symbole) hinzu - die braucht man eben hier in Deutschland.Dass dann nur noch wenig Geld aus den Putz-Jobs übrig bleibt ist nachvollziehbar. Oft reicht es dann nur noch, um bei den Besuchen als "Reiche aus Deutschland" aufzutreten und nicht, um wirklich die Familie zu unterstützen.Ein wenig schockiert hat mich aber eine Aussage von Maria aus dem Artikel: "aber wissen Sie überhaupt, wie das ist, ohne die Familie in der Fremde
zu sein?"". Das vermittelt schnell den Eindruck, als ob sie gezwungen wurde, nach Deutschland zu gehen und ihre Familie zurückzulassen. Sie hat sich jedoch lediglich gegen das triste Leben in der Ukraine entschieden - in der Hoffnung im reichen Deutschland etwas besseres zu finden. Dabei minderjährige Töchter zurückzulassen finde ich unverantwortlich.
Rassismus
Im Krankenhaus Sibenik (Kroatien) herrscht Mangel an Blutkonserven. "Routinemäßig" werden alle Blutspender nach ihrer etnischen Herkunft befragt. Einer der Blutspender war ein ethnischer Serbe. Die Ärzte weigerten sich sein Blut für eine Transfusion zu konservieren mit der Begründung, dass man einem Kroatem nicht zumuten kann ("minderwertiges")serbisches Blut transfusiert zu bekommen. Außerdem meinte der Direktor des Krankenhauses Sibenik Zelko Buric, dass nach kroatischem Recht NUR "reine" Kroaten kroatischen Staatsbürgen Blut spenden können. WAHNSINN!!!! Was geschieht da in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.(Anmerkung: Bitte versuchen Sie, derlei Informationen (wenn möglich) mit zu belegen. Die Redaktion/jk)
Ich weiß nicht, was Sibenik mit Ukraine zu tun hat, aber die Darstellung ist böswillig falsch."Einer der Blutspender war ein ethnischer Serbe"Woher haben Sie diese "Information"? Im Krankenhaus wurde er nur nach seiner Staatsbürgerschaft gefragt.'("minderwertiges")serbisches Blut'Das ist Ihre Aussage, nicht des Krankenhauses.'NUR "reine" Kroaten kroatischen Staatsbürgen Blut spenden können'Das ist frei erfunden.Es gab mal eine Verordnung, die Verlangte, dass Blutspender kroatische Staatsbürger sind[1]. Diese wurde 2006 abgeschafft. Scheinbar war sich der Krankenhauspersonal dessen nicht bewusst.Also, nicht schön, aber ein Versehen. Für (...) aber ein willkommener Anlass, ein Volk zu Monstern zu stilisieren.(...entfernt. Bitte tragen Sie zu einer Versachlichung der Debatte bei. Die Redaktion/jk)
Ich kann wohl verstehen, warum Maria im Ausland ihr Glück sucht, aus
der Enge der Provinz ausbricht, um finanziell unabhängig zu sein und
einen neuen Partner zu finden.
Mit Blick auf ihre Kinder ist ihr Verhalten allerdings
unverantwortlich: eine Mutter die jahrelang ins Ausland geht, dort mit
einem neuen Mann lebt, alle Freiheiten auskostet! Diese Kinder werden
sich sehr verlassen und im Stich gelassen fühlen. Da es sich auch noch
um Scheidungskinder handelt, wäre die Zuwendung und Anwesenheit ihrer
Mutter dringend notwendig gewesen. Kein Geld der Welt kann es
rechtfertigen, dass Eltern
ihre Kinder allein lassen!
Die Kommentare derjenigen, die meinen, dass eine Mutter ihre Kinder unter keinen Umstaenden allein lassen duerfte, haben sich offensichtlich nie in einer vergleichbaren Situation befunden.Ja, es ist herzzerreissend diesen Text zu lesen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die Mutter dies mit einem deutlichen Ziel vor Augen macht. Sie will ihren Toechtern eine bessere Zukunft und eine bessere Ausbildung ermoeglichen. Die Entscheidung heisst entweder oder. Ich weiss nicht, welcher Weg der bessere ist: Eine arme Familie, ohne Perspektive fuer die Zukunft oder eine zerrissene Familie mit der Moeglichkeit fuer die Kinder sich ihr Leben selber aussuchen zu koennen. Die Wahl ist sehr hart. Dennoch, ich respektiere und achte die Entscheidung der Mutter. Denn Armut ist hart und nicht sexy.
Dumm nur, dass im Artikel steht, dass die beiden Töchter diese Zukunft offensichtlich nicht haben wollen."Mein Mann
soll nicht zu Hause auf mich warten, während ich im Ausland bin", sagt
sie. Sie will nicht Erfahrung sammeln, sondern Familienglück erleben.
Sie wohnt schon im Haus ihres Freundes, [...]."Zudem wollten sie nie ihre Mutter in Deutschland besuchen. So verlockend scheint die gute Ausbildung in Westeuropa also nicht zu sein.Auch die Oma ist, wie im Text zu lesen ist, nicht glücklich darüber, dass ihre Kinder in der Fremde sind und sie alleine ist.Ist das nicht spätestens der Punkt, an dem Maria erkennen sollte, dass ihre "Mission" fehlgeschlagen ist und sie lieber nach Hause zurückkehren sollte, um sich noch um ihre 14-jährige Tochter zu kümmern?
und kommt aus Weißrussland. In ihrer Heimat war sie Lehrerin für Literatur und Geschichte - sie würde dort den Gegenwert von 80€ verdienen. Sie lebt seit vielen Jahren illegal hier, um genügend Geld für die Ausbildung ihrer Tochter zu verdienen. Sie wurde bereits einmal abgeschoben und saß 6 Wochen im Abschiebegefängnis - sie wurde in der U-Bahn kontrolliert und fand vor lauter Angst ihren Fahrschein nicht. Sie übernachtet manchmal bei mir, wenn ich nicht da bin, um dem unangenehmen und übergriffigen Mann, mit dem sie aus Kostengründen eine Wohnung teilt, für kurze Zeit zu entkommen. Sie trägt Kleidung, die ihr ihre Arbeitgeber überlassen, sie gönnt sich nichts, sie raucht nicht, trinkt nicht und ißt möglichst billig. Sie fährt sehr selten nach Weißrussland - jeder Grenzübertritt raubt ihr schon Monate vorher die Nerven. Sie ist hochgebildet, sehr freundlich und weit besser erzogen als so manche ihrer Arbeitgeber - manchmal erzählt sie mir davon : sie wird nachträglich im Preis (5€/Stunde) gedrückt, mit dem Verweis, daß man sie ja auch anzeigen könnte wegen fehlender Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Menschen sprechen Babysprache oder sehr laut mit ihr, setzen ihr verdorbenes Essen vor und lassen sie Erbrochenes und Fäkalien wegputzen. Sie möchte nicht, daß ihre Tochter nach Deutschland kommt, weil sie sich schämt. Sie heißt natürlich nicht Lilia und ist auch nicht meine Putzfrau - der Rest ist aber wahr.
Dumm nur, dass im Artikel steht, dass die beiden Töchter diese Zukunft offensichtlich nicht haben wollen."Mein Mann
soll nicht zu Hause auf mich warten, während ich im Ausland bin", sagt
sie. Sie will nicht Erfahrung sammeln, sondern Familienglück erleben.
Sie wohnt schon im Haus ihres Freundes, [...]."Zudem wollten sie nie ihre Mutter in Deutschland besuchen. So verlockend scheint die gute Ausbildung in Westeuropa also nicht zu sein.Auch die Oma ist, wie im Text zu lesen ist, nicht glücklich darüber, dass ihre Kinder in der Fremde sind und sie alleine ist.Ist das nicht spätestens der Punkt, an dem Maria erkennen sollte, dass ihre "Mission" fehlgeschlagen ist und sie lieber nach Hause zurückkehren sollte, um sich noch um ihre 14-jährige Tochter zu kümmern?
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