Ich saß abends mit vier Freunden auf dem Trottoir bei einem Italiener über klein karierten rot-weißen Tischdecken, und es gab Wein und Vorspeisenteller, in Öl getränkte Artischocken. Die Sonne ging unter, und es war warm, und die Straßenmusiker standen Schlange, um ihre Lieder anzustimmen. Sommer! Feierabend! Und die Bäume glitzerten unter der sanften Straßenbeleuchtung, und winzige Mücken tanzten vergnügt ums Licht. Das Architekturbüro war geschlossen, die Redaktion, die Literaturagentur, das IT-Büro. Schön.

Und einer der Freunde, so Anfang 30, entschuldigte sich kurz, nicht um die Toilette aufzusuchen, sondern er zog sein BlackBerry aus der Tasche. Eine Mail, eine dringende, sorry. Die hatte er ganz vergessen zu schreiben. Die Daumen zuckten irre schnell über die Tastatur. Ab und an warf an diesem Abend jeder am Tisch einen verstohlenen Blick auf sein Handy, schrieb rasch eine SMS. Manchmal klingelte es auch. Und die Ansprüche an die Höflichkeit, wie dies dann immer geschieht, kollidierten. Wegdrücken? Das wäre unfein dem Anrufer gegenüber. Ausklingeln lassen? Das wäre nervig. Drangehen? Man müsste das Tischgespräch grob unterbrechen.

Man entschied von Fall zu Fall. Aber man ging gerne dran, wenn es was Berufliches war. Weil es wichtig war. Weil man wichtig war. Klar, man rollte dann mit den Augen, es sah aus wie "Muss das denn jetzt sein!". Wenn es besonders wichtig war, stand man mit Entschuldigungsgesten auf, ein paar Meter weiter konnte man vertraulich sprechen, auf und ab gehend, die Schlangenlinien des modernen Großstädters.

Immer noch besser als der Feierabend, den man von früher her noch kennt. Als es nach dem Abendbrot nur noch die Couch gab und die Tagesschau. Und wenn jemand anrief, erhob sich Mutter sehr umständlich vom Sessel und griff zum großen grünen Telefonhörer, es war die Tante oder die Großmutter. Und nach 22 Uhr rief nur dann jemand an, wenn ein Verwandter gestorben war. "Feierabend", das klingt heute wie "Mahlzeit" oder "Hobbykeller", ein aussterbendes Wort für ein aussterbendes Ritual.

Vom Abendessen beim Italiener war ich kurz vor Mitternacht zurückgekehrt. Mit bereits heraufziehenden Kopfschmerzen setzte ich mich noch kurz an den Schreibtisch. Nur rasch noch Mails checken vor dem Schlafengehen. Ich habe zwei Mailadressen, eine berufliche und eine private. An die private Adresse schickt man mir gerne berufliche Mails. Wenn ich nicht mehr im Büro bin, denken die Kollegen, dass ich über die private Adresse erreichbar sei. Die berufliche nutzen meine Freunde, weil sie wissen, dass ich tagsüber gut in der Redaktion erreichbar bin. Ich checke immer beide. Schon deshalb wäre es irrsinnig, sich für die beruflichen Anrufe ein zweites Handy anzuschaffen. Es ist eh schon alles durcheinandergeraten.

Kollegin T. schrieb in jener Nacht, sie würde gerne den Artikel der Autorin P., den man bald drucken wolle, lesen. Sie könne ihn aber auf ihrem Rechner nicht finden. Ob ich ihn zufällig hätte und ihn an sie weiterleiten könne? Ich konnte den Text, den ich betreut hatte, unter meinen Dateien nicht finden. Also schrieb ich Autorin P., ob sie mir noch einmal ihren Artikel mailen könne. Die Autorin P. schickte mir den Text binnen zwei Minuten zu. Es ging um die Pariser Oberschicht. Schöne Reportage. Ich leitete sie sofort an Kollegin T. weiter. Und schrieb zur Sicherheit noch eine SMS, für den Fall, dass sie ihren Rechner bereits ausgeschaltet hätte. Nicht ohne Stolz, denn es war ja alles so schnell gegangen. Die Kollegin mailte innerhalb weniger Minuten. "Danke!", schrieb sie und fügte hinzu: "23:58! Sind wir denn alle verrückt?"

"Ja! Sind wir!", schrieb ich, schaltete den Computer aus, legte mich ins Bett, las zwei Seiten eines Romans, den ich hoffte in diesem Jahr noch zu Ende lesen zu können, und dachte über andere Mails nach, die auch an diesem Abend eingegangen waren. Sie waren eher privater Natur, eine davon war recht unerfreulich. Dann schlief ich ein.

Jede Nachricht ist potenziell eine schlechte. Für jene, die ohnehin zu kleinen Neurosen neigen, führen Mailboxnachrichten und E-Mails, die Archive unseres Selbst, zu einer beständigen Unruhe. Zur Sucht ohnehin, da jederzeit eine Neuigkeit darauf warten könnte, von uns entdeckt zu werden. Das neue Heroin heißt iPhone, jenes ultimative Handy, über das man auch Mails abrufen kann, ein Arbeitsgerät, das sich als Technikspielzeug tarnt.

Wie kurzmitteilungsfrei einst die Sonntage waren! Der Feierabend erstreckte sich über den ganzen langen Tag. Auch heute schläft man an diesem Tag zwar aus, geht dann mit seiner Freundin irgendwo frühstücken, aber spätestens am Nachmittag verschränkt sich die Faulenzerei bereits mit kleinen dienstlichen Angelegenheiten, eine Mail am Notebook auf dem Balkon, der kurze Anruf eines Kollegen in der Sonne, am Ende des Tages ahnt man gar nicht mehr, dass man eigentlich gearbeitet hat…

Früher indes war man zur rentnerhaften Ruhe sonntags regelrecht gezwungen. Sonntags schaute man nach der Tagesschau den Tatort. War das Bild dunkel, klingelte das Telefon des Kommissars. Der Kommissar knipste die Nachttischlampe an, sagte sehr müde: "Ja?" Und irgendwo war ein Mord passiert, und er musste sich anziehen und den Tatort sichten, mitten in der Nacht, ein Partisan der Arbeit, immer zur Stelle. Unermüdlich im Einsatz waren ansonsten nur Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik und seine Artverwandten. Wenn einer abends oder wochenends arbeitete, ging es stets um Leben und Tod.

Heute haben sich die Kommissare und Ärzte, die einst eine Sonderexistenz führten, auf unheimliche Weise vermehrt. Sie sind aus dem Fernseher getreten und sitzen sehr spät noch beim Italiener oder in einem ICE von, sagen wir, Hamburg nach Berlin. Heroische Einzelkämpfer diverser Branchen, sie packen zunächst ihr Notebook aus, dann ihr BlackBerry, das Erkennungszeichen der Wichtigen, mit dem diese telefonieren, mailen und Termine planen können. Das BlackBerry verbinden sie mit dem Notebook, um irgendwelche Daten zu synchronieren. Dann legen sie das Handy neben den Rechner und machen sich an die Arbeit.

Es geht nicht um Leben und Tod, sondern um die nächste Kundenpräsentation. Und es nervt die von allerlei Technik Umstellten nur, dass noch immer nicht alle Funklöcher gestopft sind. Wir sind technisch hochgerüstet, wie es einst nur Filmfiguren waren, James Bond etwa, der allerlei futuristisches Gerät mit sich herumtrug schon in den Sechzigern. Das macht den Glanz aller mobilen Geräte aus: Indem sie uns immerzu erreichbar machen, suggerieren sie, dass wir für andere unersetzlich sind. Kaum etwas bekämpft unsere Angst vor der Vergänglichkeit wirkungsvoller.

Ich recherchierte über den Verlust des Feierabends noch spätabends. Kolumnist H. sagte mir beim Weißwein, er glaube schon, dass es den Feierabend noch gebe. Aber nur noch bei den einfachen Leuten. Die Bäckereifachangestellte werde gewiss nicht abends noch vom Bäcker angerufen wegen diesem oder jenem. Es sei denn, sie habe ein Verhältnis mit dem Bäcker. Die Putzfrau werde auch nicht vom Putzkolonnenchef angerufen. Der Feierabend sei heute – wie Übergewicht, Rauchen und schlechte Haut – ein Unterschichtenphänomen.

Das ist nur ein klein wenig zugespitzt. Wer früher Zeit hatte, galt als freier Mensch. Er konnte über seine Zeit verfügen – anders als das niedere Bürgertum, die Arbeiter oder die Sklaven, die Pyramiden bauten oder den Kölner Dom. Das war eine antike Überzeugung, über Jahrhunderte auch eine christliche: Arbeit war ein Fluch, den hatte Adam mit seiner Ursünde auf sich gezogen und auf alle seine Nachkommen, wie Eberhard Straub in seiner Abhandlung Vom Nichtstun schreibt. Ja noch die sozialdemokratisierte Industriegesellschaft hatte die von der Arbeitszeit strikt abgegrenzte "Freizeit" geschaffen; ein Begriff, der heute ähnlich antiquiert klingt wie der "Feierabend" – einst aber war er Inbegriff sozialen Fortschritts.

Heute sind wir selbstverständlich jederzeit für unseren Arbeitgeber verfügbar, vor allem in Berufen, die sich als kreativ (Werbung, Journalismus) oder besonders fortschrittlich begreifen (IT-Branche, Unternehmensberatung). Während der Arbeit wiederum sind wir jederzeit verfügbar für unsere Freunde, Ehepartner oder Eltern, die längst an die Entgrenzung von Freizeit und Arbeit gewöhnt sind: "Ich weiß, du hast zu tun, aber sag mal, kommst du am Wochenende zum Essen?"

Kollege J. erzählte mir, dass sein Vater, ein pensionierter Bauleiter, nur ein einziges Mal in 31 Jahren bei derselben Firma von einem Kollegen oder Vorgesetzten angerufen worden sei. Der Anlass sei tatsächlich dringlich gewesen. In eine Kirche sei der Blitz eingeschlagen, der Schieferbelag drohte sich vom Dach zu lösen. Gut, da habe man hektisch in der Nacht etwas tun müssen. Aber: ein einziges Mal in 31 Jahren! Wir schüttelten die Köpfe. Wie man die Köpfe darüber schüttelt, dass es in den USA die Rassentrennung gab oder im Kongo Kannibalen.

Natürlich besaß der Bauleiter im späteren Arbeitsleben ein Handy, aber zu verinnerlicht war offenbar noch vor wenigen Jahren die Trennung zwischen Freizeit und Beruf, als dass man Dinge, die auch am nächsten Morgen erledigt werden konnten, bereits am Vorabend angeschoben hätte. Doch die Geschichte der Moderne ist eine Geschichte der Beschleunigung. Wir erfanden, so der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch Beschleunigung, ja allerhand Apparate, die uns Zeitersparnisse bringen sollten: Den Urlaubsflug buchen wir zu Hause am Computer, und statt umständlich die Post aufzusuchen, schreiben wir eine E-Mail. Und doch haben wir keine Zeit. Weil sich unsere Handlungsmöglichkeiten ständig erweitern. Statt vier Briefe am Tag erhalten wir 50 E-Mails. Die Beschleunigung, sagt Rosa, hat sich verselbstständigt; wir leben in dem Bewusstsein, dass jeder Handyrückruf eigentlich schon immer verspätet ist. Dass andere noch etwas schneller sein könnten als wir selbst.

Wir sind nicht Herr unserer Zeit. Auch wenn uns die Werbung Gegenteiliges verheißt: Vodafone sendet derzeit einen Spot, der einen jungen Mann pendelnd zwischen E-Mail-Schreiben im Büro und einer erotischen Cafébegegnung zeigt. Er sieht nicht gut aus, ziemlich blass. Die Lösung, sagt die Stimme aus dem Off, sei ein Handy mit integriertem E-Mail-Empfang. So ließen sich die Pausen zwischen innigen Küssen sinnvoll mit Beruflichem füllen.

Dass eine konfliktfreie Verschmelzung von Beruf und Liebe utopisch ist, wissen wir. Und manchmal beklagen wir auch wortreich den Stress. Insgeheim aber sind wir ziemlich zufrieden. Schließlich ist kaum etwas schöner, als leicht genervt den Wohnzimmertisch oder die Kneipenrunde zu verlassen, um einen dringenden Anruf entgegenzunehmen. Der Prestigegewinn ist beträchtlich. Wir demonstrieren unsere Arbeit öffentlich, statt im dunklen Arbeitszimmer zu verschwinden. Und nirgendwo wird der Stolz der Arbeit derart gekonnt sichtbar gemacht wie hinter den Schaufenstern von Ladenlokalen, die Freiberufler gemietet haben. Es ist lässig, noch nachts darin herumzulaborieren. An einem Text, einer Werbebroschüre, einem Entwurf für eine Häuserzeile.

Die Arbeit ist der sogenannten kreativen Klasse ohnehin nicht lästig, sondern sie wird in einen diffusen Alltag integriert, in dem die klassischen Rollenmuster radikal aufgelöst sind: Es lässt sich oft kaum sagen, ob man im Café einen freundschaftlich oder einen beruflich motivierten Kaffee miteinander trinkt. Die letzten bürgerlichen Reste starrer Tagesabläufe sind beseitigt. Davon träumten ja viele schon in den Sechzigern. Die wenigsten ahnten, dass sie damit letztlich den Liberalisierungswünschen ihrer lebhaft bekämpften Konzernbosse entgegenkamen. Nebenbei: Es widerspricht der heutigen Auflösung von Berufs- und Freizeitgrenzen keineswegs, dass in Beziehungsangelegenheiten man sich gerne als wertkonservativ begreift. Amouröse Verstrickungen sind zu zeitintensiv.

Wir können nicht mehr verschwinden, nicht mehr unerreichbar durch eine fremde Stadt flanieren, Hügel hinabschreiten, vier Stunden über einem gottverdammten Buch sitzen, ohne zwischendurch ins Internetcafé zu gehen, wenn wir uns schon dazu durchgerungen haben, das Notebook zu Hause zu lassen oder gar das Handy. Vater würde sich Sorgen machen. Die Partnerin oder der Partner. Und zu irgendeinem Projekt, eigentlich abgeschlossen, gäbe es gewiss noch eine Rückfrage. Warum auch nicht. Wir wissen doch, dass Arbeit uns erfüllt, so sehr, wie es kein Partner vermag. Und kein Kind – ansonsten würden wir mehr Kinder zeugen, mehr Spaziergänge machen, "Muße" hätten wir, auch so ein Wort, das verschwindet. Hätte heute jemand Muße, er wäre nicht stolz darauf, sondern arbeitslos.

Und ist man einmal überrascht von der Leere, die einen überkommt, wenn nichts Dringliches ansteht, dann schreibt man, obgleich es nicht wirklich drängt, abends einem Kollegen, wegen einer Konferenz drei Tage später, die womöglich um einen Tagungsordnungspunkt ergänzt werden könnte. Was er denn davon halte? Wir wissen, dass wir nerven. Nicht nur den Kollegen. Sondern den Freund oder die Freundin, unsere Frau oder unseren Mann, wenn wir nachts noch an den Computer schleichen, obgleich es an der Zeit wäre, dass die Körper zueinanderfinden. Aber tagsüber mussten die Kinder noch in die Schule gebracht werden, dann dieser furchtbare Elternabend, jetzt, endlich, in der lauen Sommernacht können wir arbeiten. Wir haben uns schon den ganzen Tag darauf gefreut.

Man sagt uns, wir sollen endlich entspannen. Mit Yoga. Machen wir, um den Preis, dass wir noch weniger Zeit haben. Wir gehören einer neuen Schicht an. Wir sind die jederzeit Belangbaren. Wir sind nie schnell genug, aber wir sind schneller als alle andern. Und darauf sind wir stolz.

Wir können nicht verschwinden, ohne andere zu enttäuschen. Tagsüber nicht, abends nicht, im Urlaub nicht. Wir wollen es gar nicht. Was wäre die Welt auch ohne uns? Die Helden der Arbeit.

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