Kulturgeschichte

Als Rebellion noch möglich war

Von Athen und Sparta zu Lifestyle und Drogenproblemen: Eine kleine Kulturgeschichte des Heranwachsens zwischen Anpassung und Widerstand

Jung sein heißt ausprobieren. Es ist die Zeit, in der die Regeln der Gesellschaft nur bedingt gelten: Der junge Barack Obama kann mit Kokain experimentieren und später – vielleicht – trotzdem Präsident werden. Joschka Fischer schlug sich auf den Straßen Frankfurts mit der Polizei, bevor er als Bundesminister über den Auslandseinsatz deutscher Truppen entschied. Natürlich ist jugendliche Auflehnung zu einem Teil Pose: Mit der Geste der entschlossenen Wildheit wird die Unfertigkeit der eigenen Identität überdeckt. Aber sie ist auch ein Korrektiv geltender Konventionen: Der jugendliche Straßenkämpfer zerschmeißt nicht nur Scheiben, er hält den Erwachsenen auch ihre Lebenslügen unter die Nase – zwingt sie zur Auseinandersetzung mit »unbequemen Wahrheiten«.

Die Erwachsenen lassen sich das nicht immer bieten. Im antiken Sparta etwa wurde jede jugendliche Herausforderung von vornherein unterbunden. Mit sieben Jahren verließen junge Spartaner ihre Familien, um Gehorsam, Selbstkontrolle und Kollektivbewusstsein eingebläut zu bekommen, Werte, die mit der statischen, auf Beharrung ausgerichteten Gesellschaft Spartas harmonierten. Beliebt war der Brauch, Jugendliche zur Abhärtung öffentlich züchtigen zu lassen. Angefeuert von den Eltern, trotz der Schläge nicht in die Knie zu gehen, sank mancher von ihnen, vollendet angepasst an das System, dem Tod in die Arme.

Schon Platon klagte über respektlose Schüler und Söhne

In Spartas Konkurrenzmetropole Athen war hingegen das Sozialgefüge lockerer, die Erziehung weniger straff und überwiegend privat. Wichtigen Einfluss übten die Sophisten. Sie lösten mit ihrem Glauben an den Intellekt die Jugend aus den Fesseln der alten, auf körperlicher Disziplin und Vorbildern beruhenden Erziehung und sprachen den Einzelnen als selbstbestimmtes Individuum an, nicht als Glied der Gemeinschaft. Dass die Athener Jugend diese Freiräume nutzt, bezeugt Sokrates’ Beschwerde in Platons Staat, Söhne hätten keinen Respekt mehr vor ihren Vätern und Schüler nicht mehr vor den Lehrern. Aristoteles nennt die Jugend heftig, aufbrausend, schwankend und maßlos in all ihrem Tun.

Die Jugend in der Moderne hat beide Modelle – das athenische und das spartanische – nachempfunden: einmal im liberal-bürgerlichen, einmal im totalitären Staat. Das Mittelalter hingegen, mit seiner bäuerlich-adligen Lebensform, kannte das Problem der Jugend nicht – weil sie von ihr selbst nichts wusste. So argumentiert der Historiker Philippe Ariès in Geschichte der Kindheit: Im Unterschied zu den Griechen, die jene Übergangsphase mit der paideia, der Erziehung, definierten, und ihr einen eigenen Bereich, geistig wie räumlich, zuwiesen, hatte das Mittelalter von der Jugend keinen Begriff.

Kinder im zarten Alter von sieben Jahren nahmen übergangslos ihren Platz an der Seite von Erwachsenen ein: kleideten sich wie sie und teilten deren Arbeit und Vergnügungen. Zwar unterlagen sie noch lange der elterlichen Gewalt, oft bis zum 30. Lebensjahr, bis sie Haus und Gewerbe übernahmen und heirateten. Aber die Jugend reifte dabei so selbstverständlich im Kreis der Älteren, wie diese verwelkten; unter einem Dach, in einem tätigen Miteinander, das jegliche Absonderung – Privatheit, Intimität und Individualität – nahezu unmöglich machte.

Erstaunlicherweise erreichte das Mittelalter eine reibungslose Anpassung der Jugend ans Bestehende; statt über Zucht und Zwang mittels einer so natürlichen wie nachlässigen Integration. Man nahm die Jugend nicht an die Hand, sondern erwartete, dass sie sich selbst zurechtfinde. Erst mit der Neuzeit, in der auch der alte Erziehungsgedanke eine Renaissance erfuhr, verschwand dieses Modell. Ariès zufolge setzte eine stetige Moralisierung der Gesellschaft ein, in deren Zuge auch die Unreife des Kinds erkannt wurde. Die Familie – bis dahin eine reine Institution zur Weitergabe von Namen und Habe – mutierte zur moralischen Anstalt: Sie bildete sich, als Kern- und Kleinfamilie, um das Kind, um dessen körperliche und geistige Bildung. Wo die Familie ihrer Aufgabe nicht nachkommen konnte, entstanden Schulen: die staatliche Institution als ein Substitut der Familie.

Was sich wie Fortschritt anhört, schildert Ariès als Katastrophe: Das vormals freie Kind wird aus der reichen Erwachsenenwelt herausgerissen und verbannt in nüchterne Lerngettos; das wiederum beschert ihm die Zuchtrute und den Karzer, Disziplinierungsmaßnahmen, die man zuvor in den Gefängnissen eingeübt hatte. Das Ergebnis aber hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Situation im alten Athen. Jugend wird erneut als Entwicklung begriffen, die der lenkenden Hand des Erwachsenen bedarf. Zugleich steht dem Jugendlichen ein neues Maß an Selbstbestimmung offen, allein schon, weil er nicht mehr in der Gemeinschaft gebunden ist. Hinzu kommt der Einfluss der Reformation, die mit ihrer Betonung der Autonomie des Gläubigen ebenfalls das Prinzip der Individualität befördert. Rousseau, der erste große Chefideologe der Jugend, gibt dem Autonomiegedanken den letzten Schliff: Der Jugendliche, sagt er, weise sich in einer zweiten Geburt seinen Platz in der Geschichte selber zu.

Das scheint die Wurzel zu sein, der seither die Auflehnung der Jugend entwächst, gleich, ob zur Zeit der Französischen Revolution, des Jungen Deutschlands, der Pariser Kommune oder des Mai 1968. Allerdings war Protest kein Privileg emanzipatorischer Bewegungen. Es wäre ein Leichtes, die Geschichte der Jugend seit dem 18. Jahrhundert als unpolitische chronique scandaleuse zu erzählen, von den rakes in London, die Passanten rempelten und Frauen beleidigten, bis hin zu den Rockern. Und natürlich gab es Jugend auch im Dienst der Konterrevolution: So sah Paris nach dem Sturz Robespierres die Jeunesse dorée durch die Straßen ziehen, jugendliche Prügelbanden »aus gutem Hause«, die Jagd auf Jakobiner machten, in die Theater eindrangen, Schauspieler zwangen, konterrevolutionäre Lieder zu singen, und die Büsten Marats umstürzten. Noch heute bezeichnet der Begriff Jeunesse dorée eine Jugend, die ihre Privilegien nicht infrage, sondern ostentativ zur Schau stellt.

In der jung gebliebenen Gesellschaft gibt es keine Jugend

Das Gemeinsame all dieser Jugendbewegungen ist, wie der Psychologe Helmut Fend feststellt, die Kritik am westlichen Rationalismus. Sie alle wenden sich gegen die von kapitalistischer Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Technik diktierte genussfeindliche Gleichschaltung. Sie alle schreien ihr Nein gegen die Zweckrationalität – und ihr Ja zu den Begriffen des Spiels, der Entgrenzung und der Ungebundenheit.

Allein die Jugend von heute passt nicht in dieses Schema – hauptsächlich, weil sich ihr kein sichtbarer Feind mehr bietet. Der Kapitalismus hat sich von der Genussfeindlichkeit verabschiedet – und ist selbst zu einem Jugendlichen geworden: Das Symbol der Marktwirtschaft ist nicht mehr der in protestantischer Enthaltsamkeit erstarrte Patriarch, sondern der 30-jährige Wall-Street-Trader, der sich mit Aktien und Optionsscheinen eine Sportwagensammlung, ein Penthouse und ein teures Drogenproblem erspielt. Das gilt auch für die Konsumentenseite: Trotz der natürlichen Konkurrenz, in der sie stehen, sind sich Ronald McDonald, das HB-Männchen und Tony, der Tiger, einig: It’s time for fun – und außerdem höchste Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Viele Erwachsene zählen »shoppen« zu ihren Hobbys. Und geshoppt wird nicht nur beim Einkaufen – auch im Rest unseres Lebens hat sich das einstige Vorrecht der Jugend, das folgenlose Ausprobieren breitgemacht: ein bisschen Yoga hier, ein bisschen Poker da. Der Historiker Johan Huizinga hat dieses Phänomen schon vor Jahrzehnten erkannt und »Puerilismus« genannt. Inzwischen ist es als permanente Pubertät epochal geworden.

Das macht es der Jugend schwer: Sie ist umringt von Junggebliebenen. So hat sie heute nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie vergisst die Idee des Protests – und beschränkt sich beim »Ausprobieren« auf Musikstile und Müslisorten. Oder sie versucht es mit einer radikal anderen Auflehnung: setzt dem Sturm und Kaufdrang rationale Strenge und Verbindlichkeit, vielleicht eine neue Form der Askese entgegen – und knüpft damit an Tugenden an, die lange Zeit das Alter adelten. Dass sich die Jugend dieser Aufgabe stellt, zeigt sich vorerst in ihrem Scheitern. Auf halbem Weg stolpert sie in die Arme eines altjüngferlichen Biedermeiers.

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Leser-Kommentare

  1. Unter lauter lebenslang jung Gebliebenen - "Puerilisierten" - habe es die Jugend von heute schwer, meint der Autor und reiht Klischee an Klischee, als sei Jugend natürlicherweise so, wie sie sich in Athen, Sparta und der neuzeitlichen Welt des Westens darbot. Tatsächlich erwies sich diese Form als kulturell bedingte Reaktion auf die zunehmende Entmündigung Heranwachsender. Ändert sich das kulturelle Klima, ändert sich auch die Jugend. Sie wächst dann ganz 'natürlich' und allmählich bruchlos in neue Lebensphasen hinein, so wie es ähnlichGoethe beschrieb: "Was du ererbt von deinen Vätern hast/Erwirb es um es zu besitzehn": Sie übernimmt, trägt weiter, verbessert und passt geänderten Verhältnissen an, was ihre Vorfahren erarbeitet.In der Shell Jugendstudie 2000, Bd.1 S. 14 ff.liest sich das so: "Von den deutschen Jugendlichen ... werden die Eltern sehr viel häufiger und deutlicher als früher als Vertrauenspersonen wahrgenommen. Sie sprechen in der Mehrzahl erheblich weniger von strenger Erziehung durch Vater und Mutter und wollen sehr viel öfter den selbst erfahrenen Erziehungsstil auch bei den eigenen Kindern fortsetzen." Dies wäre das erfreuliche Bild einer Gesellschaft, die auf der Vergangenheit aufbauend die Zukunft gestaltet - ohne jene Selbstzerfleischungskämpfe, wie sie frühere Generation für naturgegeben hielten.

  2. Bitte was? Wie war das nochmal? Der gläserne Mensch, die Erderwärmung, die Globalisierung, die Abstufung des Menschen zum Arbeitskapital, der Verlust des Sozialstaates, die Ungleichberechtigung der Geschlechter, der Verlust des Einflusses der Parteien, und und und...Keine Feindbilder? Schreiben sie doch bitte nicht so einen Käse. Unsere Zeit ist von mehr Konflikten geplagt als die der meisten Generationen davor. Worum haben den die 68er gekämpft? Freier Sex? Freie Drogen? Wir haben heute ganz andere Probleme und wissen damit wesentlich besser umzugehen. Nur weil wir gelernt haben zu reden anstatt zu brüllen bedeutet das nicht, dass sich die Jugend von heute weniger intensiv mit den Problemen beschäftigt. Und ganz nebenbei: Die Hochgejubelten 68er waren eine Randbewegung. Groß in den Medien, aber klein in den Akteuren. Batikhemd und Joint machen noch keinen 68er, ich glaub da sollten sie mal die rosa Hippiebrille abnehmen. Nicht zu vergessen, das die meisten 68er die wirklich aktiv waren heute entweder Tod sind oder sich in Ledersesseln räkeln, wärend die Welt keinen deut besser geworden ist - im Gegenteil.

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  • Von Maximilian Probst
  • Datum 1.9.2008 - 10:15 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
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  • Schlagworte Jugendlicher | Kultur | Generation | Gesellschaft
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