Olympia »Uns fehlen Siegertypen«

Er war der Erste, der die 100 Meter unter 10 Sekunden lief, und der schnellste Deutsche aller Zeiten: Armin Hary über Doping und das deutsche Team

DIE ZEIT: Herr Hary, nehmen Sie sich vormittags frei, um die Olympia-Übertragung zu verfolgen?

Armin Hary: Im Moment reicht es mir, wenn ich die Zusammenfassung sehe. Wenn ich den ganzen Tag alles sehen würde, würde ich mich vielleicht noch mehr ärgern.

ZEIT: Worüber ärgern Sie sich?

Hary: Im Medaillenspiegel stehen wir jetzt ganz gut da. Aber in der Leichtathletik steht uns wohl noch Schlimmes bevor. Man kann nicht optimistisch sein, wenn man die Leistungen sieht, mit denen viele zu den Olympischen Spielen reisen. Auf Goldmedaillenkurs sehe ich keinen unserer Sportler. Wir hinken bei den Kernsportarten Schwimmen und Leichtathletik insgesamt hinterher.

ZEIT: Woran liegt das?

Hary: Wir haben zu wenig Siegertypen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland drei Millionen Kinder, die keinen Sport treiben können, weil die Eltern es sich nicht leisten können. Aber aus dieser Schicht könnten solche Siegertypen kommen. Ich weiß, wovon ich rede, ich komme auch aus einem armen Elternhaus und habe mich durchgesetzt. Deshalb versuche ich mit meiner Jugendsport-Förderagentur, speziell Kinder aus sozial schwachen Familien bei ihrer sportlichen Laufbahn zu unterstützen.

ZEIT: Wie haben Sie am Samstag den 100-Meter-Sprint erlebt, Ihre Paradedisziplin?

Hary: Wenn man hört und liest, dass 95 Prozent der Teilnehmer vergiftet sein sollen und dass Doping kaum mehr nachweisbar ist, dann kann man sich nicht mehr so uneingeschränkt über die Leistungen freuen. Man muss immer erst ein paar Tage warten, bis die Dopingproben ausgewertet sind. Das verdirbt mir den Spaß am Wettbewerb.

ZEIT: Wie sehen Sie die Leistung von Usain Bolt?

Hary: Die Leistung war natürlich außergewöhnlich. Aber ich kam bei meinem Olympiasieg in Rom auch mit einem klaren Vorsprung auf meine Konkurrenten ins Ziel. Den Weltrekord war ich schon vorher in Zürich gelaufen. Von daher hat Bolt nicht mehr oder weniger erreicht als ich: Er hat die Goldmedaille gewonnen und ist Weltrekordler.

ZEIT: Glauben Sie denn, dass solche Leistungen mit legalen Mitteln überhaupt möglich sind? Seit Ihrem Lauf hat sich vieles geändert – es gibt Tartanbahnen und ausgeklügelte Trainingspläne.

Hary: Ich glaube nicht, dass die Athleten von heute viel besser laufen als wir damals – nur schneller. Die besseren Bedingungen wie Laufbahnen, Schuhe oder Ernährungspläne spielen sicherlich eine große Rolle bei der Verbesserung der Zeiten. Dazu kommt, dass sich die Mediziner in den Wettbewerb eingemischt haben.

ZEIT: Kann man Doping überhaupt eindämmen?

Hary: Man muss endlich beginnen, Strafen auszusprechen, die abschreckend sind. Ein Sportler, der positiv getestet wird, sollte nicht die Möglichkeit haben, noch einmal Leistungssport zu betreiben. Ich würde eine Amnestie ausrufen: Wer bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht erwischt wurde, hat nachträglich nichts mehr zu befürchten. Wer danach beim Dopen erwischt wird, bekommt eine lebenslange Sperre.

ZEIT: Es wird oft beklagt, dass viele Sportler dopen, weil sie durch die bessere Leistung höhere Werbeverträge bekommen. Wie stehen Sie zur Kommerzialisierung des Sports?

Hary: Die Medizin hat im Sport nichts verloren, die Kommerzialisierung muss man bis zu einem gewissen Grad akzeptieren. Ich habe nichts dagegen, dass ein Athlet in seiner kurzen Karriere viel Geld verdient, wenn er Leistung bringt. In Deutschland bieten wir sogar noch zu wenig finanzielle Anreize. Einige Länder wie Italien bezahlen einem Olympiasieger mehr als 100000 Euro. In Deutschland hingegen bekommt ein Goldmedaillengewinner gerade einmal 15000 Euro.

ZEIT: Was haben Sie für Ihren Olympiasieg bekommen?

Hary: Einen Händedruck, leider war nichts drin in den Händen. Werbeverträge gab es auch nicht. Wir waren reine Amateure. Man hat mich damals sogar wegen 70 Mark, die ich bei einem Sportfest falsch abgerechnet hatte, gesperrt. Deswegen bin ich dann auch zurückgetreten. Ich hatte häufiger Ärger mit den Funktionären und wollte mir diesen Stress nicht mehr antun.

Die Fragen stellte Adrian Bauer

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 23.08.2008 um 13:22 Uhr

    Armin Hary, solche "Siegertypen" braucht der deutsche Sport. Seine Antworten in dem ZEIT-Interview finde ich zutreffend, ebenso seine Analyse über die Fäulnis der Motivation im deutschen Sport (-business).

    • almado
    • 23.08.2008 um 18:51 Uhr

    Bei aller Euphorie über "unseren" Olympiasieger von 1960 sollte man nicht vergessen, dass zu dieser Zeit "handgestoppt" wurde. Verglichen mit der heutigen Zeitnahme enspricht das eher einer Zeit, die "unser" Unger gegenwärtig laufen kann.
     

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