Natürlich hat es ihn verletzt, aber darüber reden will er nicht. Noch nicht. In einem Jahr vielleicht, nach der Bundestagswahl, wenn er nicht mehr dabei sein wird, sich keiner Fraktionsdisziplin unterordnen muss. Wenn er nur noch Privatmann ist, endlich. In seinem Wohnzimmer in Kassel sitzt Hans Eichel auf einem antiken Sofa. Er hat sich in die rechte Ecke gelehnt, die Füße übereinandergeschlagen, und während er spricht, streicht er mit der flachen Hand über die Armlehne; immer wieder, als wolle er seine Worte glätten, seine Sätze bürsten. Was soll er auch sagen, nach so einer Karriere? Erst war er der glanzvolle Held. Und am Ende der Depp.

In der Politik geht es nicht um Gerechtigkeit gegenüber Politikern, aber gegenüber Hans Eichel war man besonders ungerecht. Man hat ihn verhöhnt, verlacht, und am Ende hat man ihn regelrecht fertiggemacht: die Gegner aus der Opposition, die Medien, und, was am schlimmsten war, auch die Leute der eigenen Partei. Am Schluss musste er herhalten für den Niedergang einer ganzen Regierung.

Und das alles, weil es ihm nicht gelungen war, die Staatsschulden abzubauen.

In diesem Herbst könnte der frühere Finanzminister erleben, wie sich Geschichte wiederholt. Wie die Wirtschaft einbricht und die Steuereinnahmen sinken. Wie die Regierung davon redet, den Haushalt ausgleichen zu wollen, aber in Wahrheit mehr Geld ausgeben muss, weil es wieder mehr Arbeitslose gibt. Und wie der Finanzminister – der jetzt noch so starke Peer Steinbrück – am Ende als schwach und gescheitert gilt. Weil auch er es nicht schaffte, die Staatsschulden abzubauen.

So sehen das die Deutschen nämlich: Ein guter Finanzminister hält sein Geld zusammen. Ein schlechter häuft Schulden an.

In keinem Industrieland der Welt fürchten sich die Bürger so sehr vor hohen Staatsschulden wie in Deutschland. Wir Deutschen erfanden den europäischen Stabilitätspakt, um uns vor der sorglosen Haushaltspolitik unserer Nachbarn zu schützen – und litten dann selbst am meisten unter den strengen Schuldenregeln. Wir diskutieren über Schuldengrenzen, eine Schuldenbremse und das totale Verbot neuer Schulden. Staatsschulden sind für uns eine Frage von Schuld und Moral: Wir plündern das Konto unserer Enkel! Wir versündigen uns an unseren Töchtern und Söhnen! Auf Schuldenbergen können unsere Kinder nicht spielen!

Es ist ein seltsam verkürztes Verständnis von der Verschuldung des Staates, das wir da offenbaren. Verkürzt und voller Angst. Aber warum? Die Suche nach einer Antwort beginnt in Berlin, in einer Straße am Rande des Regierungsviertels.