Körperkult Schön frei

Ein Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit: Die Autorin Christiane Zschirnt hat ein kluges Buch über Frauen und Schönheitswahn geschrieben

Dies ist ein richtig kluges Buch. Seine Klugheit ergibt sich nicht nur aus seinen Thesen, seinem Wissen, seinen Gedankengängen. Sie ergibt sich aus seiner Haltung, aus der Art, wie es Thesen und Wissen vermittelt. Diese Haltung ist eine Wohltat. Wie Urlaub von der Hysterie, die das Thema weibliche Schönheit umgibt.

Kein krachend neues Thema, fürwahr. Alle paar Wochen entsteht irgendwo eine Debatte über die krankhafte Dünnheitskultur der Modebranche. Über das sprunghafte Ansteigen von Schönheits-OPs. Über 13-jährige Mädchen, die nicht mehr aus dem Haus gehen wollen, wenn ihre Beine nicht rasiert sind. Über 43-jährige Frauen, die sich rund um den Torso Fett absaugen lassen, um in Kleidergröße 34 zu passen. Man muss nicht in Alarmstimmung sein, um das unnormal zu finden. Die Antialarmisten wiederum, die regelmäßig einwenden, Kleopatra habe nur ein anderes Körperstyling verfolgt als Victoria Beckham, aber genauso viel Arbeit darin investiert, müssen sich fragen lassen, weshalb sie einen entscheidenden kulturgeschichtlichen Unterschied ignorieren: die massenmediale Ausbreitung des Victoria-Beckham-Bildes und dessen Verwertung in der Schönheitsindustrie. Beides gab es zu Zeiten Kleopatras eben noch nicht.

Das kluge Buch der 43-jährigen Autorin Christiane Zschirnt: Wir Schönheits-Junkies (Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit; Goldmann, München 2008; 255 S., 17,95 €) zwängt der weiblichen Schönheit nicht die Unterscheidung zwischen Natur und Künstlichkeit auf. Es sagt nicht: Liebe Frauen, sobald ihr hohe, spitze Pumps tragt, seid ihr Sklavinnen des Patriarchats. Es sagt auch nicht: Wenn ihr euch die Stirn liften lasst, seid ihr ein Fall für den Psychiater. Es sagt: Können wir mal eine Denkpause einlegen, um herauszufinden, wie frei wir dabei sind? Ob wir Freiheit, Lust und Spaß gewinnen, wenn wir hier epilieren und dort liften? Oder eine vor zwei Jahrzehnten gewonnene Freiheit törichterweise aufgeben, wenn die Angst vor Falten die Angst vor der Rentenkürzung überragt? Christiane Zschirnts Essay liefert ein vernünftiges Modell weiblicher Selbstbetrachtung; zwischen Schönheitswunsch auf der einen und Schönheitsdiktat auf der anderen Seite. Ein Essay, der ohne feministische Ideologie und ohne antikapitalistische Polemik auskommt. Ein Essay im besten Sinn also, weil er mehr Fragen bewegt als Antworten diktiert.

»Ich frage mich«, schreibt die Autorin, »ob eine jener Journalistinnen, die empört über die Magermodelszene schreibt, selbst in der Lage ist, entspannt ein ganzes Stück Sahnetorte zu essen. Wenn sie es nicht tut, und ich vermute dies stark, dann haben wir kein Problem mit der Modeszene, sondern mit der Gesellschaft.« Das ist doch richtig klug, oder? Leider taugen Bücher, die aus der Haltung des »Ich frage mich« entstehen, nicht für die Einsortierung in die Schubladen der Alphamädchen- und Powerfrauen-Bücher. Leider hat Christiane Zschirnts Buch deshalb noch nicht den Erfolg, den es unbedingt verdient.

 
Leser-Kommentare
  1. Klingt nach einem interessanten Buch, allerdings finde ich es etwas einseitig, wenn nur über den weiblichen Schönheitszwang geschrieben wird, auch Männer werden immer mehr ein Opfer übertriebener optischer Forderungen.Man werfe einen Blick auf männliches Models oder Männerzeitschriften, in denen ebenfalls ein Männerbild  propagiert wird, das nicht mit der Realität zu tun hat. Als Folge nimmt Bulemie etc auch bei den Männern stark zu. Dieses Thema sollte in meinen Augen auch mehr in den Medien thematisiert werden

  2. Der Kampf gegen die Magersucht hat etwas bizarres. Sicher, Magersucht ist eine ernste Angelegenheit, die zu gesundheitlichen Schäden und manchmal auch zum Tod führt. Allerdings dürfte die Zahl der Opfer in Deutschland um Größenordnungen geringer sein, als die Zahl der Opfer Adipositas-induzierter Krankheiten (Herzinfarkt, Diabetis mellitus, Schlaganfall, hoher Cholesterinspiegel, Rücken- und Gelenkbeschwerden, von den psychischen Folgen ganz zu schweigen).Es scheint gesellschaftlich vollkommen akzeptiert zu sein, die Verbannung "Magersüchtiger" aus allen Medien zu fordern. Ich würde gerne erleben, was für ein Aufschrei durch die Nation ginge, wenn zum Beispiel Heidi Klum öffentlich fordern würde, alle Adipösen von den Magazinseiten und Fernsehschirmen zu verbannen...Um dem heutigen Schönheitsideal zu genügen, muss man nicht aussehen wie Kira Knightley, Victoria Beckham oder Arnold Schwarzenegger, das geht ohne entsprechende genetische Veranlagung auch nicht. Bei den Dreien handelt es sich meiner Meinung nach um Extreme. Normalerweise genügen eine gesunde, ausgewogene Ernährung und ein Ausdauersport (oder anstrengender Beruf). Da dies (und vieles andere) für die Durchschnittscoachpotato zu viel verlangt ist, verlagert man sich eben aufs "Magersuchtbashing". In Deutschland werden viel zu viele Schokoladentafeln und Chipstüten verkauft. Wer keinen Ausdauersport treibt und jeden Tag eine Tüte Chips plus zwei Tafeln Schokolade in sich hineinstopft braucht sich nicht zu wundern, wenn er keine sportliche Figur bekommt. Weibliche Rundungen sind völlig in Ordnung und wenn alle Männer nur nach Victoria Beckhams suchen würden, so wären wir vom Aussterben bedroht. Bierbäuche sind aber unsexy, bei Männern und auch bei Frauen...GrüßeTrench

    • Mrs. X
    • 29.08.2008 um 9:07 Uhr

    Klingt nach einem interessanten Buch. Oder nicht? Ehrlich gesagt, ich habe in dem Artikel nichts erfahren, jedenfalls nicht, was mich vom Hocker reißt und mich dieses Buch kaufen läßt. Nur eben, daß es sich um ein Buch handelt, das sich mit dem Thema "Magersucht" befaßt und dies von einer erfrischenden Frageperspektive aus. Wie hundertausend andere auch. Warum sollte ich gerade dieses Buch lesen? Ich habe den Eindruck eines Wischi-Waschi-Buches, dem selbst die Autorin des Artikels gelangweilt gegenüberstand. Noch etwas dazu:   Falsch ist, daß es Schönheitszwang und Schönheitswahn erst seit Kurzem gibt. Wenn ich lese, daß <cite>" [...]die massenmediale Ausbreitung des Victoria-Beckham-Bildes und dessen Verwertung in der Schönheitsindustrie. Beides gab es zu Zeiten Kleopatras eben noch nicht."</cite>so ist das schlichtweg falsch. Ausgebreitet haben sich z.B. Korsetts im 17. Jahrhundert, die mit Sicherheit ebenso schädlich waren wie der Hungerwahn heute. Daß sich das nur die priviligierte Schicht leisten konnte und es nur ihr erlaubt war, ändert nichts an der Popularität der Korsetts und dem Begehr desselben. Gleiches gilt für Schädeldeformierungen, die Halsringe in bestimmten Stämmen, die sogenannten "Lotos"-Füße der Chinesinnen und das tuberkulöse Schönheitsideal des 19. Jahrhunderts, und, und, und... Frauen, nein: Menschen, die sich im Namen der Schönheit zugrunde richten, ihre Gesundheit ruinieren und dafür eine Menge Geld und Zeit investieren, gab es zu allen Zeiten. Schönheitswunsch und Schönheitsdiktat gab es ebenfalls zu allen Zeiten.Es handelt sich nicht um ein rein gesellschaftliches Problem, sondern scheint ein grundlegender Antrieb der Menschheit zu sein. Welches Schönheitsideal da gerade am Start ist, das ist doch nebensächlich. 

    • Rahab
    • 29.08.2008 um 9:37 Uhr

    das ich mir schon vor vielen vielen jahren selbst geschrieben habe. will sagen: zu schreiben begonnen habe. denn letztlich stellt sich auch hier die frage, was an schönheit (welcher, wessen, für wen, wann und wielange?) natur ist oder kultur und wie wandlungsfähig - oder auch nicht - diese ist. da sieht auch Kleopatras schönheit gleich noch mal anders aus - an der übrigens zum einen die nase und zum anderen der unweibliche ehrgeiz kritisiert wurde -> nette mischung!
    und wenn ich zu viel schokolade gegessen habe, werfe ich mal ne zeitlang meinen tschador über, bis ich mich wieder wohl fühle in meiner haut...

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
  • Kommentare 4
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  • Schlagworte Literatur | Victoria Beckham | Essay | Schönheit | Hysterie | München
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