Salzburger Festspiele Am Rand der großen weiten Welt

Bei den Salzburger Festspielen spielt Martina Gedeck die Titelrolle in Simon Stephens’ neuem Stück »Harper Regan«

Wie lange dauert im Theater das Nichts, wie lang ist ein Moment? Wie viel Zeit vergeht auf der Bühne, wenn »etwas Zeit« vergeht? Und wie spielt man eine Pause? In Simon Stephens’ neuem Stück Harper Regan gibt es allein 125 von ihnen: »kleine« und »lange«, »sehr lange« und »kurze« Pausen. Es sind Momente des Unbehagens und der Verzweiflung, es sind Momente, in denen die Figuren darauf warten, dass ihr Leben beginnt oder eine andere Wendung nimmt.

Harper Regan ist 41 Jahre, aber sie fühlt sich schon alt. Sie lebt mit ihrer Familie am Rand des Flughafens Heathrow, aber sie ist noch nie Langstrecke geflogen. Und sie hat 34 Arbeitswochen ohne einen freien Tag hinter sich. Ihrem Mann hat sie nichts zu sagen, vor ihrer Tochter fürchtet sie sich. Aber sie hat sich in diesem Leben eingerichtet. Dann erfährt sie, dass ihr Vater im Sterben liegt.

Martina Gedeck spielt Harper in der deutschsprachigen Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen. Sie steigt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne und blickt für Sekunden ins Publikum. Es ist, als zögere Harper noch, ob sie wirklich beginnen solle mit ihrem (Bühnen-) Leben und ob sich der ganze Aufwand der folgenden zwei Stunden lohne. Doch plötzlich wendet sie sich um und hebt den Vorhang, der ein schmales, aus Sperrholzplatten zusammengesetztes Büro freigibt. Diese Harper Regan ist zunächst alles andere als selbstsicher. »Wenn Sie fahren, kommen Sie wohl besser nicht zurück«, empfängt sie ihr Arbeitgeber Elwood (Manfred Zapatka), und diesem halb besorgten, halb befehlenden Ton ist sie nicht gewachsen. Sie zupft an ihrem Kleid und hält seinem Blick nicht stand. Immer wieder lässt Elwood Pausen entstehen, einmal zählt er 30 Sekunden ab, bevor er weiterspricht, und Zapatka genießt jede dieser Sekunden. Sie steht still. Selbst einen Annäherungsversuch, der schließlich durch das Eintreten der Sekretärin verhindert wird, wehrt sie nicht ab. Im Gegensatz zu vielen männlichen Helden von Simon Stephens tut sich Harper Regan schwer damit zu rebellieren. Sie kann es erst im Moment der größten Verzweiflung.

Der Regisseur Ramin Gray und sein Ausstatter Jeremy Herbert lassen die Reise Harpers zu ihrem Vater zu einer Reise ins Innere werden. Martina Gedeck bleibt während der Umbaupausen auf der Bühne, und diese Pausen steigern die kalkulierte Künstlichkeit des Abends. Sie bewegt sich in Räumen, die unter ihrem Schritt erst entstehen. Das Krankenhaus, in dem ihr Vater starb, ist bloß eine grüne Sperrholzwand, die Wohnung ihrer Mutter ist ein Zimmer mit blauer Blümchentapete. Die Spielfläche ist klein, auf zwei mal fünf Metern stehen sich die Figuren gegenüber – viel Platz zum Ausweichen haben sie nicht.

Harper Regan kommt zu spät in Manchester an, ihr Vater, ihr Held, ist bereits gestorben. In den folgenden Szenen ist es gerade der Schmerz, der sie aus ihrer Starre erlöst. Sie verbirgt ihre Tränen nicht mehr vor der Krankenschwester, sie zerschlägt ein Weinglas am Nacken des widerwärtigen, antisemitischen Journalisten Mickey, den sie in einem Pub trifft, und sie nimmt ihm seine Lederjacke, sie antwortet auf eine Kontaktanzeige im Internet und hat Sex mit einem älteren Mann. Nach Hause zurückgekehrt, stellt sie sich endlich ihrer Familienlebenslüge. Seth, ihr Mann, steht unter dem Verdacht der Pädophilie; seine Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Jetzt erst merkt Harper, dass sie von seiner Unschuld nicht überzeugt ist. Sie selbst lässt sich mit einem 17-Jährigen ein, um die Gefühle ihres Mannes nachvollziehen zu können.

In Salzburg verwandelt sich die fahrige, schüchterne Harper des Beginns in eine Frau, die eine kindliche Lust darin entdeckt, Grenzen zu überschreiten, bis sie sich am Ende wieder auf das Wagnis Familie einlässt. Bei aller schauspielerischen Souveränität ist Martina Gedeck nicht in der Lage, die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit Harper Regans deutlich werden zu lassen.

Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit aber sind die Strukturprinzipien dieses Schauspiels. Simon Stephens schlägt vor, die Figuren des Stückes, abgesehen von Harper Regan, doppelt zu besetzen. Harper trifft also auf ihrer Reise vom Süden in den Norden Englands auf lauter Gestalten, die wir aus Harpers Vorleben kennen. Der Darsteller Samuel Weiss ist ein Meister dieses Doppelspiels. Aus der einen Figur formt er eine völlig andere. Er spielt den haltlosen Seth und den selbstgewissen Menschenhasser Mickey. Diesen Gegensatz zelebriert er, indem er Seth als würdevollen Verlierer zeigt; gegenüber seiner Frau Harper ist er ergeben, aber nicht unterwürfig. Und auch den Zyniker Mickey gibt Weiss nicht auf. Er verleiht ihm einen Bubencharme, dem es gelingt, die traurige Harper, die sich morgens um elf an ihrem Wein festhält, aufzuhellen. Sein Charisma wäre imstande, aus dieser Szene eine Komödie zu machen. Er wird uns zugleich widerlicher und menschlicher; er schnupft lässig zwei Koksbahnen und zieht sich an der Rückenlehne der Couch hinauf – ein schönes Bild für seinen Größenwahn. Wenn Samuel Weiss dann am Ende wieder zu Seth wird und beim Frühstück mit seiner Frau und seiner Tochter von einer idyllischen Zukunft fantasiert, verbietet uns schon die Erinnerung an Mickey, das Ende für kitschig zu halten.

Ist Harper Regan eine starke Figur? In der dramatischen Literatur gab es immer wieder Frauen, die ihre eigenen Regeln aufstellten. Die meisten, von Kleists Penthesilea bis Lotte in Botho Strauß’ Groß und klein scheitern, und selbst wenn sie wie Ibsens Nora das letzte Wort haben, ist die Freiheit teuer erkauft. Harpers Leben dagegen beginnt nun erst. Sie hat ihren Vater nicht retten können, nun wird sie sich um die kümmern, die noch da sind. Sie ist wie der Gletscher, über den ihre Tochter Sarah im Geografieunterricht dies gelernt hat: Erst wenn die komprimierte Eismasse eine kritische Dichte erreicht hat, wird sie so schwer, dass die Fließbewegung einsetzt.

Harper Regan ist ein Stück, das um die Stille herum gebaut ist. Es ruht auf seinen Pausen. Für die meisten dieser lauernden, »schrecklich langen« Pausen, die Harper besteht, bis sie den Tod ihres Vaters akzeptieren und ihrem Mann vertrauen kann, hat der Regisseur Ramin Gray keine Zeit. Seine Inszenierung ist zu schnell für die große, langsame Harper Regan.

Diese Inszenierung ist eine Coproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Dort hat sie am 26. September Premiere

 
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