Adolf Krenner liebt die Nähe zur Natur. Er findet sie mitten in der Großstadt in einem kleinen Häuschen an der Unteren Alten Donau in Wien. Doch seit dem Frühjahr kommt die Natur seinem Refugium nun doch ein wenig zu nahe. »Im letzten Winter hat’s begonnen. Zuerst waren zwei kleine Bäume weg und dann immer mehr, auch ausgewachsene Pappeln. Wenn das so weitergeht, steht am Ufer bald gar nichts mehr«, sorgt sich Krenner. Eine Biberfamilie hat sich in seiner Nachbarschaft angesiedelt und geht dort ihrem natürlichen Treiben nach. Vor allem fällt sie Bäume.

Tatsächlich wird Naturfreund Krenner Zeuge eines Phänomens, das in der Großstadt Wien immer mehr um sich greift: die höchst erfolgreiche Wiederansiedlung des Bibers (Castor fiber) in der Metropole. Vor 25 Jahren setzte eine Gruppe Biologiestudenten in Orth an der Donau und in der Lobau einige kanadische und europäische Biber aus. Mittlerweile sind allein in Wien geschätzte tausend Exemplare wieder heimisch geworden.

Die Tierfreunde wollten mit ihrer Aktion einen in ihren Augen schlimmen zivilisatorischen Frevel wiedergutmachen: die Ausrottung dieses Nagers in Mitteleuropa.

Sein Verschwinden hatte mehrere Gründe. Zum einen galt das bis zu 35 Kilogramm schwere Tier Katholiken als Fastenspeise. »Bezüglich seines Schwanzes ist er ganz Fisch«, lehrte der Jesuit Pierre-Francois-Xavier Charlevoix anno 1754. Zum anderen wurde einem Sekret aus den Drüsensäcken der Pelztiere, dem sogenannten Bibergeil, aphrodisierende Wirkung nachgesagt. 1869 wurde der letzte österreichische Biber in Salzburg erschossen.

Über 100 Jahre lang musste Österreich ohne Biber das Auslangen finden. Heute sind ihre Spuren sogar in dicht besiedelten Gebieten wieder unübersehbar. Sie sind die fleißigsten Holzfäller von Wien. Biber sind nachtaktive Tiere und können einen Baum mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern in einer einzigen Nacht kippen. Sie haben es auf höher gelegene Knospen und Zweige, aber auch auf die Rinde abgesehen. Da sie jedoch den Stamm nicht hinaufklettern können, legen sie einfach den ganzen Baum um. Von dem nach Wiener Baumschutzgesetz streng geschützten Gewächs bleibt ein 30 bis 40 Zentimeter hoher, kegelförmiger Stumpf übrig. Und das mittlerweile entlang aller größeren Gewässer Wiens: Donaukanal, Alte Donau oder Wienfluss. Bis zu 15 Bäume fällt eine Biberfamilie jährlich. So wird in Wien Jahr für Jahr ein kleines Waldstück Opfer der Nager.

Konsequent bekämpfen die Landschaftspfleger der Gemeinde die verräterischen Spuren und sägen die Biberkeile an den Stümpfen wieder gerade. Mittlerweile kommen sie aber häufig mit ihrer Arbeit den emsigen Tieren nicht mehr nach.

Das freut Ulli Goldschmied. Als Naturschutzreferentin der Wasserbauabteilung MA 45 ist die Biologin auch eine Art Biberbeauftragte der Stadt und unterstützt seit vielen Jahren die Wiederansiedlung der Heimkehrer. »Die Biber sind eine Bereicherung. Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben«, fordert sie.