Jugend ohne Charakter!
Karrieredruck und Zukunftsangst haben eine angepasste Generation hervorgebracht: Fleißiger denn je, aber erschreckend widerspruchslos. Eine Polemik
feuilleton Seite 43/44
- Datum 28.08.2008 - 08:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
- Kommentare 5
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Sehr gut, Herr Jessen, Sie bringen die Stendhal-Gesellschaft ("Rot und Schwarz") von heute am öffentlichen Ort an den Pranger ! Aber dass Sie Schopenhauer zitieren, um gesellschaftliche Änderungen und Einsatz wider den Zynismus zu predigen (es ist ja eine Art Predigt), das scheint mir nicht besonders sinnvoll ! Ebenfalls sollte man wider den Sozialdarwinismus nicht den Geniegedanken anbieten, der ja einer Art geistigem Sozialdarwinismus entspringt. Nein, der echte, alte soziale Ansatz eines August Bebel sollte wieder ausgepackt werden (man sieht, selbst eine Karikatur Bebels, Lafontaine, kann jetzt Gewinne einstreichen!), denke ich.
Der Artikels erscheint mir doch etwas zu abstrakt, besonders wenn man möchte, dass die Protagonisten des Artikels diesen auch verstehen...Er spricht mir jedoch, als "Langzeitstudent" und
"Geisteswissenschaftler", der sich nun auf die Suche nach Arbeit
begeben muss, aus der Seele.
Für mich befindet sich die Ursache dieser Entwicklung jedoch nicht in
den Bereichen der Zukunftsangst ode des Karrieredrucks. Es handelt sich
m.E. nach eher um (Rück-?)Schritt aus der postmaterialistischen Zeit in
eine kapitalistisch-hedonsitische. Das eigene Streben nach einem Weg
zum Glücklichsein wird durch vorgefertigte Meinungen ersetzt.
Individuelle Meinungen werden abgelehnt. Komisch nur dass gerade die
Alt-68er heute auf den Chefsesseln sitzen und genau dies fordern.
Vielleicht sind ihnen kritische Leute ja aus eigener Erfahrung zu
anstrengend, wer weiß...
Für mich entstand in den letzten Jahren Universität jedenfalls ein
nicht zu leugnender Abscheu gegen diese "Karrierekinder" denen man in
der WG beibringen muss wie man Wäsche wäscht, kocht, putzt etc., die
jedoch gleichzeitig ihre Praktikas absolvieren, ihre
Werksstudentenstellen haben, ihr Netzwerk pflegen... und gleichzeitig
damit ihren älteren Kommilitonen die Arbeitsplätze wegnehmen. Diese
Ambivalenz ist schon beinahe widerlich!
Aber vorgelebt wird es überall, was will man nun also den Kindern
vorwerfen? So wurde ich gerade beim Klick auf die Rubrik "Bildung" auf
der Hauptseite sofort mit Schlagwörtern wie "Hochschulranking",
"Excellenceranking (man beachte die englische Schreibweise!)" oder
"Karrierebranchen" konfrontiert. Das man bei einem Studium immer so
viel lernt, wie man selber will, "gut" und "schlecht" relative
Kategorien sind und Statistiken nicht nur bei Scientologen meistens
Lügen bzw. zumindest interpretierbar sind, wird wie immer verschwiegen.
Nunja, ich werde die Tage mal wieder ein paar Bewerbungen rausschicken,
genauso viele Absagen einstreichen und mich mal wieder fragen, ob sich
das mit der Arbeit überhaupt lohnt, da ich dann ja gar keine Zeit mehr
zum Leben hätte...
Wo hat diese " Jugend" denn gelernt ?Vielleicht bei Vorgängern, sogar den 68zigern, deren einige die grosse Veränderung wollten, aber die meisten einfach die Stellen besetzten, so gut es ging, in die eigene Tasche wirtschafteten. Die nächste Generation eiskalt vor der Türe stehen liessen.Arbeitsplatzteilung ? Nein. Altersteilzeit :Ja, da gibt es eine Verbesserung des Stundenlohns um mindestens 25%.Wenn man mit Generationenbashing anfängt, kann dies für die Älteren zu einer Herausforderung werden . Durch welches Verhalten haben sie denn dazu beigetragen, diese Jugend gemeinwohlorientiert zu stimmen ? Weil man 1968 einen Polizisten verprügelt hat und sich dann mehr als dreissig Jahre konsequent egomanisch benommen hat ? Also, Vorsicht ist geboten... wenn heute mehr Anpassung da sein sollte, dann könnte dies viel mit dem Druck zu tun haben.Diesem sind sie nicht gewachsen, und wer wollte das vorwerfen ? Derjenige, der fest auf einem gut bezahlen Posten sitzt ?
Unsere Videoredaktion hat Hamburger Studenten mit den Aussagen Jens Jessens konfrontiert. Sie können die Reaktionen hier diskutieren.Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
Hat sich was geändert? Die Jungen machen das, was sie für richtig halten und die Alten verfassen von Sorgenfalten durchzogene Feuilleton-Artikel über die "Jugend von heute", die sich tatsächlich erdreistet nicht so zu sein, wie es die Alten von ihr erwarten.Die jungen Menschen heute, die könne man ja gar nicht mehr verstehen, die seien ja so anders als wir es waren. Denn wir, damals, wir wussten noch wie es richtig geht. Die alte Leier eben. Also. Alles beim Alten.
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