Am Anfang stand eine Krankheit, die sich scheinbar rasend schnell unter den Studenten ausbreitete: Es ist Prüfungszeit im Fach Geografie an der Berliner Humboldt-Universität, drei harte Klausuren kommen auf die Studenten zu. Die Termine sind denkbar ungünstig gelegt, die drei Prüfungen sollen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen geschrieben werden. Die Prüfer allerdings bleiben weitgehend allein: Fast die Hälfte der Kandidaten lässt sich entschuldigen – eine schwere Erkrankung mache die Teilnahme unmöglich, versichert jeder einzelne von ihnen.

Seither herrscht Streit an der Humboldt-Uni: Die Prüfungskommission will genau wissen, welche Krankheit die Studenten heimgesucht hatte. Die allerdings halten das für überzogene Schnüffelambitionen und drohen mit einem Rechtsstreit.

Was sich zunächst anhört wie eine harmlose Hörsaalposse, könnte zum Präzedenzfall für die anderen deutschen Hochschulen werden. In Berlin nämlich wollen zwei Fachbereiche der Humboldt-Uni (HU) das klassische ärztliche Attest überhaupt nicht mehr anerkennen. Geografen und Sozialwissenschaftler verlangen stattdessen eine genaue Beschreibung der Symptome – um dann im Einzelfall selbst zu entscheiden, ob der Student tatsächlich prüfungsunfähig ist.

Dieses System soll nicht etwa nur für die Abschlussprüfungen gelten, sondern für jede Klausur. Schließlich fließen die einzelnen Noten nach den Regeln der Bachelor- und Masterstudiengänge in das Endergebnis mit ein, jede einzelne Prüfung wird damit deutlich gewichtiger. Wie der Berliner Attestvorstoß ausgeht, könnte deshalb auch für andere Universitäten von Interesse sein, die ihre Prüfungsordnungen durch die Umstellung auf Bachelor und Master ebenfalls neu fassen müssen.

»Es geht darum, die Chancengleichheit der Studierenden sicherzustellen«, sagt Thomas Eschke, Leiter der HU-Rechtsstelle. »Wenn jemand wegen eines Attests nicht zur Prüfung kommt, obwohl er eigentlich prüfungsfähig ist, dann sind damit die ehrlichen Studenten benachteiligt«, argumentiert er – allein schon dadurch, dass die krankgeschriebenen Kandidaten mehr Zeit zur Vorbereitung gewännen. Wer sein Krankheitsbild offenlege, trage deshalb zur Fairness gegenüber den anderen Studenten bei: »Es haben schon viele Gerichte festgestellt, dass die Studierenden besondere Mitwirkungspflichten haben, wenn sie von einer Prüfung zurücktreten – und dazu gehört eben auch eine ärztliche Bescheinigung, wenn sie verlangt wird.«

Tatsächlich ist eine solche Regelung nicht ganz neu. An der Uni in Trier etwa müssen die Studenten in Diplomstudiengängen bei wichtigen Abschlussprüfungen ein sogenanntes »qualifiziertes Attest« vorlegen, aus dem die Art der Erkrankung hervorgeht. So pauschal gilt das allerdings nur für die Vordiplom- und Diplomprüfungen und nicht für jede einzelne Seminarklausur. Darin liegt der Unterschied zum Berliner Fall.

Die dortigen Studenten halten die neue Attestregelung deshalb für schlicht unsinnig. »Wie soll denn ein Prüfungsausschuss, der aus Geografen oder Sozialwissenschaftlern besteht, einschätzen können, welches Krankheitsbild einen Studenten prüfungsunfähig macht? Das können die Ärzte sicher besser beurteilen«, sagt Tobias Roßmann vom ReferentInnenrat (Refrat), der HU-Studentenvertretung. Gängige Praxis an den meisten deutschen Hochschulen ist es deshalb, dass die Studenten eine normale Krankschreibung ihres Arztes vorlegen, wie sie auch für Arbeitnehmer gilt. Darauf ist vermerkt, wie lange der Student arbeitsunfähig ist – mehr nicht.