Soll man staunen über die Studenten, deren Berufswünsche Geld und Sicherheit heißen? Über ihren Zulauf zu skrupellosen Unternehmensberatungen, über das jugendliche Alter der Börsenspekulanten, der Hedgefondsmanager? Über angehende Künstler, die keinen Charakter, sondern nur Erfolg auf dem Markt suchen? Kaum geschlüpfte Küken mit feuchtem Federkleid und großem Schnabel, »hungrig« nennt man wohl diesen enthemmten Appetit in der Sprache der Personalberater. Die Blase der New Economy, ihr Aufblubbern und Platzen, die Vernichtung von Arbeitsplätzen an der Börse, alles das Werk einer neu eingestiegenen Generation, in der Morgenröte ihres Lebens geleistet. Die Verblödung der Künste, die primitiven Scherze der Fernsehunterhalter, die verächtlichsten und zynischen Werbesprüche, sie wurden nicht von verdorbenen Greisen, sondern von den Jungen und Jüngsten vollbracht.

Nun gut. Leichtfertigkeit und Bedenkenlosigkeit, hätte man noch vor Jahrhunderten gesagt, sind ein Zug der Jugend, sie werden vergehen. Aber wir waren es lange auch anders gewohnt. Auch Idealismus galt einmal als Zug der Jugend, das Nein zu Kompromiss, Anpassung und Geschäftemacherei. Die Generationen des Sturm und Drang, des Jungen Deutschland, lebten vom Aufbegehren gegen die Ständegesellschaft, die Herrschaft der Kirche, die ungerechten Verhältnisse. Jugend hat Revolutionen gemacht. Ihr Gerechtigkeitsempfinden konnte von Herkunft und Klasseninteressen absehen, Bürgerkinder haben für Proletarier gekämpft, Aristokraten in den französischen und russischen Aufständen des 19. Jahrhunderts.

Der Idealismus der Jugend, gewiss, er konnte missbraucht werden, die resignierte Abgeklärtheit unserer Tage verweist gerne darauf, aber man kann es auch anders sehen: Er war immerhin so stark, dass die sozialistischen Diktaturen, sofern sie nur ein Heilsversprechen machten, darauf bauen konnten. Sie versprachen, wohlgemerkt, keine Incentive-Dinners unter Palmen, sondern einen steinigen Weg zum Menschheitsglück. Und selbst noch in unserer jüngeren Vergangenheit, von 1968 bis weit hinauf in die achtziger Jahre der Hausbesetzer, Atomkraftgegner und Umweltschützer hat die Jugend sich gegen schlechte Verhältnisse empört, nicht das bessere, sondern das richtigere Leben gesucht, bizarre Übertreibungen, Kitsch und Sentimentalität gewiss eingeschlossen.

Aber heute? Manches wird von Hochschulen und Unternehmen der Jugend vorgeworfen, mangelnde Bildung, Disziplin, Durchhaltevermögen, aber niemals: Aufsässigkeit. Und wie auch? Die Praktikanten und Berufsanfänger akzeptieren bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis. Sie blicken aus Rehaugen, die sich nur manchmal melancholisch verschleiern, auf die raue Welt der Wirtschaft und Politik und scheinen den Schwur getan zu haben, so schnell wie möglich zum Haifisch zu werden, um auch dort zu überleben, wo es von Feinden wimmelt. Denn dass die Welt böse ist, die Berufswelt zumal, das halten sie für gewiss; man hat es ihnen oft genug gesagt. Die gesellschaftliche Großdebatte um Globalisierung und verschärfte Konkurrenz, um Standort und Wettbewerbsfähigkeit ist tief bis in die Psyche vorgedrungen, man könnte auch sagen, sie ist dort eingeschlagen wie ein Meteor und hat einen Krater hinterlassen, in dem alles Leichte und Hoffnungsvolle, alle Fantasie und alles Aufbegehren verschwunden sind.

Von grimmigen Vorgesetzten, Lehrern und Professoren muss die Jugend nicht mehr an die Kandare genommen werden; sie hat sich selbst schon an die Kandare gelegt. Die Autoritäten haben das autoritäre Gesicht verloren. Der erbarmungslose Leistungs- und Anpassungsdruck, den alle empfinden, hat keine persönlich haftbar zu machenden Urheber. Gegen einen Tyrannen könnte sich die Jugend vielleicht empören, nicht aber gegen die Tyrannis der eigenen Selbstdisziplinierung. Die Imperative von Knappheit und Konkurrenz müssen nicht von außen herangetragen werden; sie sind längst verinnerlicht. Junge Germanisten, die sich an Schillers, an Heines, an Brechts Ideologiekritik geschult haben, arbeiten bereitwillig und demutsvoll in PR-Abteilungen, die den Kunden und der Öffentlichkeit ein X für ein U vormachen. Junge Betriebswirte verkaufen im Außendienst Versicherungsverträge, deren Nutzlosigkeit für den Kunden ihnen offen zutage liegt. Junge Ingenieure, die den Wirkungsgrad der Energieerzeugung genau berechnen können, entwerfen Windkraftanlagen, deren Rentabilität allein auf irregeleiteten Subventionen beruht.

Man kann in dumpfes Brüten verfallen über die eingereichten Lebensläufe von Hochschulabsolventen, die tatsächlich alles enthalten, was heute gerne verlangt wird, Auslandsaufenthalte, soziale Hilfsdienste, Berufspraktika ohne Zahl, EDV- und Sprachkenntnisse. Sie enthalten nur eines nicht, können es auch gar nicht enthalten: persönliche Wege und Umwege zum Glück, denn für Selbstfindungen ist keine Zeit, nicht einmal für die winzigste in einem solch früh gestylten Lebensplan. Nur nicht bummeln! Nicht träumen, keine falschen Hoffnungen hegen. Es ist, als ob die Eltern ihre Abstiegsangst gnadenlos an die Kinder weitergereicht hätten. Schon die Berufswünsche sind von einem ernüchterten Realismus und komisch-kindlich nur dort, wo sie als Endziel plötzlich, inhaltlich seltsam unbestimmt, »Geschäftsführer« sagen. Früher, gewiss noch vor zwanzig Jahren, hätte ein Jugendlicher schon das Ältliche gescheut, das dem Begriff anhaftet, das Magenkranke, von Konkursen und verzweifelten Bilanzfälschungen Bedrohte, aber heute leuchtet daraus wohl die letzte verbliebene Utopie: auch einmal selbst Chef sein, an der Spitze jener Hackordnung stehen, die für das Leben gehalten wird.

Wer oder was, um Himmels willen, hat den jungen Leuten das darwinistische Weltbild aufgeredet? Das Überleben der Stärksten allein? Hat sich etwas, was als ökonomisches Marktprinzip Sinn ergibt, zur Universalmetapher aufgeschwungen und alles Gnädig-Humane auf den Schrotthaufen der Illusionen befördert? Denn die jungen Leute glauben ja nicht, dass die Welt gut ist, wie sie ist. Nichts wäre falscher, als ihnen nachzusagen, sie seien unkritisch. Sie glauben aber auch nicht, dass sich die Welt zum Besseren verändern ließe, den privaten Raum vielleicht ausgenommen. Man könnte von einem neuen Biedermeier sprechen, allerdings ohne die Behaglichkeit, die dabei gerne mitgedacht wird, einem Rückzug aufs intime Umfeld, das gleichwohl keinen Schutz verspricht gegen die jederzeit mitgefürchtete Katastrophe der Arbeitslosigkeit. Es ist eine Restaurationsepoche, wie sie Stendhal nach dem Ende Napoleons beschrieben hat, mit der Kälte, dem Duckmäusertum, der Heuchelei und dem Karrierismus; aber ohne vorherige Revolution. Oder sollte man tatsächlich den vorausgegangenen Ruin der sozialistischen Staatenwelt mitdenken, den politischen Bankrott der großen Gesellschaftsutopien?

Mag sein. Es wäre allerdings schwierig, die gedankliche Brücke zu finden in die unpolitische Resignation der Jugend, die gerade nicht das große Ganze, sondern das Eigene bedroht sieht. Rette sich, wer kann! Aber vielleicht liegt dem erbarmungslosen Eindruck von Unentrinnbarkeit doch der Gedanke zugrunde, dass Alternativen nicht oder nicht mehr zu haben sind. Der Wirtschaftsdarwinismus als Weltbild kann sich vielleicht nur aufdrängen, wenn eine konkurrierende Lebenswelt, wie zweifelhaft auch immer, gar nicht mehr vorhanden ist. Alternativen müssen nicht besser sein, um Trost zu spenden, allein dass es überhaupt welche gibt, ist ein Beweis gegen die Unentrinnbarkeit des Bestehenden und ein starker Anreiz, weitere und nun vielleicht wirklich bessere Alternativen zu finden.

Aber wo wären sie zu suchen? Jugend ist ja nicht nur die Summe von persönlichen Schicksalen einer Generation, es ist auch eine Kultur, ein Ensemble von Moden, Büchern, Musik und Filmen, die von Jüngeren für Jüngere gemacht werden. Dort ist aber erst recht nicht mehr von Aufbruch und Aufruhr die Rede, es geht ein großes sanftes Klagen durch die jüngere Literatur, ein Auswalzen von Familie und Familiengeschichten, und das Äußerste an Utopie, das die Musik bietet, ist die Utopie einer rauschhaften Party des Vergessens. Selbst das krankhafte Interesse, das der deutsche Film an den Schicksalen der RAF-Terroristen zeigt, ist keines an ihren verqueren Revolutionsgedanken, sondern an einem Privatheroentum, das Politik durch persönliches Martyrium ersetzt.

Eine düstere Verschwörungstheorie besagt, es gebe ein Interesse des Kapitals an der Entmutigung der Jugend und ihrer Zurichtung zu willigen Vollstreckern der Wirtschaft. Aber in Wirklichkeit ist nur schwer denkbar, dass Arbeitgeber an fantasiearmem, eingeschüchtertem und blind angepasstem Nachwuchs Vergnügen finden. Jede Unternehmung braucht ein dynamisches Prinzip; und wer sollte den Weg aus den hergebrachten Üblichkeiten finden als die Jugend, die noch gar nicht weiß, was üblich ist? Von spontaner Verwunderung, intuitivem Missfallen lässt sich mehr profitieren als von der sachkundegesättigten Bedenkenträgerei der alten Hasen.

Natürlich wird jeder, der sich noch an die siebziger Jahre erinnert, sich auch an die rituelle Aufsässigkeit, eine öde und mechanische Kultur des Infragestellens erinnern. Das Bestehende hatte, allein weil es bestand, immer schon unrecht. Andererseits ist es für das Fortkommen einer Gesellschaft im Großen oder einer Firma im Kleinen nicht unerheblich, dass es überhaupt ein Potenzial an Unruhe, an Unzufriedenheit und Auflehnung gibt.

Nur die Jugend hat Genie. Schopenhauer war von diesem Gedanken durchdrungen, er meinte aber nicht, dass Begabung an ein Lebensalter gebunden sei, sondern dass diese Begabung sich nur entfalten kann, wo die Zurichtung der Gesellschaft noch nicht eingesetzt hat, die Rücksichtnahmen auf Erwartungen und Konventionen. Was aber, wenn Jugend in diesem Sinne Schopenhauers sich gar nicht mehr entfalten kann, weil vor aller Entfaltung des Genies schon die Gesellschaft zugeschlagen hat?

Es ist leicht, zu sagen, dass eine Gesellschaft, wenn sie Zukunft haben will, sich eine solche Entmutigung der Jugend nicht leisten kann. Schwerer ist zu sagen, wen man dafür verantwortlich machen soll. Einiges deutet sogar darauf hin, dass die Möglichkeiten zu Protest und Auflehnung von der Jugend pessimistischer eingeschätzt werden als nötig. Der Erfolg von Attac, den international tätigen und gut vernetzten Globalisierungskritikern, zeigt ein anderes Bild der Jugend. Aber die Umfragen, die erst kürzlich unter Studenten oder in der Generation unter dreißig angestellt wurden, belegen doch das rapide geschwundene Interesse an Politik und Gesellschaft, überhaupt auch nur an Informationen, die sich nicht unmittelbar für den eigenen Alltag nutzen lassen. An persönlichem Erfolg, sei es im Beruf oder in der Liebe, sind alle interessiert, an Fragen der sozialen Gerechtigkeit eine schwindende Anzahl. Mit dem Vorwurf von Egoismus und Wegduckerei ist das Phänomen nicht erklärt, denn auch der Rückzug aufs Private und das »Ich zuerst« sind nur der Ausdruck einer Depression, die von der Zukunft nichts erwartet. Rette sich, wer kann! Manches spricht dafür, dass die Jugend unsere Gesellschaft zerfallen sieht und nur noch das eigene Überleben sichern will.