Die Fernsehnachrichten der letzten Wochen zeigten häufig die georgische Kleinstadt Gori – eine brennende Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses, eine verletzte Frau inmitten von Trümmern. Verzweiflung und Wut stehen den Stadtbewohnern ins Gesicht geschrieben. Am Schluss der Reportage unweigerlich die Bemerkung des Fernsehkommentators, in dieser Stadt sei Stalin zur Welt gekommen, während die Kamera das riesige Denkmal des Diktators zeigt.

Von nicht minder großer Bedeutung als Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili ist jedoch ein anderer Sohn der Stadt Gori. Merab Mamardaschwili wurde am 15. September 1930 als Sohn eines Offiziers in Gori geboren. Er war ein Denker von europäischem Format und ein Lehrer im sokratischen Sinne, der eine ganze Generation von georgischen und russischen Intellektuellen geprägt hat. Um den Philosophen Mamardaschwili kommt niemand herum, der heute begreifen will, was zwischen Russland und Georgien geschieht.

An der Peripherie seines Denkens klang immer wieder die georgische Note an. Mamardaschwili glaubte, durch seine Herkunft mit Europa verbunden zu sein; die Georgier, so sagte er, hätten im Unterschied zu den Russen keine leidende Seele. Stattdessen besäßen sie eine »verbotene Fröhlichkeit«, eine besondere »Würde«, ja »Rittertum«. Kurzum: Er kultivierte sein Selbstbild als Kaukasier, wie es auf die Literatur der russischen und georgischen Romantik zurückgeht, auf Puschkin und Lermontow, für die das »schöne Georgien« der »Rand der Welt« war, in dem »wilde Freiheit« herrschte (Puschkin) und »wo die Menschen frei wie Adler« (Lermontow) waren.

Während Mamardaschwilis letzter Lebensjahre begann dieses Selbstbild zu bröckeln: »Dreißig Jahre lang lebte ich in Russland und glaubte, dass wir Georgier nicht so rückständig sind wie die Russen. Ich dachte, dass wir dank unserer Lebensfreude und unseres Humors noch Individualisten geblieben sind. Dass man uns nicht unterjochen kann, wie ich das in Moskau tagaus, tagein beobachtete. Doch ich kam zurück nach Georgien, und es stellte sich heraus, dass auch dort der mentale, psychische und sprachliche Zerfall fortgeschritten war.«

Uns Moskauern schienen die Häuser der georgischen Aristokratie riesig

Den größten Teil seines Lebens, vom 19. bis zum 50. Lebensjahr, hat Mamardaschwili in Moskau verbracht, die letzten zehn Jahre (1980 bis 1990) in Tbilissi. Für uns junge russische Philosophen war er das Symbol für intellektuelle Freiheit; er stand für lebendiges Denken, frei von jeglichen ideologischen Dogmen. Er besaß die seltene Gabe, zum Denken anzustiften, indem er am eigenen Beispiel vorführte, wie der Vorgang des Denkens funktioniert. Da die geistige Kategorie, die Mamardaschwili als Agora, als den Raum öffentlicher Diskussionen bezeichnete, in Sowjetzeiten mit Füßen getreten wurde, gewann diese Anstiftung eine besondere Bedeutung.

In seinen Vorlesungen konnte man lernen, dass es eine Kultur wahrer intellektueller Freiheit gibt, deren Linie von Platon über Descartes zu Kant führt, die seine Lieblingsphilosophen waren. Zugleich lernte man, dass der einzelne Mensch im »Reich der Zerrspiegel« lebt und sich aus eigener Anstrengung heraus eine facettenreiche Welt schafft, die jeden Augenblick droht im Nichts, im Sog des Vermeintlichen unterzugehen.

In den 1970er Jahren besaß Mamardaschwili enorme Popularität. Wie gebannt verfolgten Hunderte von Zuhörern seine Vorlesungen. Dabei kritisierte er viele Aspekte der russischen Kultur aufs Schärfste. Er warf den »Russen« vor, sie würden sich mit der Staatsmacht identifizieren und ihr Leben passiv hinnehmen (was er als »Leben auf Unterhalt« bezeichnete); er bezichtigte sie eines totalitären Kollektivismus und des Fehlens einer Alltagskultur. All das sprach er unverblümt und coram publico aus; und keiner der anwesenden Russen fühlte sich im damaligen sowjetischen Kontext angegriffen oder beleidigt (die Gleichsetzung von »russisch« und »sowjetisch« galt zu jener Zeit als legitim).

Auf die Frage, welche Kraft es vermocht habe, die Georgier zu unterjochen und sie den Russen gleich zu machen, gab Mamardaschwili verschiedene Antworten. Sowjetisches Leben war für ihn ein Antileben, sowjetische Kultur eine Antikultur; in seinen Augen war sie den Georgiern zutiefst fremd, doch man saß im selben Boot. Mamardaschwilis Überlegungen hatten eine nationalistische Note, die unvereinbar scheint mit seiner Grundüberzeugung: dass Kultur ausschließlich durch die Persönlichkeit eines Individuums weitergegeben wird und nie vorausgesetzt werden kann.

Der Erholungsort Pizunda, an dem ich ihn in den siebziger und achtziger Jahren mehrmals traf und der heute im international nicht anerkannten Abchasien liegt, das einseitig seine Unabhängigkeit von Georgien erklärt hat, war eine Miniaturausgabe der Sowjetunion. In diesem Mikrokosmos spiegelten sich die im Lande herrschenden Machtverhältnisse. Die zu Chruschtschows Zeiten errichtete gigantische Ferienanlage für Mitglieder der Sowjetregierung nahm den größten Teil des Ortes und der Küste ein. An ihren Rand gedrängt, lag die weit bescheidenere Ferienresidenz der Regierung der georgischen Sowjetrepublik, gegenüber standen die Häuser der georgischen Kulturelite. Das erste Haus in der Straße war das der Schauspielerin Medea Djaparidze. Am Ende der Straße, wo sie einen Bogen zum Meer machte, ragte ein Haus im sogenannten swanischen Stil in die Höhe, das die Regierung einem Autor von populären, in viele Sprachen der Sowjetvölker übersetzten Romanen über die georgische Geschichte geschenkt hatte; auf der weitläufigen Terrasse dieses Hauses konnte man manchmal den Sohn dieses Schriftstellers erblicken, Swiad Gamsachurdia, den künftigen georgischen Präsidenten.

Uns, die wir damals in Moskau lebten, erschienen die Häuser der georgischen Aristokratie nachgerade riesig; während der Abendempfänge bewegten sich ihre Bewohner hinter den heruntergelassenen Jalousien wie Wesen aus einer anderen Welt. Der augenfällige Wohlstand hinderte die Bewohner dieser Villen jedoch nicht, zu glauben, dass es Georgien ohne die Russen und die Sowjetunion noch viel besser ginge.

Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt teilte mein Lehrer Merab Mamardaschwili diese Überzeugung. »Schaut euch die Häuser und die Bürgersteige in Tbilissi an«, pflegte er zu sagen. »Schmutzige Häuser, verfallene Tore, aber die Wohnungen sind komfortabel eingerichtet und voll gestopft mit teurer Technik aus dem Ausland. Diese Atmosphäre ist Ausdruck der Selbstachtung der Georgier. Russen können ohne Weiteres Hering von einem Zeitungsfetzen essen. Ein normaler Georgier kann das nicht.« Das schäbige sowjetische Leben hinzunehmen sei unter der Würde der Georgier, sagte er oft. »Wir müssen uns abspalten. Wir haben genug davon, mit den Russen gemeinsam zu leiden und mit ihnen zusammen im Kot zu hocken!«

Ganz entgegen den Träumen der Nationalisten wurde Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion bitterarm. Heutzutage gibt es in Moskauer Privatwohnungen weit mehr Importwaren als in Tbilissi – eine Tatsache, an die die Georgier immer wieder von den russischen Medien erinnert werden. Gewisse russische Patrioten können Mamardaschwili seinen Ausspruch, die Russen wären im Unterschied zu kultivierten Georgiern ohne Weiteres imstande, Hering von einem Zeitungsfetzen essen, bis heute nicht verzeihen.

Wer die Separatisten kritisierte, wurde als Russophiler abgestempelt

Seit dem Beginn des Zerfalls der »großen und mächtigen« Sowjetunion hat sich viel verändert. Mit der Schwächung des kommunistischen Imperiums erhielten extreme Nationalisten immer mehr Zulauf. In Georgien begann der Aufstieg von Swiad Gamsachurdia. Um 1990, als die georgische Nation sich ethnisch definierte, gab der »rasende Swiad« die Losung »Georgien den Georgiern« aus und zog gegen Minderheiten zu Felde, dafür liefen ihm die Unterstützer in Scharen zu. Der künftige Präsident ließ sich nicht durch Schranken der Political Correctness einengen und predigte unter dem Deckmantel der Notwendigkeit, die »hohe« georgische Kultur vor »wilden« Osseten, Abchasiern, Lakzen und anderen kleinen Völkern zu verteidigen, einen aggressiven Nationalismus.

Mamardaschwili meldete dagegen entschiedenen Protest an. Georgier seien nur deshalb Georgier, weil sie als Gemeinschaft bestimmte Denkakte vollzogen hätten und dadurch zu Staatsbürgern geworden seien. Wären diese Denkakte nicht vollzogen worden, hätte man es bloß mit einer Ethnie zu tun, und die Verehrung des Ethnischen sei ein Zeichen von Wildheit, eines alten christlichen Volkes wie der Georgier unwürdig.

So etwas zu behaupten war Ende der achtziger Jahre ein mutiger Schritt. Mamardaschwili wurde zum »Volksfeind«, zum »sowjetischen Produkt«, zum »Russophilen« und »Kosmopoliten« abgestempelt. Damals hatten seine Landsleute keinen Sinn für intellektuelle Differenzierungen. Die gegen ihn entfachte Hetzkampagne konnte ihn jedoch nicht einschüchtern und nicht zum Schweigen bringen. Am Ende seines Lebens sagte er einen Satz, der Berühmtheit erlangen sollte: »Wenn mein Volk für Swiad Gamsachurdia stimmt, werde ich mich gegen mein Volk stellen!«

Gamsachurdias Wahl zum Präsidenten im Jahr 1991 hat der Philosoph nicht mehr erlebt. 1990, auf dem Rückweg von einer Westeuropareise, erlitt Mamardaschwili einen Herzinfarkt und starb auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo im Alter von 60 Jahren. Er starb, nachdem er zum wiederholten Male von »Swiadisten« gedemütigt worden war, auf exterritorialem Gebiet zwischen Russland und Georgien, wohin er unterwegs war. Nicht nur das Leben des Philosophen, auch sein Tod war ein Grenzfall.

Elf Jahre nach seinem tragischen Tod wurde ihm im Zentrum von Tbilissi ein Denkmal errichtet. Viele Fragen seiner Schüler blieben unbeantwortet. Russischen Nationalisten gilt er als ärgster Feind Russlands und als Ideologe des georgischen Militarismus. Aber auch georgische Nationalisten aus dem Dunstkreis Gamsachurdias haben ihn zum Verräter erklärt, und seine heutigen Verehrer unter den georgischen Politikern und Intellektuellen, die sich stolz als »Mamardaschwili-Volk« bezeichnen, werden seinem geistigen Erbe bei Weitem nicht immer gerecht.

»Das ossetische Volk ist ein Unrat, den wir hinauskehren müssen«

Das Beispiel des georgischen Philosophen führt eindrücklich vor Augen, wie tückisch nationalistische Vereinfachungen sind und wie schwer es selbst für Menschen vom Format Mamardaschwilis ist, diese abzuschütteln. So frage ich mich, ob es wirklich bedeutsam ist für die Beurteilung von Menschen, dass manche vornehm speisen, während andere Hering von einem Stück Zeitung essen. Zumal viele bitterarme Georgier heute kein Geld haben, um teure Sachen zu kaufen, während Moskau in Petrodollars schwimmt und seine ausländischen Besucher mit diesem in Ladenfenstern ausgestellten Luxus und diesem zur Schau getragenen exzessiven Konsum verblüfft.

Aus dem bloßen Besitz oder Nichtbesitz von Gegenständen sollte man keine weitreichenden moralischen Schlussfolgerungen ziehen. Der große Schriftsteller Warlam Schalamow etwa trug viele Jahre lang nichts als Fetzen am Leibe; er hungerte, wurde gedemütigt, besaß nicht einmal einen eigenen Löffel und blieb trotzdem ein in höchstem Maße anständiger Mensch, bewahrte seine Würde, während stalinistische Funktionäre (unter denen manche Georgier waren) das nicht von sich behaupten konnten.

Und überhaupt: Wer sind diese »Russen« und »Georgier« eigentlich? Vor allem sind sie alle postsowjetische Menschen, denen es nur so scheint, als seien sie nach dem großen Terror in ihre nationalen Nischen zurückgekehrt – ganz so, als hätte der Terror bei ihnen keine tiefen Wunden hinterlassen, die noch jahrzehntelang nicht ausheilen werden, als würden sie am Körper ihrer Nation keine Phantomschmerzen aus der Sowjetzeit spüren. Hatten die Georgier als Volk trotz aller Unwägbarkeiten der sowjetischen Geschichte wirklich eine »verbotene Fröhlichkeit«? Das wage ich zu bezweifeln. Viel eher waren sie Teil einer neuen historischen Gemeinschaft des Sowjetvolks, wohlgemerkt ein in der Sowjetunion mustergültiger Teil. Deshalb war die Enttäuschung Mamardaschwilis über die vermeintlich einmaligen Qualitäten seiner georgischen Mitbürger mehr als absehbar.

Sobald ein Georgier, ein Russe, ein Ukrainer oder ein Kirgise sich aus eigenem Bemühen als Persönlichkeit selbst erschafft, wird der Nationalismus im Keim erstickt. Einen sich selbst erschaffenden Menschen beurteilen wir nach der Arbeit, die er an sich selbst geleistet hat, und nicht aufgrund seiner zufälligen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. So eine Persönlichkeit war ohne Zweifel Merab Mamardaschwili. Deshalb kann man ihn sowohl einen georgischen als auch einen russischen und einen europäischen Philosophen nennen, denn seine Bemühungen, sich selbst zu verstehen, verliefen in all diese Richtungen.

Im Unterschied zum Nationalsozialismus, für dessen Verbrechen das deutsche Volk die Verantwortung übernommen hat, besteht die Spezifik der Sowjetherrschaft, die gleichfalls Millionen von Leben forderte, darin, dass niemand bereit ist, sich für die Taten der Sowjetmacht zu verantworten. Alle (nicht nur die Georgier) sehen die Sowjetherrschaft als etwas, das ihnen von außen oktroyiert wurde und von dem sie sich 1991 mit einem Schlag wie von einem Bann, einem Phantom befreiten.

Dieser Unwille, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, beschert dem postsowjetischen Raum Kriege und ethnische Konflikte. Unabhängig von der jeweiligen Rhetorik blüht der Nationalismus, wobei auch die demokratische Rhetorik keine Ausnahme bildet. Unter dem heute amtierenden georgischen Präsidenten Saakaschwili wurde Gamsachurdia rehabilitiert und eine Uferpromenade in Tbilissi nach ihm benannt; er selbst und seine Gefolgsleute wurden von allen Vorwürfen freigesprochen. Dabei hatte Gamsachurdia seinerzeit verkündet: »Das ossetische Volk ist ein Unrat, den wir durch den Roki-Tunnel hinauskehren müssen.« Millionen Russen sind zurzeit überzeugt, dass der dritte Präsident Georgiens genau das versuchte, als er am 8. August 2008 den Befehl gab, Zchinwali zu bombardieren.

Kein georgischer Politiker würde heute so unverbrämt daherreden wie der Extremist Gamsachurdia. Doch haben einige der jetzigen Politiker nicht versprochen, das nächste Neujahrsfest in Zchinwali oder Suchumi zu feiern? Nichts liegt mir ferner, als die russische Intervention in Georgien zu rechtfertigen, umso weniger, als sie offenbar von langer Hand geplant und keine improvisierte Aktion war. Aber den Anlass zu dieser Intervention lieferte die georgische Führung.

Die Themen Georgien und Europa haben Mamardaschwili bis zu seinem Tode beschäftigt. 1989 hielt er in Paris einen Vortrag, der den Titel Die europäische Verantwortung trug. Er sprach als ein Mann, der in seiner Jugend in Georgien den Weg zur Philosophie gefunden hatte, der in der Provinz begonnen hatte, über die Kultur seines Landes nachzudenken. Diese Erfahrung verschaffte ihm in seinen Augen eine privilegierte Position, um Dinge zu begreifen, »die ein Europäer nicht zu erkennen vermag«. Für Europäer sei zu vieles selbstverständlich; seit Descartes und Kant hätten sie kein »geschärftes Bewusstsein mehr für die Tatsache, dass Menschsein ein ständiges Bemühen darum bedeutet, ein Mensch zu werden«.

In seinem Pariser Vortrag gab Mamardaschwili unumwunden zu, dass er seinen Anspruch auf ein tieferes Verständnis Europas als jenes, das die Europäer durch die Gnade ihrer Geburt hätten, auf einen Mangel stützte: Dieser Mangel habe ihm ein schärferes Bewusstsein für das gegeben, was ein Westeuropäer für seinen natürlichen Zustand halte. Während die Westeuropäer aufgrund des Überflusses an dem, was ihnen gegeben sei, nicht in der Lage seien, sich selbst zu verstehen, gründe ein Philosoph aus dem Osten sein Recht auf Zugehörigkeit zu Europa auf einen Mangel, den er durch Kraftanstrengung nicht nur überwinde, sondern in sein Gegenteil umkehre. Die Unmöglichkeit, einfach nur Europäer zu sein, mache aus ihm einen »Übereuropäer«.

Ich kann mich noch gut an die Empörung erinnern, mit der die Philosophen Frederic Jameson und Wolfgang Haug sowie andere Teilnehmer der Postmoderne-Konferenz im Herbst 1990 in Dubrovnik auf Mamardaschwilis Aussage reagierten, ihre postkapitalistischen Gesellschaften seien »einfach nur normale menschliche Gesellschaften«. Vermutlich ist die Kluft, die einen selbst gemachten »Übereuropäer« von westlichen Philosophen trennt, nie so deutlich zutage getreten wie in diesem Moment, kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion. Durch den Eisernen Vorhang getrennt, sprachen der westliche und der östliche Teil der intellektuellen Welt verschiedene Sprachen.

Heute, 18 Jahre danach, haben wir ein besseres Verständnis dafür entwickelt, dass die Nichtanerkennung der sowjetischen Erfahrung und ihre Projektion auf äußere Feindbilder Erscheinungsformen der Abhängigkeit von dieser Erfahrung sind. In so vereinfachter Form kann diese Erfahrung nicht überwunden werden.

Eine Rückkehr nach Europa ist nur durch die Auseinandersetzung mit der jüngsten totalitären Geschichte möglich, mit jenen Mechanismen, die Russen, Ukrainer, Weißrussen, Kirgisen und Georgier gleichermaßen unterjocht haben. Erst wenn diese Arbeit getan ist, werden unsere Vorstellungen von Europa komplexer, differenzierter und – was das Wichtigste ist – realistischer, auch wenn sie dann nicht so hochtrabend klingen werden wie die der »Übereuropäer«.

Michail Ryklin, geboren 1948 in Leningrad, lehrt Philosophie an der Moskauer Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität Berlin. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre hörte er Vorlesungen bei dem Philosophen Merab Mamardaschwili. Auf Deutsch veröffentlichte Ryklin unter anderem »Verschwiegene Grenze. Briefe aus Moskau« (Diaphanes-Verlag) und »Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz« (Suhrkamp). Sein Essay »Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie« wurde 2007 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Eben erschien »Kommunismus als Religion« (Insel-Verlag)

Aus dem Russischen von Elena und Dirk Uffelmann .