Die Grenzstraße war übrigens mal Straße der Wehrmacht und dann Straße der polnischen Armee. Das erzählt uns der Gründer des Swinemünder Stadtmuseums, ein kleiner, überaus höflicher Herr, der exzellent deutsch spricht. Doktor Józef Plucinski, Jahrgang 1940, möchte beweisen, dass die historische Feindschaft zwischen den benachbarten Nationen überwunden ist. Deshalb fährt er mit uns auf den städtischen Friedhof, wo er deutsche Grabsteine wiederaufstellen ließ. Unweit davon befindet sich eine Tafel für polnische Opfer des Stalinismus, auf der der Name seines ermordeten Vaters verzeichnet ist. Es hat jetzt angefangen zu regnen, die Bäume tropfen. Doktor Plucinski sagt munter, dass Deutsche und Polen hier gemeinsam Blumen niederlegen. Er hat auch die Fontane-Gedenktafel anbringen lassen. Denn er ist ein nimmermüder Aussöhnungsaktivist, leider schlägt das Unversöhnte manchmal auf sein Leben durch. Als er 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz dekoriert wurde, wollte die 40000-Einwohner-Stadt Swinemünde das Fest nicht ausrichten, es fand im 4000-Seelen-Kaff Ahlbeck statt.

Von einer »dummen und blöden Lüge« spricht Aussöhnungsaktivist Plucinski

Trotzdem zeigt Plucinski uns weitere Beweise für das gute deutsch-polnische Verhältnis. Wir fahren zur Engelsburg, einer preußischen Festung, die von den Polen liebevoll saniert wurde. In den Kasematten ist ein gemütliches Restaurant, dort trinken wir Tee, und Plucinski trägt seine Argumente vor, warum der Nachbarschaftskonflikt »eine wirklich dumme und blöde Lüge« sei. Es gebe das zweisprachige Gymnasium und den zweisprachigen Kindergarten. In der Kunstgalerie stellten deutsche Maler aus. Die Usedomer Bäderbahn sei bis zum hiesigen Hafen verlängert worden. Außerdem kämen fast fünfzig deutsche Ausflugsschiffe pro Tag. Und seit Ewigkeiten gebe es einen Marathon von Wolgast nach Swinemünde. »Ist es unsere Schuld, dass die deutschen Läufer immer verlieren?«

Als wir abends in Plucinskis alter Limousine aus der Engelsburg fahren, kommt uns in einem Jeep der junge Direktor der Festung entgegen. Die Herren leiern die Scheiben herunter, und Plucinski erklärt, dass er »wegen FKK« deutschen Besuch hat. Erst schmunzelt der Direktor nur, aber als das Wort »Wojna kulturowa« fällt, Kulturkrieg, schütteln die beiden Polen laut lachend die Köpfe.

Es gibt kein Problem, aber es muss trotzdem gelöst werden. In den letzten Wochen hat der künstliche Streit so viel Sand aufgewirbelt, dass jetzt zwei Bürgermeister Warnschilder aufstellen wollen. Am Montag gaben sie ihren Plan in Ahlbeck bekannt und erklärten gleichzeitig, dass auch sie nicht an einen FKK-Krieg glauben. Bald werden die Polen auf Polnisch vor nackten Deutschen gewarnt und die Deutschen auf Deutsch vor prüden Polen. An den Texten wird noch gefeilt. Wir freuen uns schon auf die nächste Fahrt an die Inselfront.

Anreise:
Mit dem Auto über die Peenebrücke bei Wolgast oder die Zecheriner Brücke bei Anklam

Hotel:
Travel Charme Heringsdorf, Tel. 038378/ 4760, www.travelcharme.com . DZ ab 66 Euro

Hintergrund:
Humorvoll schreibt Hans-Ulrich Bauer über »Badegäste mit Anzug und Weste« (Igel-Verlag, Usedom). Das dazugehörige Fragespiel »Badespass & Zwickelerlass« kostet 8,50 Euro. Bis Oktober macht der Autor »amüsant-historische« Führungen: www.igel-usedom.de . Die kundigste Website über Swinoujscie betreibt ein Inselfan: www.erwin-rosenthal.de/swinemuende