Schauspiel Bringt eure Visionen ans Ziel, meine Schätzchen!

Kann man Kunst lernen? Wie die Schauspielerin Jeanne Moreau in der französischen Provinz den Filmnachwuchs inspiriert

Der entscheidende Satz fällt gleich am Anfang, beim Mittagessen, zwischen Kaffee und Zigarette. »Wir können euch nichts beibringen«, sagt sie mit ihrer tiefen Waldhexenstimme, »aber wir können euch helfen, klarer zu sagen, was ihr wollt.« Jeanne Moreau wird den Satz immer wieder sagen. Sie sagt ihn im Kino und im Restaurant, auf dem Podium und im Seminarraum. Sie sagt ihn am Morgen, wenn sie in glamourösen Hosenanzügen und mit wechselnden Riesensonnenbrillen beim Frühstück auftaucht, und am späten Nachmittag, wenn sie zum Aperitif Rotwein mit Eiswürfeln trinkt. »Wir können euch nichts beibringen« – das ist ihr Mantra, ihre Überzeugung und natürlich auch ein bisschen Koketterie. Schließlich geht es in dieser Woche durchaus darum, dass neun junge Filmemacher und Filmemacherinnen aus fünf Ländern etwas mit nach Hause nehmen. Was auch immer.

Seit vier Jahren leitet Jeanne Moreau jeden Sommer die von ihr ins Leben gerufenen Ateliers d’Angers. Es war ihre Idee, den Kinonachwuchs in der französischen Provinz mit erfahrenen Regisseuren, Kameraleuten, Cuttern, Schauspielern zusammenzubringen – und den Austausch der Jüngeren untereinander zu fördern. Als Bewerbung müssen ein Kurzfilm und das Drehbuch des ersten Spielfilmprojekts eingereicht werden. Wer eingeladen wird, entscheidet Moreau gemeinsam mit einem kleinen Gremium. Warum ausgerechnet Angers, 300 Kilometer südwestlich von Paris? Weil es eine schöne Stadt sei, sagt Moreau. Weil es hier schon ein gutes Nachwuchsfilmfestival gebe. Weil die Region ein bisschen Geld und Räume in altehrwürdigen Gebäuden zur Verfügung stelle. »Außerdem hat man in Paris nie seine Ruhe.«

Am ersten Atelier-Tag herrscht noch eine gewisse Zurückhaltung im Frühstückssaal des Mercure-Hotels. Stumm stopfen die Jungcineasten Croissants in sich hinein. Nur Rebecca aus Paris, die Coolste und Jüngste, belustigt sich: »Was wird das hier eigentlich? Workshop, Klassenfahrt oder Gruppentherapie?« Im Stillen fragen sich das wohl alle. Auftritt einer strahlenden Moreau in Parfumwölkchen und cremefarbenem Ensemble. Hier ein Händedruck, da ein Schulterklopfen, aufmunternde Worte. »Geht es euch gut, meine Schätzchen?« Egal, was hier in den nächsten Tagen gelehrt oder gelernt werden mag: In jedem Fall, und das ist schon mal beruhigend, haben wir auch einen einwöchigen Jeanne-Moreau-Film vor uns.

»Herrgott, bumsen die beiden nun miteinander oder nicht?«

Um neun gibt es das erste Treffen im Programmkino Les 400 coups im Zentrum von Angers. Alle sind überpünktlich, weil Moreau am Vorabend beiläufig fallen ließ, dass es im Leben und im Kino nichts Schlimmeres gebe als Zuspätkommer. Zum allgemeinen Kennenlernen sind die Kurzfilme der Eingeladenen zu sehen. Nach anderthalb Stunden und neun Erstlingswerken lässt sich immerhin sagen, dass alle Atelier-Teilnehmer ihre eigene Haltung zum Kino haben. Und zwei schon eine eigene Handschrift: In Retraite von dem Belgier François Pirot kehrt ein nicht mehr ganz junger Mann in sein Heimatdorf zurück. Es sind überraschend stilsichere Tableaus, die hier mit leiser Komik nicht nur vom Scheitern einer Musikerkarriere in Paris erzählen. Das durchgeknallteste Debüt ist Historia del Desierto, ein Animationsfilm der Spanierin Celia Galan Julve. Er handelt von einer daumenlosen Gefängnisausbrecherin, die zur Serienkillerin wird. Mit seinen grellen Farben und einer rasanten Montage jagt der Film über die Leinwand wie ein Rocksong auf Rollerskates.

Dass Jeanne Moreau, die Erfinderin, auch die Regisseurin und Übermutter dieser Ateliers d’Angers ist, wird schnell deutlich. Wie von nun an jeden Nachmittag kommt die Truppe nicht weit vom Kino in einem mit Wandtäfelung und Deckengemälden dekorierten Saal zusammen. Moreau bittet die Anwesenden, reihum die Handlung ihres ersten Spielfilmprojekts zu erzählen. Auf einem Kinoset, sagt sie, sei es wichtig, dass alle am selben Film arbeiten. Daher müsse man als Regisseur in der Lage sein, sich verständlich zu machen. Also unterbricht sie bei der kleinsten Ungereimtheit, hakt nach und bringt den Nachwuchs mit kleinen Provokationen aus dem Trott. Nachdem sich der schöne Frankoschweizer Germinal hoffnungslos in seinem Episodenfilm über das Milieu des Escort-Service verheddert hat, zwingt sie ihn, noch einmal von vorne zu beginnen. Als in der Drehbucherzählung des Schotten Peter zum zehnten Mal das Wort fuck vorkommt, stellt sie Fragen nach der detaillierten Umsetzung der Sexszenen. Und geht achselzuckend über das allgemeine Gekicher hinweg: »Ich nenne die Dinge nun mal beim Namen.«

Bewundernswert ist, mit welch schlafwandlerischer Sicherheit Moreau jede noch so kleine dramaturgische Schwäche aufspürt. Es scheint, als sehe diese achtzigjährige Schauspielerin, die sich durch mehr als hundert Kinodrehbücher gespielt hat, den fertigen Film manchmal klarer vor sich als die jungen Regisseure. Immer wieder drängt sie ihre Schützlinge, Ästhetik und Atmosphäre des Films genau zu beschreiben, in Bildern zu erzählen. Und sie will unbedingt wissen, aus welcher persönlichen Erfahrung die Geschichten entstanden sind.

Es gibt auch kleine Schocks. Einem melancholischen Franzosen, der sich allzu offensichtlich mit seiner depressiven Hauptfigur identifiziert, schlägt Moreau vor, das Drehbuch einem Psychoanalytiker zu lesen zu geben. Und als sein schüchterner Kollege nach einer Stunde immer noch nicht fertig ist mit seiner von Baudelaire inspirierten Geschichte eines zwischen gegenseitiger Anbetung und Entfremdung schwankenden Liebespaares, platzt es irgendwann aus ihr heraus: »Herrgott noch mal, bumsen die beiden noch miteinander oder nicht?«

Das Zerwühlen und Zerschreddern der im stillen Autorenkämmerlein zart gehegten Visionen hat natürlich etwas Brutales. Aber die Wirkung ist auch klärend. Durch die ausführlichen Nacherzählungen hat man die Pläne und Obsessionen, Unsicherheiten und Schwächen der anderen kennengelernt. Außerdem sorgen die in fast allen Drehbüchern vorkommenden Liebesgeschichten und Sexszenen und Jeanne Moreaus unverblümtes Nachhaken für allgemeine Vertrautheit und eine leichte Erotisierung der Atmosphäre. Jedenfalls erzählen am Abend, als Moreau nach dem Essen in ihr Zimmer gegangen ist, alle reihum ihre seltsamsten sexuellen Erlebnisse.

»Geht es hier eigentlich auch um die Lektion ›Wie behaupte ich mich gegen einen Star‹?«, fragt am anderen Tag der Franzose, der sich noch nicht von dem Psychoanalytiker-Vorschlag erholt hat. Vielleicht liegt er nicht ganz falsch. Schließlich gibt es bei fast allen Dreharbeiten große und kleine Moreaus, die sich von einer Vision überzeugen lassen. Und manchmal eben nicht. Manchmal bleiben sie einfach stur und spielen ihre Diven-Qualitäten aus. So wie bei dem Mittagessen in einem sonnigen Bürgerhof aus dem 18. Jahrhundert. Freundlich, aber bestimmt beschwert sich Moreau über pappigen Reis, undefinierbare Speisen und fehlendes Obst. Außerdem fordert sie einen Aschenbecher und eine »beeindruckendere« Käseauswahl. »Ich weiß, ich bin schrecklich«, sagt sie lächelnd, »aber oft bringt es etwas, schrecklich zu sein.« Es ist dieses seltsam görenhafte Lächeln, mit dem sie seit sechzig Jahren durch die europäische Kinogeschichte wandelt. Das Lächeln, mit dem sie bei Truffaut Jules und Jim liebt, in Tony Richardsons Mademoiselle ein Vogelnest samt Eiern zerquetscht und in Buñuels Tagebuch einer Kammerzofe ihre perversen Herrschaften betrachtet. Es ist ein wissendes, rätselhaftes, altersloses Lächeln. Manchmal sieht es aus wie das Lächeln eines verzogenen Kindes, das um seine Verzogenheit weiß.

»So, Kinder, vielleicht lernt ihr heute doch etwas«, sagt Moreau, als sie mit dem Regisseur Jacques Doillon ins Kino kommt. Doillon, seine Kamerafrau Hélène Louvart und seine junge Hauptdarstellerin Clémentine Beaugrand werden ihren Liebesfilm Le Premier Venu vorstellen. Bei der anschließenden Diskussions- und Fragestunde im Seminarsaal zeigt sich, dass Moreaus kleine Kinoschule des klaren Ausdrucks tatsächlich auf ein Defizit der Filmhochschulen trifft. Fast alle Fragen betreffen die Verständigung über den Film: Wie und mit welchen Begrifflichkeiten spricht man mit der Kamerafrau oder dem Kameramann? Wie vermittelt man Stil, Farben, Atmosphäre einer Einstellung? Muss ich den Schauspielern den Tonfall jeder Szene erklären? Und wie zum Teufel mache ich klar, dass ich der Chef auf dem Set bin?

Auch in den kommenden Tagen zieht in Angers eine kleine Parade der Filmschaffenden ein: Die Regisseurin und Drehbuchautorin Noémie Lvovsky und ihr Cutter erklären, wie der Rhythmus eines Films vom Drehbuch bis zum Endschnitt entsteht. Die Filmemacherin Sandrine Veysset schildert einen Dreh als fortgesetzten Albtraum, von der unzuverlässigen Wettervorhersage bis zu den Psychoticks der Darsteller. Der israelische Regisseur Amos Gitai vergleicht Schauspielerführung mit Akupunktur, bei der man vorsichtig die sensiblen Punkte berühren müsse. Sein Komponist Simon Stockhausen ermutigt den Nachwuchs zu vermeintlich banalen Fragen: Was mache ich, wenn mir mein Produzent Filmmusik aufzwingt, ich aber nicht weiß, wo ich sie hinpacken soll?

Natürlich sind noch andere Regisseure anwesend. Oder vielmehr ihre Gespenster. Sie sind da, weil eine große Schauspielerin von ihnen erzählt und mit ihren Erinnerungen und Begegnungen lebt. Louis Malle, der Moreau mit Fahrstuhl zum Schafott angeblich entdeckte, obwohl sie in Frankreich längst ein gefeierter Theaterstar war. Orson Welles, auf dessen osmotischen, wortlosen Umgang mit Schauspielern sie immer wieder zurückkommt. Luis Buñuel, den sie als eine Art abgründige Vaterfigur verehrt und an dessen Mut zur Obsession man sich ein Beispiel nehmen solle. Oder auch Michelangelo Antonioni, für dessen Film La Notte sie nie bezahlt worden sei. »Ich ging und ging und ging in diesem Film. Heute kommt mir die ganze Geherei ein bisschen albern vor.« Angenehmerweise sind Moreaus Erinnerungen nicht nostalgisch. Im Gegenteil. Entweder hat man das Gefühl, dass ihr Sarkasmus sie gegen jegliche Sentimentalität immunisiert (»Monica Vitti sah mich mit dem Arsch nicht an«). Oder sie stellt die großen Figuren der Filmgeschichte ganz selbstverständlich auf eine Stufe mit ihren Schützlingen in Angers: »Orson Welles ließ sich auch nie von den Produzenten reinreden. Bringt eure Visionen ans Ziel! Bleibt euren Ideen treu, meine Schätzchen!«

Am Wochenende beschließen die Schätzchen, einen kleinen Ausflug zu machen, ohne Mama Moreau und ihr Kinoregime: Saturday Night Fever in Angers. Aber wo? Was sich hinter dem trübroten »Club Privé« in der Fußgängerzone verbirgt, möchte niemand so genau wissen. Also landet man im Entrepôt, einer Mischung aus Riesendisco, Anmachschuppen und Spielhalle. Hier, zwischen nordafrikanischen Einwanderern und französischen Paris-Hilton-Kopien, Techno-Trash und Siebziger-Jahre-Hits, finden die Ateliers d’Angers zu einer rauschhaften Apotheose. Bei Bier und Wodka wird diskutiert, welcher Schauspieler besser ins Ambiente passe: der junge Belmondo oder der junge Depardieu. Und was die größere Herausforderung sei: einen Filmdreh zu leiten oder vor der mürrischen Provinzjugend von Angers zu Plastic Bertrand zu tanzen. »Schade, dass Jeanne uns nicht sehen kann!«, ruft der schöne Schweizer gegen drei Uhr früh auf der Tanzfläche.

Am nächsten Morgen sind die Gesichter kalkweiß. Moreau, heute marineblau mit weißem Schal, registriert zufrieden die Zeichen der letzten Nacht. »Gut, dass ich mal nicht die Einzige bin, die beim Frühstück Sonnenbrille trägt.« Trotzdem denkt sie nicht daran, den Tagesplan von der Verkaterung ihrer Schüler durcheinanderbringen zu lassen. Mehrere Anregungen, den Aperitif ausfallen zu lassen, überhört sie lächelnd. Dem Schotten, der gegen fünf Uhr mit dünner Stimme nach der Uhrzeit fragt, sagt sie: »One hour before the drinks.«

Vielleicht wird hier eines Tages ein neuer Louis Malle entdeckt

Als die Stunde gekommen ist, stellt sich eine Mischung aus Wehmut und Bilanzstimmung ein. Es ist der letzte Aperitif. Jeanne Moreau steht allein in der Ecke, rauchend wie immer. In der Hand das Rotweinglas mit Eiswürfeln. Sie betrachtet ihre Schützlinge, abschätzend, aufmerksam. Woran mag sie denken? Vielleicht daran, dass die Ateliers d’Angers eines Tages einen neuen Louis Malle oder François Truffaut hervorbringen könnten?

»Was meint ihr, brauchen wir sie, oder braucht sie uns?«, fragt der Schweizer. Beides natürlich.

»Sie braucht einen Grund, morgens aufzustehen«, sagt die Spanierin. »Und in dieser Woche waren wir der Grund.«

Peter, der Schotte, sagt, er habe Jeanne Moreau in diesen Tagen lieben gelernt, »because she doesn’t talk any shit«. Außerdem werde er die Umsetzung seiner Sexszenen noch einmal überdenken.

Was bleibt von sieben Tagen Angers? Was werden die neun mit nach Hause nehmen? Und haben sie nicht doch etwas gelernt? Dass Kino mit Besessenheit und Begeisterung zu tun hat. Aber eben auch mit Autorität und Pünktlichkeit. Dass man die Dinge nicht nur auf einem Filmset beim Namen nennen sollte. Und dass die Welt um einiges leichter zu ertragen ist, wenn man sich ein bisschen Stilgefühl bewahrt.

Natürlich ging es in Angers auch darum, Jeanne Moreau eine Woche lang beim Jeanne-Moreau-Sein zuzuschauen. Es war ein echter Auftritt. Eine schöne und manchmal auch berührende Vorstellung. Es war, als hätte man eine Woche lang mit dem Kino Rotwein auf Eis getrunken.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service