Gesellschaft Meine Putzfrau kehrt heimSeite 5/5

Am nächsten Morgen reisen die Fotografin und ich ab, Maria wird noch bleiben und sich um die Papiere für Mascha kümmern. Sie gibt uns Geschenke mit, Wodka und handgemachte Strohpuppen, sie sollen uns Glück bringen. Für die Rückreise wählen wir eine schnellere, aber nicht unbedingt sichere Route, wir fliegen. In Czernowitz verstauen wir das Gepäck selbst im Bauch einer alten Antonov-Propellermaschine, ein Hund streunt über die Landebahn. Nach dem Start schütteln Turbulenzen in der Luft das kleine Flugzeug durch. Wir sind froh, als wir in Kiew landen und umsteigen zum Weiterflug nach Berlin.

Zehn Tage später treffen Maria und ich uns wieder. Sie wirkt schüchterner als bei unserem Abschied in der Ukraine, die Rückverwandlung hat sich vollzogen: Sie ist nicht mehr Maria, die Reiche aus Deutschland, sondern wieder Maria, die Putzfrau aus der Ukraine. Es ist ein Dienstag, neun Uhr morgens, als sie wie jede Woche zu mir kommt. Aber diesmal ist etwas anders. Wir umarmen uns zur Begrüßung, weil wir so etwas wie Freundinnen geworden sind. Nach der gemeinsamen Reise weiß auch ich persönliche Dinge von ihr wie sonst nur von guten Bekannten. Und ich weiß, woher diese Traurigkeit rührt, die Maria umgibt, selbst wenn sie lacht.

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Wir stehen etwas unbeholfen in der Küche. Was zuvor normal war: dass Maria meine Wohnung sauber macht, erscheint uns jetzt ungewohnt. Sie beginnt mit dem Abwasch, hört wieder auf, redet über ihre letzten Tage in der Ukraine. Sie waren noch im Krankenhaus, weil der Blutdruck der Großmutter so stark angestiegen war. Bevor die Ärztin das Messgerät anlegte, verlangte sie von Maria 50 Euro, bar auf die Hand. "Sie verdienen doch so viel", sagte sie. Das hat Maria wütend gemacht. "Vielleicht verdiene ich mehr Geld als Sie", sagte sie zu der Ärztin, "aber wissen Sie überhaupt, wie das ist, ohne die Familie in der Fremde zu sein?" Am Ende zahlte Maria, und die Großmutter bekam ihre Tabletten.

Einige Zeit später, als Maria wieder zu mir nach Hause kommt, verkündet sie, dass sie endlich das Visum für Mascha bekommen habe. Sechs Jahre lang hat sie gewartet. Sie lächelt, aber irgendetwas stimmt nicht. Svieta ist schwanger, erzählt sie dann. Wenn das Kind zur Welt kommt, wird sie, die Oma, nicht dabei sein.

Es ist die alte Frage: Was ist mehr wert, Geld oder Familienleben? Maria hat darauf noch keine Antwort gefunden.
*Name von der Redaktion geändert

 
Leser-Kommentare
  1. ... für diesen herzzerreißenden Bericht.Und da dies kein Einzelschicksal ist, sondern - vorallem im Pflegebereich - nahezu Standard, stellt sich natürlich die Frage, was sich verändern müsste, verändern ließe...An erster Stelle steht: die Beschleunigung der Familienzusammenführung, denn es ist nicht mit den Menschenrechten vereinbar, Minderjährige und Erziehungsberechtigte für sechs Jahre zu trennen! Aber die EU hat ja nichtmal ein Problem damit, abgelehnte Asylbewerber für ein paar Jahre in den Abschiebeknast zu stecken...Aber das ist auch keine Antwort auf Marias Problem. Ich frage mich: was würde ich tun? Wahrscheinlich würde ich mit meinen Töchtern (und Ihren Kompetenzen bsp. Wirtschaftswissenschaft) einen Plan für ein Unternehmen (in der Heimat) aushecken, und dann statt Klimbim und haufenweise Essen zu kaufen, das Startkapital zusammensparen.Andere Vorschläge bzw. Anregungen?Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!

  2. Ich möchte mich auch bedanken für diesen sehr eindringlichen Bericht. Wie gut,  dass Sie diese Reise gemacht haben! Nachahmung empfohlen.

    • jojo08
    • 24.08.2008 um 11:13 Uhr

    Auch bei uns gibt es viele "Marias". Sie kommen allerdings nicht aus der Ukraine, sondern aus Russland und versuchen sich gegenseitig Putzjobs in Privathaushalten zu vermitteln. Da wird dann solange gequengelt, bis der eigene Arbeitgeber die Telefonnummer eines Bekannten herausgibt, der vielleicht auch noch eine Putzfrau gebrauchen könnte.Jedenfalls nimmt mich das Schicksal dieser Frauen mit, das ist keine Frage. Trotzdem frage ich mich auch, ob nun wirklich die Armut so schlimm war oder das Geld so verlockend. Meistens tendiere ich zu letzterem, denn das Leben, das viele der "Putzdamen" hier führen, lässt nicht gerade darauf schließen, dass sie einen Großteil ihrer Einnahmen in die Heimat schicken. Da wird zunächst bescheiden gelebt, doch schnell kommen die Status-Symbole (oder auch vermeintlichen Status-Symbole) hinzu - die braucht man eben hier in Deutschland.Dass dann nur noch wenig Geld aus den Putz-Jobs übrig bleibt ist nachvollziehbar. Oft reicht es dann nur noch, um bei den Besuchen als "Reiche aus Deutschland" aufzutreten und nicht, um wirklich die Familie zu unterstützen.Ein wenig schockiert hat mich aber eine Aussage von Maria aus dem Artikel: "aber wissen Sie überhaupt, wie das ist, ohne die Familie in der Fremde
    zu sein?"".
    Das vermittelt schnell den Eindruck, als ob sie gezwungen wurde, nach Deutschland zu gehen und ihre Familie zurückzulassen. Sie hat sich jedoch lediglich gegen das triste Leben in der Ukraine entschieden - in der Hoffnung im reichen Deutschland etwas besseres zu finden. Dabei minderjährige Töchter zurückzulassen finde ich unverantwortlich.

  3. Rassismus

    Im Krankenhaus Sibenik (Kroatien) herrscht Mangel an Blutkonserven. "Routinemäßig" werden alle Blutspender nach ihrer etnischen Herkunft befragt. Einer der Blutspender war ein ethnischer Serbe. Die Ärzte weigerten sich sein Blut für eine Transfusion zu konservieren mit der Begründung, dass man einem Kroatem nicht zumuten kann ("minderwertiges")serbisches Blut transfusiert zu bekommen. Außerdem meinte der Direktor des Krankenhauses Sibenik Zelko Buric, dass nach kroatischem Recht NUR "reine" Kroaten kroatischen Staatsbürgen Blut spenden können. WAHNSINN!!!! Was geschieht da in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.(Anmerkung: Bitte versuchen Sie, derlei Informationen (wenn möglich) mit zu belegen. Die Redaktion/jk)

     

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    Ich weiß nicht, was Sibenik mit Ukraine zu tun hat, aber die Darstellung ist böswillig falsch."Einer der Blutspender war ein ethnischer Serbe"Woher haben Sie diese "Information"? Im Krankenhaus wurde er nur nach seiner Staatsbürgerschaft gefragt.'("minderwertiges")serbisches Blut'Das ist Ihre Aussage, nicht des Krankenhauses.'NUR "reine" Kroaten kroatischen Staatsbürgen Blut spenden können'Das ist frei erfunden.Es gab mal eine Verordnung, die Verlangte, dass Blutspender kroatische Staatsbürger sind[1]. Diese wurde 2006 abgeschafft. Scheinbar war sich der Krankenhauspersonal dessen nicht bewusst.Also, nicht schön, aber ein Versehen. Für (...) aber ein willkommener Anlass, ein Volk zu Monstern zu stilisieren.(...entfernt. Bitte tragen Sie zu einer Versachlichung der Debatte bei. Die Redaktion/jk)

    Ich weiß nicht, was Sibenik mit Ukraine zu tun hat, aber die Darstellung ist böswillig falsch."Einer der Blutspender war ein ethnischer Serbe"Woher haben Sie diese "Information"? Im Krankenhaus wurde er nur nach seiner Staatsbürgerschaft gefragt.'("minderwertiges")serbisches Blut'Das ist Ihre Aussage, nicht des Krankenhauses.'NUR "reine" Kroaten kroatischen Staatsbürgen Blut spenden können'Das ist frei erfunden.Es gab mal eine Verordnung, die Verlangte, dass Blutspender kroatische Staatsbürger sind[1]. Diese wurde 2006 abgeschafft. Scheinbar war sich der Krankenhauspersonal dessen nicht bewusst.Also, nicht schön, aber ein Versehen. Für (...) aber ein willkommener Anlass, ein Volk zu Monstern zu stilisieren.(...entfernt. Bitte tragen Sie zu einer Versachlichung der Debatte bei. Die Redaktion/jk)

    • macey
    • 24.08.2008 um 12:14 Uhr

    Ich kann wohl verstehen, warum Maria im Ausland ihr Glück sucht, aus
    der Enge der Provinz ausbricht, um finanziell unabhängig zu sein und
    einen neuen Partner zu finden.
    Mit Blick auf ihre Kinder ist ihr Verhalten allerdings
    unverantwortlich: eine Mutter die jahrelang ins Ausland geht, dort mit
    einem neuen Mann lebt, alle Freiheiten auskostet! Diese Kinder werden
    sich sehr verlassen und im Stich gelassen fühlen. Da es sich auch noch
    um Scheidungskinder handelt, wäre die Zuwendung und Anwesenheit ihrer
    Mutter dringend notwendig gewesen. Kein Geld der Welt kann es
    rechtfertigen, dass Eltern
    ihre Kinder allein lassen!

  4. Die Kommentare derjenigen, die meinen, dass eine Mutter ihre Kinder unter keinen Umstaenden allein lassen duerfte, haben sich offensichtlich nie in einer vergleichbaren Situation befunden.Ja, es ist herzzerreissend diesen Text zu lesen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die Mutter dies mit einem deutlichen Ziel vor Augen macht. Sie will ihren Toechtern eine bessere Zukunft und eine bessere Ausbildung ermoeglichen. Die Entscheidung heisst entweder oder. Ich weiss nicht, welcher Weg der bessere ist: Eine arme Familie, ohne Perspektive fuer die Zukunft oder eine zerrissene Familie mit der Moeglichkeit fuer die Kinder sich ihr Leben selber aussuchen zu koennen. Die Wahl ist sehr hart. Dennoch, ich respektiere und achte die Entscheidung der Mutter. Denn Armut ist hart und nicht sexy. 

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    • jojo08
    • 24.08.2008 um 15:48 Uhr

    Dumm nur, dass im Artikel steht, dass die beiden Töchter diese Zukunft offensichtlich nicht haben wollen."Mein Mann
    soll nicht zu Hause auf mich warten, während ich im Ausland bin", sagt
    sie. Sie will nicht Erfahrung sammeln, sondern Familienglück erleben.
    Sie wohnt schon im Haus ihres Freundes, [...]."
    Zudem wollten sie nie ihre Mutter in Deutschland besuchen. So verlockend scheint die gute Ausbildung in Westeuropa also nicht zu sein.Auch die Oma ist, wie im Text zu lesen ist, nicht glücklich darüber, dass ihre Kinder in der Fremde sind und sie alleine ist.Ist das nicht spätestens der Punkt, an dem Maria erkennen sollte, dass ihre "Mission" fehlgeschlagen ist und sie lieber nach Hause zurückkehren sollte, um sich noch um ihre 14-jährige Tochter zu kümmern?

    • jojo08
    • 24.08.2008 um 15:48 Uhr

    Dumm nur, dass im Artikel steht, dass die beiden Töchter diese Zukunft offensichtlich nicht haben wollen."Mein Mann
    soll nicht zu Hause auf mich warten, während ich im Ausland bin", sagt
    sie. Sie will nicht Erfahrung sammeln, sondern Familienglück erleben.
    Sie wohnt schon im Haus ihres Freundes, [...]."
    Zudem wollten sie nie ihre Mutter in Deutschland besuchen. So verlockend scheint die gute Ausbildung in Westeuropa also nicht zu sein.Auch die Oma ist, wie im Text zu lesen ist, nicht glücklich darüber, dass ihre Kinder in der Fremde sind und sie alleine ist.Ist das nicht spätestens der Punkt, an dem Maria erkennen sollte, dass ihre "Mission" fehlgeschlagen ist und sie lieber nach Hause zurückkehren sollte, um sich noch um ihre 14-jährige Tochter zu kümmern?

    • Anonym
    • 24.08.2008 um 13:50 Uhr

    und kommt aus Weißrussland. In ihrer Heimat war sie Lehrerin für Literatur und Geschichte - sie würde dort den Gegenwert von 80€ verdienen. Sie lebt seit vielen Jahren illegal hier, um genügend Geld für die Ausbildung ihrer Tochter zu verdienen. Sie wurde bereits einmal abgeschoben und saß 6 Wochen im Abschiebegefängnis - sie wurde in der U-Bahn kontrolliert und fand vor lauter Angst ihren Fahrschein nicht. Sie übernachtet manchmal bei mir, wenn ich nicht da bin, um dem unangenehmen und übergriffigen Mann, mit dem sie aus Kostengründen eine Wohnung teilt, für kurze Zeit zu entkommen. Sie trägt Kleidung, die ihr ihre Arbeitgeber überlassen, sie gönnt sich nichts, sie raucht nicht, trinkt nicht und ißt möglichst billig. Sie fährt sehr selten nach Weißrussland - jeder Grenzübertritt raubt ihr schon Monate vorher die Nerven. Sie ist hochgebildet, sehr freundlich und weit besser erzogen als so manche ihrer Arbeitgeber - manchmal erzählt sie mir davon : sie wird nachträglich im Preis (5€/Stunde) gedrückt, mit dem Verweis, daß man sie ja auch anzeigen könnte wegen fehlender Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Menschen sprechen Babysprache oder sehr laut mit ihr, setzen ihr verdorbenes Essen vor und lassen sie Erbrochenes und Fäkalien wegputzen. Sie möchte nicht, daß ihre Tochter nach Deutschland kommt, weil sie sich schämt. Sie heißt natürlich nicht Lilia und ist auch nicht meine Putzfrau - der Rest ist aber wahr.

    • jojo08
    • 24.08.2008 um 15:48 Uhr

    Dumm nur, dass im Artikel steht, dass die beiden Töchter diese Zukunft offensichtlich nicht haben wollen."Mein Mann
    soll nicht zu Hause auf mich warten, während ich im Ausland bin", sagt
    sie. Sie will nicht Erfahrung sammeln, sondern Familienglück erleben.
    Sie wohnt schon im Haus ihres Freundes, [...]."
    Zudem wollten sie nie ihre Mutter in Deutschland besuchen. So verlockend scheint die gute Ausbildung in Westeuropa also nicht zu sein.Auch die Oma ist, wie im Text zu lesen ist, nicht glücklich darüber, dass ihre Kinder in der Fremde sind und sie alleine ist.Ist das nicht spätestens der Punkt, an dem Maria erkennen sollte, dass ihre "Mission" fehlgeschlagen ist und sie lieber nach Hause zurückkehren sollte, um sich noch um ihre 14-jährige Tochter zu kümmern?

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