Frage: Heike fährt gern nach Italien, immer in dieses eine kleine Hotel in Florenz. Seit fast zwanzig Jahren zieht es sie dort hin. Und zwar nicht allein, sondern jeweils mit ihren verschiedenen Männern, die sie über die Jahre hinweg gehabt hat. Jetzt ist sie mit Paul zusammen. Auch ihm schlägt sie vor, gemeinsam in dieses Haus zu fahren. Aber Paul weigert sich strikt, mit ihr nach Florenz zu reisen, genau deswegen: Ich fahr doch nicht dahin, wo du mit all deinen Ex-Lovern abgestiegen bist. Paul möchte sich nicht einfach in die lange Reihe von Heikes Beziehungen einreihen lassen. Er verlangt, dass sie ein neues gemeinsames Reiseziel aussuchen. Heike ist beleidigt und verletzt. Sie wirft Paul vor, dass er nicht sehen wolle, was ihr in ihrem Leben bislang wichtig war und immer noch ist.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Paul macht einen Fehler, Heike aber auch. Es ist falsch, so zu tun, als könnte man die Vergangenheit ausblenden. Was erwartet er? Dass seine Freundin alle Männer vergisst, mit denen sie Beziehungen hatte? Oder dass sie ihn mit niemandem vergleicht? Wenn Paul jede Erinnerung an Heikes Liebhaber aus den vergangenen 20 Jahren schrecklich findet, wird er bei seiner neuen Beziehung vieles schrecklich finden. Aber auch Heike macht einen etwas zwanghaften Eindruck auf mich. Wenn sie mit Paul eine Zukunft haben möchte, sollte sie sich damit befreunden, dass er eifersüchtiger ist als seine Vorgänger. Das Beste wäre, wenn sie sich vorerst ein anderes Reiseziel aussucht und Florenz wieder vorschlägt, wenn beide ein wenig mehr Vertrauen in die Beziehung gefasst haben.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus 2007

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