GesellschaftDer Feierabend hat Feierabend

Früher klingelte das Telefon nach zehn nur, wenn etwas Schlimmes passiert war. Heute klingelt das Handy, weil dem Chef wieder was eingefallen ist. Und wir checken noch mal schnell unsere Mails. Sind wir denn alle verrückt geworden? von 

Mitten in der Nacht noch Mails checken - für viele gehört das zu einem normalen Arbeitstag

Mitten in der Nacht noch Mails checken - für viele gehört das zu einem normalen Arbeitstag   |  © vegan_hood/photocase.de

Ich saß abends mit vier Freunden auf dem Trottoir bei einem Italiener über klein karierten rot-weißen Tischdecken, und es gab Wein und Vorspeisenteller, in Öl getränkte Artischocken. Die Sonne ging unter, und es war warm, und die Straßenmusiker standen Schlange, um ihre Lieder anzustimmen. Sommer! Feierabend! Und die Bäume glitzerten unter der sanften Straßenbeleuchtung, und winzige Mücken tanzten vergnügt ums Licht. Das Architekturbüro war geschlossen, die Redaktion, die Literaturagentur, das IT-Büro. Schön.

Und einer der Freunde, so Anfang 30, entschuldigte sich kurz, nicht um die Toilette aufzusuchen, sondern er zog sein BlackBerry aus der Tasche. Eine Mail, eine dringende, sorry. Die hatte er ganz vergessen zu schreiben. Die Daumen zuckten irre schnell über die Tastatur. Ab und an warf an diesem Abend jeder am Tisch einen verstohlenen Blick auf sein Handy, schrieb rasch eine SMS. Manchmal klingelte es auch. Und die Ansprüche an die Höflichkeit, wie dies dann immer geschieht, kollidierten. Wegdrücken? Das wäre unfein dem Anrufer gegenüber. Ausklingeln lassen? Das wäre nervig. Drangehen? Man müsste das Tischgespräch grob unterbrechen.

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Man entschied von Fall zu Fall. Aber man ging gerne dran, wenn es was Berufliches war. Weil es wichtig war. Weil man wichtig war. Klar, man rollte dann mit den Augen, es sah aus wie "Muss das denn jetzt sein!". Wenn es besonders wichtig war, stand man mit Entschuldigungsgesten auf, ein paar Meter weiter konnte man vertraulich sprechen, auf und ab gehend, die Schlangenlinien des modernen Großstädters.

Immer noch besser als der Feierabend, den man von früher her noch kennt. Als es nach dem Abendbrot nur noch die Couch gab und die Tagesschau. Und wenn jemand anrief, erhob sich Mutter sehr umständlich vom Sessel und griff zum großen grünen Telefonhörer, es war die Tante oder die Großmutter. Und nach 22 Uhr rief nur dann jemand an, wenn ein Verwandter gestorben war. "Feierabend", das klingt heute wie "Mahlzeit" oder "Hobbykeller", ein aussterbendes Wort für ein aussterbendes Ritual.

Vom Abendessen beim Italiener war ich kurz vor Mitternacht zurückgekehrt. Mit bereits heraufziehenden Kopfschmerzen setzte ich mich noch kurz an den Schreibtisch. Nur rasch noch Mails checken vor dem Schlafengehen. Ich habe zwei Mailadressen, eine berufliche und eine private. An die private Adresse schickt man mir gerne berufliche Mails. Wenn ich nicht mehr im Büro bin, denken die Kollegen, dass ich über die private Adresse erreichbar sei. Die berufliche nutzen meine Freunde, weil sie wissen, dass ich tagsüber gut in der Redaktion erreichbar bin. Ich checke immer beide. Schon deshalb wäre es irrsinnig, sich für die beruflichen Anrufe ein zweites Handy anzuschaffen. Es ist eh schon alles durcheinandergeraten.

Kollegin T. schrieb in jener Nacht, sie würde gerne den Artikel der Autorin P., den man bald drucken wolle, lesen. Sie könne ihn aber auf ihrem Rechner nicht finden. Ob ich ihn zufällig hätte und ihn an sie weiterleiten könne? Ich konnte den Text, den ich betreut hatte, unter meinen Dateien nicht finden. Also schrieb ich Autorin P., ob sie mir noch einmal ihren Artikel mailen könne. Die Autorin P. schickte mir den Text binnen zwei Minuten zu. Es ging um die Pariser Oberschicht. Schöne Reportage. Ich leitete sie sofort an Kollegin T. weiter. Und schrieb zur Sicherheit noch eine SMS, für den Fall, dass sie ihren Rechner bereits ausgeschaltet hätte. Nicht ohne Stolz, denn es war ja alles so schnell gegangen. Die Kollegin mailte innerhalb weniger Minuten. "Danke!", schrieb sie und fügte hinzu: "23:58! Sind wir denn alle verrückt?"

"Ja! Sind wir!", schrieb ich, schaltete den Computer aus, legte mich ins Bett, las zwei Seiten eines Romans, den ich hoffte in diesem Jahr noch zu Ende lesen zu können, und dachte über andere Mails nach, die auch an diesem Abend eingegangen waren. Sie waren eher privater Natur, eine davon war recht unerfreulich. Dann schlief ich ein.

Leserkommentare
  1. Ich glaube ja: Das ist alles gar nicht so dramatisch wie Adam Soboczynski findet. In Wahrheit befreien uns die bessere elektronische Erreichbarkeit und das ortlose Immer-und-überall-arbeiten-können doch von Anwesenheitspflicht und Schreibtischzwang. Wäre es denn wirklich besser, wenn wir wieder – wie die Generation unserer Eltern – von neun bis fünf im Büro angekettet wären, nur um danach zum Supermarkt zu hetzen, vor den verschlossenen Türen der Bank zu stehen, unser Kind schon wieder nicht selbst aus der Kita abgeholt zu haben? Wenn wir hingegen klug mit den Blackberrys, iPhones und Laptops umgehen, bescheren sie uns eine nie dagewesene Emanzipation vom altmodischen Korsett des Arbeitstags. Und zu dem möchte ich jedenfalls nicht zurück. Wir müssen natürlich lernen, die Geräte auch mal auszuschalten. Denn was haben wir von der neuen Freiheit, wenn wir sie gleich wieder an die Maschinen verschleudern? Eigentlich aber auch kein Riesendrama: Unsere Freunde und Kollegen werden sich schon daran gewöhnen, wenn wir nur zweimal am Tag E-Mails checken und im Urlaub nur einmal pro Woche.

    • LIEL
    • 03. September 2008 19:43 Uhr

    Es ist doch alles eine Frage, was man daraus macht. Wenn ich Feierabend haben will, dann werde ich ihn auch haben. Es gibt den Augenblick, in dem ich das Büro verlasse. Ich habe extra meine berufliche Tätigkeit gewechselt, damit ich abend - nachts - oder an Wochenenden und Feiertagen keine Erreichbarkeit mehr gewährleisten muss. Seitdem hat sich meine Lebensqualität deutlich erhöht. Ein Handy nehme ich nur mit, um es zu meinem Schutz benutzen zu können. Eingehende Anrufe nehme ich nur an, wenn ich den Anrufer kenne und sprechen will.Nach 21.00h ist mein Telefon abgestellt. Und im Übrigen sage ich mir: Es gibt noch ein Leben vor dem Tod ...LIEL, die die Tiere liebt..."Wenn ein Tier leidet, sind wir alle schuldig."
    Albert Schweitzer

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