Günter Grass Und Vater fand endlich RuheSeite 3/3

Ich denke, es wird klar, inwiefern all dem ein monoperspektivischer Text zugrunde liegt. Dass der eigentliche Erzähler mit seiner eigenen Stilphysiognomie stets anwesend ist, wird im Folgenden beim Wort »einmischen« deutlich. Es springt fast aus dem Text heraus: »Pat und ich wußten, was wirklich im Wahlkampf lief, selbst wenn wir noch nicht den Durchblick hatten für das, was für Vater Sache war und warum er nicht aufhören konnte. Reden, reden, immerzu reden. Denn das ist schon der zweite Wahlkampf gewesen, bei dem er sich eingemischt hat. Schon vier Jahre vorher, als du, Taddel, grad mal geboren warst, gings um Brandt.« Das »eingemischt« leuchtet rot aus dem Satz wie die »Espede« (SPD). Man sieht überdies das peinlich genaue Herstellen der Chronologie im vermeintlich lebendigen Gespräch der Kinder (zweiter Wahlkampf).

Der Autor hat sich in seinem Text schon lange Zeit eingerichtet

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Schließlich werden die Kinder häufig dazu herangezogen, Bestätigungsfiguren für den Vater abzugeben. Beispiel Taufe. Der Grundtext-Satz: »Ich bin zwar nicht gläubig, habe aber viele Jahre die Kirchensteuer gezahlt und wollte, dass meine Kinder getauft werden«, heißt hier: »Unser Väterchen wollte die Tauferei, auch wenn er an nichts geglaubt, doch viele Jahre lang Kirchensteuer gezahlt hat.« Reflexhaft wird dieses Konzept im Reden der Getauften bestätigt. So spricht der Vater aus den Kindern: »Hat jedenfalls nix geschadet, daß wir getauft wurden – oder?«

Auf diese Weise erzählen die Kinder sich gegenseitig, welche Gerichte der Vater gekocht hat, wie der Botschafter von China angerufen hat, wie Väterchen am Reck immer den Felgaufschwung demonstriert hat, wie »die Kritiker über ihn hergefallen« sind. Alles das ist, wenn man das Erzählte seinem Inhalt und seiner eigentlichen Form nach (Selbstaussagen eines Autors) betrachtet, nicht schonungslos, und es ist nicht eigensinnig im Sinn von: eine andere Perspektive einnehmen.

Schließlich die Box. Sie ist ein Fotoapparat, der in die Vergangenheit schauen kann, bedient von Mariechen oder »Knipsmalmariechen«. Die Box hat den Krieg überstanden, Katastrophen erlebt, kam nicht unbeschädigt davon und »tickt« seitdem nicht mehr richtig. Väterchen will, dass Mariechen für seine Bücher ständig dies und das knipst. Knipst man eine alte, zerstörte Wohnung, sieht man plötzlich, wie sie früher aussah, knipst man in Telgte, sieht man plötzlich, wie es früher in Telgte aussah.

Die Box scheint mir eine Metapher für die Fähigkeit zum »Wiederauferstehenlassen« der Vergangenheit in den Büchern des Vaters. An manchen Stellen lobt der Vater seine eigene Imaginationskraft selbst ganz explizit. In die Substanz des Erzählten greift die Box genauso wenig ein wie das formal-sprachliche Spiel des Textes. Sie ist ein schöner Einfall, der im ganzen Text durchgehalten wird und schließlich sein Namensgeber wurde.

Seinem epischen Gehalt und seiner eigentlichen Erzählperspektive nach bleibt das Buch sehr einfach. Aus dem formalen Aufwand schließe ich, dass der Autor dem einfachen Text, der zugrunde liegt, nicht traut. Warum nicht? Es ist (wie Arnold Stadler sagen würde) doch sein Leben. Mir fällt auf, dass dem Text keinerlei Suchbewegung innewohnt. Der Autor hat sich in allem, was er erzählt, offenbar schon lange Zeit eingerichtet. Ist das ein Grund für das Misstrauen? Dass die Behaglichkeit der Selbsteinrichtung nicht so sehr auffallen soll? Soll der Text deshalb eine Konnotation von eigensinnig und schonungslos bekommen?

Eine Selbstüberprüfung würde wahrscheinlich eher da beginnen, wo es einem gelingt, auf halbwegs erträgliche Weise »ich« zu sagen. Aber das ist eine Qual. Muss man sich ihr unterziehen? Darf man es nicht zugeben, wenn man sich sein Haus schon lang gebaut hat? Und die Ruhe darin, muss sie denn verdächtig sein?

 
Leser-Kommentare
  1. Beim Lesen der Buchkritik bin ich vermutlich ebenso hin- und hergerissen wie der Autor des Artikels offensichtlich beim Lesen des neuen Grass. Auch wenn ich viele seiner angedeuteten Kritikpunkte teile, die insbesondere am Anfang durchscheinen, aus (Ehr-?)Furcht vor dem nobelpreisgeschwängerten Namen aber nicht zur letztendlichen Blüte reifen, wundere ich mich doch beim weiteren Leseverlauf sehr über die journalistische Darstellungsweise. Soll hier die Sprachkritik, wie sie an Grass geübt wird, durch eine eigene schülerhafte Ausdrucksweise metakommunikativ ausgedrückt werden? Oder vermag der Autor sich einfach nicht aus seinem Trauma der gymnasialen Aufsatzinterpretation zu lösen? Letzteres wäre für ein Blatt wie die ZEIT natürlich wenig erstrebenswert; die Tatsache, dass der Leser aber zweifelt und immer noch geneigt ist, die ganze laienhafte Rezension als Stilmittel anzuerkennen, spricht schon wieder für den Autor. Man wartet gespant auf Neues.  Die einzig richtige Pauschalisierung ist, dass alle Pauschalisierungen falsch sind.
    www.happy-hummel.de

  2. 2. *

    Was das soll, ist wohl in Maiers Büchern zu finden, z.B. im famosen "Ich". Vielleicht aber auch nicht, man weiß das ja nie so genau. Der Verzicht auf eine Position, die dann dargelegt und gehalten wird, hat jedenfalls System bei Maier, weshalb er auch ein guter Autor ist, weil er ebendas nicht tut: etwas erklären.Zum einen geht er davon aus, dass wir das ohnehin alles selber wissen (die Wahrheit ist ganz einfach, sie interessiert uns aber im Grunde gar nicht), zum anderen sagt er, dass er nur eine Sache schriftstellerisch kann: sich Menschen selber blamieren lassen. So auch hier: Grass, Maier, alle Kommentare.

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