Martenstein Um mit Ho Chi Minh zu sprechen...

Unser Kolumnist kann sich dem Reiz von Zitaten nicht entziehen und setzt sie im Berufsleben ein

Niemand wusste, warum genau Hansen von der Firmenleitung als Chef des Callcenters abberufen wurde, aber alle waren erleichtert. Hansen war verhasst. Intrigant, autoritär und cholerisch. Die Abschiedsfeier würde atmosphärisch schwierig werden, so viel war klar. Wer von den Mitarbeitern sollte die Rede halten? Die Wahl fiel auf Gaby Klönle, Hansens Stellvertreterin, die besonders stark unter ihm gelitten hatte und nun gute Karten besaß, seine Nachfolgerin zu werden. Gaby Klönle stand auf, alle waren gespannt.

"Lieber Bernd" – die Ratte hatte darauf bestanden, von allen geduzt zu werden –, "mit der österreichischen Autorin Marie von Ebner-Eschenbach möchte ich dir zurufen: Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen." Hansen wirkte irritiert. "Als Chef, der unsere Abteilung für die Zukunft fit machen wollte, hast du es stets mit dem Erfinder Thomas Edison gehalten, der sagte: Ratlosigkeit und Unzufriedenheit sind die ersten Vorbedingungen des Fortschritts. Gestatte mir, zum Abschied den vietnamesischen Staatsmann Ho Chi Minh zu zitieren. Ohne die Trostlosigkeit des Winters gäbe es die Pracht des Frühlings nicht."

In Hansen arbeitete es. Er erhob sich. "Was Ho Chi Minh betrifft, liebe Gaby, so möchte ich mit Peter Bamm antworten: Aus den Träumen des Frühlings wird im Herbst Marmelade gemacht. Ich halte es lieber mit den Worten der Unternehmerin Beate Uhse. Nicht die harmonische Routinearbeit bringt ein Unternehmen weiter. Ton knetend formt man Gefäße. Lao Tse. Machen Sie sich unbeliebt, dann werden Sie ernst genommen. Konrad Adenauer. Schließen möchte ich mit einem Wort des Regisseurs Woody Allen. Gott schweigt. Wenn wir jetzt bloß auch noch die Menschen dazu brächten, die Klappe zu halten."

Abteilungsleiter Sternburg wollte verhindern, dass die Situation eskalierte, und ergriff das Wort. "Ein vollkommen guter Mensch wäre für nichts zu gebrauchen. Karl Heinrich Waggerl. Wer die anderen neben sich klein macht, ist nie groß. Johann Gottfried Seume", sagte er in Gaby Klönles Richtung. "Widerwärtigkeiten sind Pillen, die man schlucken muss, nicht kauen. Lichtenberg. Von einer Kränkung kann man sich nur erholen, indem man vergibt. Alan Paton."

Nun sprang Bert Butzi auf, der Bürobote. Er hatte noch zwei Monate bis zur Rente und nichts zu verlieren. "Es regnet so stark, dass alle Schweine rein und alle Menschen dreckig werden! Lichtenberg! Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen! Lessing!"

Sternburg war verstimmt. "Als ob ein Stück von meinem Hornvieh spräche. Heinrich von Kleist", murmelte er. "Wenn man im Leben keinen Erfolg hat, Herr Butzi, braucht man sich deshalb nicht für einen Idealisten zu halten. Henry Miller." Lauter sagte er: "Die Feier ist beendet. Wenn du entdeckt hast, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab, heißt es bei den Dakota-Indianern."

Im Hinausgehen zischte Gaby Klönle zu Sternburg: "Freiheit bedeutet das Recht, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. George Orwell." Sternburg lächelte. "Der Grad der Furchtsamkeit ist ein Gradmesser der Intelligenz. Nietzsche." Klönle erbleichte.

Ich empfehle das Buch Zitate für Beruf und Karriere von Gisela Fichtl. Gisela Fichtl rät, öfter Zitate im Berufsleben einzusetzen. Wer einmal den Reiz von Zitaten entdeckt hat, kann sich ihm kaum mehr entziehen. Gisela Fichtl. Im Übrigen ist dieser gesamte Text ein Stilzitat, angelehnt an die von mir geschätzte Kolumne Wie war dein Tag, Schatz? von Georg M. Oswald in der Frankfurter Allgemeinen.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • 42317
    • 05.11.2008 um 20:32 Uhr

    Es wäre irre, Rezitatoren in einer solchen Bandbreite in einem Callcenter zu finden.
    Das hätte ich bei Wallraff mal erleben wollen. Aber leider ist der Mann so penibel realitätsnah. :-)

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