Das Adamskostüm ist älter als die Bademodenindustrie und die Strandordnung jünger als die Freikörperkultur. Was wir heute gern vergessen: Schon Goethe badete nackt, Bismarck badete nackt, und der Königliche Badearzt Richard Kind aus Swinemünde warnte 1828 vorm Schwimmen in Beinkleidern, weil sie die heilsame Wirkung des Wellenschlags aufhöben. Damals begann Swinemünde gerade seinen Aufstieg von der Hafenstadt zum größten deutschen Seebad. Kind hatte dem preußischen König 5000 Reichstaler für den Bau einer Badeanstalt sowie einen Park des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné abgeschwatzt. Eilends wurden auf der Insel Usedom Strandvillen errichtet, Stege von den Dünen zum Wasser gelegt, ein Warmbad eingeweiht. Doch der Badearzt fürchtete, dass mit der feinen Berliner Gesellschaft auch die Prüderie Einzug halten könnte. Postkarten um die Jahrhundertwende zeigen badende Damen in Pumphosen, die sich tatsächlich als Wellenbrecher eigneten. Zum Glück musste Kind den »Zwickelerlass« für Preußen nicht mehr erleben, der 1932 das Nacktbaden untersagte, tiefe Rückenausschnitte ächtete und züchtige Beinkleider vorschrieb.

Der Badekrieg ist so alt wie das Badewesen. Ironie der Geschichte, dass jetzt ausgerechnet Swinemünde in den Ruf einer Spießerbastion gerät. Seit 1945 gehört die Stadt zu Polen, das deutsche Nachbardorf Ahlbeck hat vor der Grenze einen FKK-Strand. Darüber empören sich neuerdings polnische Zwickelreaktionäre. Weil im Dezember 2007 die Schengengrenzen fielen, flanieren Strandläufer wieder ungehindert zwischen den beiden östlichsten Orten Usedoms. Aufgeregt berichtete die Presse in den letzten Wochen von Verbalattacken auf harmlose Nudisten. Wahr ist: Ein Swinemünder Abgeordneter der rechtskonservativen Kaczyński-Partei benutzte das Wort »abartig«. Wahr ist auch: Die regierenden Liberalen distanzierten sich sofort. Leider hatten Journalisten da schon Skandal gewittert. Kulturkampf titelte die Bild- Zeitung. FKK-Krieg meldete die Süddeutsche . Sogar das französische Fernsehen flog ein. Den Voyeurismus des Publikums kitzelnd und die Ängste vor einem offenen Europa schürend, malten die Medien ein Schlachtenpanorama: Deutschlands Bäuche, Brüste, Gemächte erzittern! Entblößte Protestanten verteidigen ihre Strandburgen gegen zugeknöpfte Katholiken!

Selbst die buddelnden Kinder haben Badehosen an

Wer dieser Tage von Westen ins Krisengebiet reist, über die Wolgaster Peenebrücke auf die Insel, gerät erst einmal in eine Kolonne deutscher Urlauberautos. An einem Zaun grüßt die Parole »Zeig doch mal die Möpse!« potenzielle Besucher von DJ Krauses Disco. Wir passieren die Seebäder Zinnowitz, Zempin, Koserow, Loddin, Ückeritz, Bansin, Heringsdorf. 40 Kilometer Strand hat Usedom zur Seeseite hin, zweieinhalb gehören den Ahlbeckern und die drei am Ende den Swinemündern. Wie groß ist der deutsch-polnische Konflikt wirklich? Als wir ankommen, steht Ahlbecks Wahrzeichen, die gusseiserne Jugendstiluhr von 1911, noch unversehrt. Aus dem Strandpavillon schallen Schlager für rüstige Rentner. Feldherrenblick auf die älteste erhaltene Seebrücke der Republik: Vier Ecktürmchen mit grünen Spitzhauben sind vollzählig angetreten. Wir marschieren strandwärts auf einen Himmel zu, der so dunstigblau ist wie zu schönsten Nacktbadezeiten der DDR. Nur die Urlauber sind wie ausgewechselt.

Wenn man neben der Hütte des Strandkorbvermieters stehen bleibt und nach links schaut, Richtung Heringsdorf: alles bedeckt. Nach rechts, Richtung Swinemünde: alles bedeckt. Haben die Deutschen schon kapituliert? Oder liegt es an den chic restaurierten Villen der vorletzten Jahrhundertwende, die in geschlossener Parade hinter uns wachen, dass kein Mensch wagt, sich auszuziehen? Sogar die buddelnden Kinder haben Badehosen an, eine Frau entledigt sich ihrer nassen Schwimmkleidung unter Zuhilfenahme eines Handtuchs und handtuchhaltender Verwandter. Man kennt diese katholische Methode aus Spanien, aber hier ist Ostdeutschland. Hier gab es in den 1950er Jahren eine Nacktendemo gegen den Innenminister Willi Stoph, der FKK zum öffentlichen Ärgernis erklären wollte. Hier warfen Nackte die Angezogenen ins Wasser. Hier trotzte man der Diktatur. Warum jetzt dieser faule Frieden der Demokratie?

»Vorsicht«, sagt der Strandkorbverleiher. In den Neunzigern hätten nämlich jahrelang Deutsche Deutsche bekriegt, die sich »mittenmang den Textilen« nackig machten. Wessis beschwerten sich bei ihren Hotels über Ossis, im Hochsommer kam es fast zu Schlägereien. Schließlich wurden Nackte und Angezogene getrennt, neue FKK-Schilder aufgestellt. »Jetzt ist wieder Ordnung in Ahlbeck«, sagt der Verleiher, so wie man sagt, dass eine Schlacht verloren sei. Die prächtige Fassade des Ahlbecker Hofs bestätigt seine Worte: »Wer zahlt, macht die Regeln.« Und wo sind die Nackten? »Laufen Sie mal zum offiziellen Effi.« Er wedelt mit der Hand Richtung Swinemünde.

Nackte. Endlich! In den Dünen haben sie sich hinter Kakteen verschanzt

20 Minuten gehen wir bis ins Zentrum des Nacktbadestreits. Unterwegs sehen wir knielange Surferhosen, knöchellange Pareos, bauchbedeckende Tankinis. »Effi« ist übrigens Ostdeutsch für FKK, hat aber nichts zu tun mit Effi Briest, auch wenn Theodor Fontanes Roman in Swinemünde spielt und der Vater des Verfassers dort Apotheker war. Später besichtigen wir noch eine Fontane-Gedenktafel. Aber jetzt erst mal Nackte. Endlich! Da oben in den Dünen, verschanzt hinter niedrigen Kakteen wie die Germanen hinter spitzigen Palisaden, wenn ein Überfall durch die Slawen drohte, liegen zwei. Da noch zwei. Und zwischen Strandkörben verstreut ein Dutzend. Mittlerweile hat es sich bewölkt, und der »Effi« wirkt auch deshalb so menschenleer, weil der Strand hier nahe der einstigen Grenze fast 70 Meter breit ist. Hinter der Düne rauscht dichter Wald, über der See tanzen Möwen. Etwas weiter weg klappern die Gerippe der Grenzschilder. In einen der leeren Metallrahmen steckt gerade ein Junge seinen Kopf und lässt sich fotografieren.

»Das haben wir auch schon gemacht«, sagt die nackte Dame aus Leipzig, die neben ihrem nackten Ehemann auf einer karierten Decke sitzt. Zum Thema FKK weiß sie: »Die Freiheit des einen ist immer die Unfreiheit des anderen.« Seit Jahren kommt das Paar nach Swinemünde/Swinoujscie ins Hotel Senator, zahlt 70 Euro pro Nacht, inklusive Halbpension und zwei Massagen täglich. Sie wohnen in Polen und baden in Deutschland. Ein paar Meter hin sei übrigens der binationale Schwulentreff. »Angepöbelt wurden wir noch nie.« Alle Nackten, die wir fragen, bestätigen das. Berliner, Braunschweiger, Tschechen. Junge Polen zählen polnische Orte mit FKK auf: Misdroy/Miedzizdroje, Kolberg/Kolobrzeg, Danzig/Gdansk… Das Problem sei ja nicht die Kultur, sondern dass in Swinoujscie die Tasse Kaffee jetzt mehr koste (sieben Zloty, umgerechnet 2,50 Euro) als in Ahlbeck (mit Kuchen drei Euro), auch das Kilo Äpfel und der Korb Blaubeeren. Deswegen kaufen die Polen in Ahlbecks Supermärkten ein, während die Deutschen mit der Bäderbahn Molli zum Grenzmarkt dampfen. Polenmarkt sagen die Deutschen, Deutschenmarkt sagen die Polen.

Vom FKK bis zur Swinemünder Strandmitte brauchen wir noch mal 20 Minuten. Die Grenzüberquerung würden wir gar nicht merken ohne diese Schneise im Wald, die einsamen Zaunpfähle, den zweispurigen Betonplattenweg. Wo früher Soldaten patrouillierten, machen jetzt Radfahrer Rast. Sie sitzen auf geschichtsträchtigem Boden, denn Usedom wurde während der letzten tausend Jahre immer wieder erobert: von Slawen, Dänen, Pommern, Schweden, Preußen. Die Nazis bauten in Peenemünde an der Wunderwaffe V2. Im Februar 1945 bombardierte die US-Air-Force Swinemünde. Später kam die Rote Armee, dann der Kalte Krieg.

Von all dem ist am polnischen Strand nichts mehr zu ahnen. Es gibt eine Hüpfburg, eine riesige Wasserrutsche und so viele Kinder wie in Ahlbeck Rentner. Es gibt mehr Softeis, mehr Knackwurst. Die von Popmusik dröhnende Promenade lockt am Wochenende deutsche Jugendliche herüber, die die gleichen engen Hosen und knappen Hemden tragen wie die polnischen Teenager. »Angezogen-ausgezogen« würde Hans-Ulrich Bauer das nennen. Bauer, 1944 geboren in Swinemünde, jetzt wohnhaft in Heringsdorf, ist Verfasser des Büchleins Badegäste mit Anzug und Weste , das auch von der Heuchelei an der Ostsee handelt. So sah man um 1900 auf feinen Berliner Bällen wogende Busen, die am Strand streng verhüllt wurden. Heute sieht man am Strand von Swinoujscie keine Frauen oben ohne, aber massenhaft Angezogen-Ausgezogene. Das Bordell nahe der Grenze, gegen das die Nationalkonservativen nicht wettern, heißt Extasa.