Der 3. September. Der Glück verheißende 3.September, an dem ihm Gottes Gnade wiederholt so deutlich geworden ist. Der starke Wille des Herrschers bäumt sich noch einmal auf; das Feuer der Kamine im Palast von Whitehall wirft flackernde Schatten an die Wände. Diesmal kämpft er nicht gegen feindliche Heere, gegen Verschwörungen und Intrigen, sondern gegen die Schwäche des eigenen Körpers. Mit aller Kraft, schwindender Kraft, will er diesen Tag noch erleben.

Er schafft es tatsächlich, der Morgen bricht an, aber das Wunder bleibt aus. Am 3. September 1658, gegen drei Uhr nachmittags, stirbt Oliver Cromwell – und mit ihm die Republik. Zwei Jahre später ist England wieder eine Monarchie.

Und doch war die kurze Zeit der Republik keine Episode, sondern eine tief greifende Zäsur in der britischen Geschichte, ja in der Geschichte Europas. Denn erstmals hatte ein Parlament einem Monarchen nicht nur ein paar Rechte abgetrotzt, sondern ihn ganz und gar in die Knie gezwungen, waren für einen Moment die Konturen eines parlamentarischen Staates sichtbar geworden. Niemals wieder sollte in London ein König ohne Mitsprache des Parlamentes regieren. Doch der Mann, dem dies zu verdanken war, konnte selber der Versuchung der Macht nicht widerstehen. Er hatte die Revolution befeuert, exekutiert und beendet – Mirabeau, Robespierre und Napoleon in einer Person.

Der König dringt mit 300 Bewaffneten ins Unterhaus ein

»Von Geburt war ich ein Gentleman und habe weder in einem besonderen Licht noch im Schatten gelebt.« Wie viele seiner der Nachwelt überlieferten Äußerungen ist auch diese autobiografische Bemerkung Cromwells kurz und treffend. Geboren wird er am 25. April 1599 in eine Familie nicht besonders vermögender Landadeliger in Huntingdon im Osten Englands, der einzige Sohn neben sieben Töchtern. Für ein Jahr studiert der junge Mann in Cambridge, doch der Tod seines Vaters im Sommer 1617 beendet die Exkursion in die Welt des Wissens. Von nun an hat er die Familie zu versorgen.

Am 22. August 1620 heiratet er in London Elizabeth Bourchier, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns der boomenden Hauptstadt. Die Ehe scheint eine glückliche gewesen zu sein; noch mehr als dreißig Jahre später tituliert er seine Frau in einem Brief als »meine Liebe, die stets tief in meinem Herzen ist«. Acht Kinder komplettieren das Familienglück, das Cromwell wie andere Angehörige der gentry, des niederen Adels, mit dem zu finanzieren hofft, was seine Ländereien und die Arbeit seiner Bauern als Ertrag hergeben. Er ist nicht erfolgreich damit. 1631 muss er den Stammsitz in Huntingdon verkaufen und ein Gut in St. Ives, knapp zehn Kilometer entfernt, bewirtschaften – ein sozialer wie ökonomischer Abstieg. Erst die Hinterlassenschaft eines kinderlos gestorbenen Onkels bringt 1636 wieder Geld in die Kasse.

Allerdings beginnt er, weltlichen Besitz gering zu achten. Denn irgendwann zwischen 1628 und 1631 muss Cromwell ein religiöses Erweckungserlebnis gehabt haben, seither ist er ein radikaler Puritaner. Eine Haltung, die ihn augenblicklich in Opposition zum Hof und zur anglikanischen Staatskirche bringt: Beiden werden katholische Neigungen unterstellt. Vor allem der seit 1633 als Erzbischof von Canterbury amtierende William Laud ist verdächtig, aber auch Thomas Wentworth, Earl of Strafford, der wichtigste Berater König Karls I. und letztlich sogar der König selbst, ist er doch mit einer Französin verheiratet, einer Katholikin.

Im März 1628 zieht Oliver Cromwell als Abgeordneter für Huntingdon ins Unterhaus ein. Die Parlamentarier beanspruchen, for the people, für das ganze Volk, zu sprechen. Gewählt werden sie allerdings nur aus der besitzenden Spitze der sozialen Pyramide heraus, von den Grundeignern, Kaufleuten und dem prosperierenden Mittelstand. Drei Monate nachdem Cromwell im Unterhaus Platz genommen hat, legt das Parlament dem König mit der Petition of Right ein bemerkenswertes Dokument vor, in dem bürgerliche Freiheiten so eindeutig wie selten zuvor fixiert sind: der Schutz vor willkürlicher Verhaftung durch Beamte des Königs, die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit des Bürgers, die Verantwortlichkeit der Regierung gegenüber dem Parlament und schließlich – essenziell für eine, wenn auch nicht vollends repräsentative, Demokratie – die Forderung, dass die Regierung des Königs keine Steuern ohne Zustimmung des Parlamentes erheben dürfe. Der Monarch stimmt der Petition zu, denn er braucht Geld für seinen Krieg gegen Frankreich.

Natürlich denkt er gar nicht daran, sein Wort zu halten. KarlI. aus dem Hause Stuart, ein harter Mann von zarter Statur, sieht sich als Herrscher aus göttlichem Recht in einer Zeit, da sich die absolutistische Monarchie allenthalben als Regierungsform durchzusetzen beginnt. 1629 löst er das Parlament kurzerhand auf. Doch zusammen mit anderen Puritanern weigert sich Cromwell, den Sitzungssaal zu verlassen. Sie wollen nicht gehen, ohne eine Petition zu verlesen, in der das königliche Steuerrecht ebenso verdammt wird wie popery, die Papisterei, also die schleichende Rekatholisierung der anglikanischen Kirche. Den Sprecher des Unterhauses, der die Petition verhindern will, halten kräftige Puritanerhände auf seinem Stuhl fest, bis die Proklamation verkündet ist. Cromwell hat zum ersten Mal erlebt, dass Gewaltanwendung nützlich sein kann, will man Gottes Willen geschehen und die Macht des Parlaments sichtbar werden lassen.