Günter GrassUnd Vater fand endlich Ruhe

Günter Grass legt den zweiten Teil seiner Autobiografie vor: »Die Box«. Er lässt seine Kinder sprechen und erzählt wenig von Andreas Maier

Ich kannte Günter Grass bislang eigentlich nicht. Vor einigen Jahren war ich zu einem literarischen Treffen in Telgte eingeladen und bekam vom Veranstalter ein Buch von Grass namens Das Treffen in Telgte geschenkt, mit eingeklebtem Autogrammblatt. Ich habe damals ein paar Seiten gelesen und war erstaunt über die archaisierende Sprache, die mir nicht glaubhaft schien. Vielleicht ein Jahr danach übernachtete ich bei einem Bekannten in Berlin, in dessen Wohnung Die Blechtrommel herumlag. Ich hatte etwa eine Viertelstunde Zeit und las den Anfang. Er schien mir kraftvoll, ich musste an Max Frischs Stiller denken. Aber dann verließ ich die Wohnung und habe Die Blechtrommel nie mehr in der Hand gehabt.

Die Box ist eine Kamera, die das Vergangene heraufbeschwört

Das dieser Tage erscheinende Buch von Grass ist also mein erstes und heißt Die Box. Damit ist ein Fotoapparat gemeint, man erkennt es auf dem Titelbild, dort ist ein Fotoapparat der Firma Agfa als Zeichnung zu sehen. Das Buch – vom Verlag als Teil der Autobiografie angekündigt – ist Maria Rama gewidmet, einer Fotografin, die Grass seit Mitte der fünfziger Jahre fotografisch begleitet hat.

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Das Buch schildert chronologisch und aus der Perspektive des Autors dessen Leben vom Kriegsende bis in die jüngste Gegenwart. Der Reihe nach werden die Lebensstationen des Autors, seine Werke, seine Lebensgefährtinnen, seine sukzessive gekauften Häuser und anderes aufgezählt. Man erfährt Gedanken des Autors, die er sich zu diesem und jenem macht, zum Beispiel zur Taufe seiner Kinder. Er hängt keiner Religion an, will aber dennoch, dass seine Kinder getauft werden, da er der Ansicht ist, das könne nicht schaden. Man erfährt Ansichten über Politik: Adenauer habe Brandt als unehelich und Emigrant diffamiert, daher half Grass Brandt als Redenschreiber. Man erfährt immer wieder, dass es bei Grass keine Fenstervorhänge gibt (»anders als bei normalen Familien«), man erfährt, dass Grass’ Schreiben (wie wir sehen werden, mit Hilfe der Kamera) Vergangenheit heraufbeschwören und diese wie auf einer Festplatte abspeichern konnte (der Autor als früher Vorläufer des Computers). Man erfährt, ebenfalls stets chronologisch, Details und Anekdoten zur Entstehung seiner bekanntesten Werke. Für Das Treffen in Telgte machte er eine Reise nach Telgte, anlässlich der Rättin besaß er eine Ratte. Man erfährt von den Beziehungskrisen, und ein gewisses Gewicht legt der Autor auf seine Kinder. Wobei es weniger um die Kinder selbst geht als darum, eine Genealogie zu erstellen. Im Verlauf des Textes bekommt man den ganzen Stammbaum vorgeführt, bis hin zum Beruf der jeweils Eingeheirateten und zur Anzahl der Enkel.

Eigentlich also erzählt der Text in einfacher Chronologie und stets aus der Perspektive des Autors (aus welcher sonst?). Hierin sehe ich den Grundtext der Box und ihre Substanz. Der einfache Grundtext (erzählerzentriert, der Reihe nach) scheint in jeder Passage durch.

Darüber legt sich nun aber ein erheblicher technischer Aufwand. Auf der Oberfläche ist Grass’ Buch nicht schlicht, sondern will ein spielerisch-intelligentes, formal gewagtes Unternehmen und vergleichsweise kompliziert sein. Der Stil des Buches ist ebenfalls nicht schlicht. Er ist zwar auch nicht schwierig, aber er will zumindest nicht in einfacher Weise erzählen. Er will verkomplizieren. Wir werden gleich den Grund dafür sehen.

Der Vater ruft seine Kinder zusammen und lässt sie plaudern

Daher noch mal von vorn, und jetzt ganz anders. Das Buch hebt – für mich erst mal überraschend – im biblisch-märchenhaften Ton an und legt sofort im ersten Abschnitt eine literarische Versuchsanordnung dar, die das Buch tragen soll. Ein Vater lädt seine Kinder ein, er ist alt (das wird als Begründung der Einladung angegeben), und die Nachkommen sollen »plaudern« (wie später klar wird: über den Vater). Die Einladung liest sich folgendermaßen: »Es war einmal ein Vater, der rief seine Söhne und Töchter zusammen.«

Man darf an den alten Jakob denken, der seine Kinder mustert (Jakob hat zwölf Kinder, der Box-Vater hat, alle Geschwister und Halbgeschwister zusammengezählt, acht). Der Vater wird von den Kindern »Väterchen« genannt. Tatsächlich fallen noch im Verlauf der ersten zwei Seiten die Wörter Linsengericht, Esau und Erstgeburt, die beiden ältesten Söhne streiten sich sogar um das Erstgeburtsrecht (der Erstgeborene darf anfangen zu plaudern). Der Vater selbst kocht das Linsengericht. Er ist also auch ein Wiedergänger Isaaks. Jakobs Nachfahren werden dermaleinst die zwölf Stämme Israels begründen. Der Name Grass fällt nicht, er wird auch im weiteren Verlauf des Textes nicht vorkommen. Da aber im späteren Text Wörter wie Hundejahre, Butt, »Fonty«, »Plebejer«, »Willy Brandt«, »Wewelsfleth« und so weiter fallen, können keine Unklarheiten aufkommen.

Die Kinder sollen den, der das alles erzählt, nicht schonen

Beim Lesen stolperte ich im zweiten Satz über einen poetologischen Aberwitz, der vollkommen beabsichtigt ist: Die Kinder sollen plaudern, »zwar ausgedacht vom Vater und nach seinen Worten, doch eigensinnig und ohne ihn, bei aller Liebe, schonen zu wollen«.

Leserkommentare
  1. Beim Lesen der Buchkritik bin ich vermutlich ebenso hin- und hergerissen wie der Autor des Artikels offensichtlich beim Lesen des neuen Grass. Auch wenn ich viele seiner angedeuteten Kritikpunkte teile, die insbesondere am Anfang durchscheinen, aus (Ehr-?)Furcht vor dem nobelpreisgeschwängerten Namen aber nicht zur letztendlichen Blüte reifen, wundere ich mich doch beim weiteren Leseverlauf sehr über die journalistische Darstellungsweise. Soll hier die Sprachkritik, wie sie an Grass geübt wird, durch eine eigene schülerhafte Ausdrucksweise metakommunikativ ausgedrückt werden? Oder vermag der Autor sich einfach nicht aus seinem Trauma der gymnasialen Aufsatzinterpretation zu lösen? Letzteres wäre für ein Blatt wie die ZEIT natürlich wenig erstrebenswert; die Tatsache, dass der Leser aber zweifelt und immer noch geneigt ist, die ganze laienhafte Rezension als Stilmittel anzuerkennen, spricht schon wieder für den Autor. Man wartet gespant auf Neues.  Die einzig richtige Pauschalisierung ist, dass alle Pauschalisierungen falsch sind.
    www.happy-hummel.de

  2. 2. *

    Was das soll, ist wohl in Maiers Büchern zu finden, z.B. im famosen "Ich". Vielleicht aber auch nicht, man weiß das ja nie so genau. Der Verzicht auf eine Position, die dann dargelegt und gehalten wird, hat jedenfalls System bei Maier, weshalb er auch ein guter Autor ist, weil er ebendas nicht tut: etwas erklären.Zum einen geht er davon aus, dass wir das ohnehin alles selber wissen (die Wahrheit ist ganz einfach, sie interessiert uns aber im Grunde gar nicht), zum anderen sagt er, dass er nur eine Sache schriftstellerisch kann: sich Menschen selber blamieren lassen. So auch hier: Grass, Maier, alle Kommentare.

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