Serbien Ratko, mein Held, mein Cousin
Dreizehn Jahre nach dem Massaker von Srebrenica ist der mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladić immer noch auf der Flucht. Ein Besuch bei seinen Verwandten in Bosnien
Kalinovic - Sretko Lalović hält seine elektrische Gitarre nicht einfach in den Händen, er schließt sie in die Arme, als könnte sie auf seine Liebkosungen reagieren, dann lächelt er verlegen. Was hätte diese Gitarre für Lalović nicht alles tun können! Sie hätte ihm einen Weg aus Kalinovic, diesem Kaff mit 2000 Einwohnern, öffnen und ihn zu einem umjubelten Star machen können, einem Eric Clapton des Balkans, mindestens aber einem sehr wilden Rockmusiker, der von seiner Musik leben kann. Es lag vielleicht am mangelnden Talent Lalovićs, dass es nicht so kam, bestimmt aber lag es am Krieg, der 1991 ausbrach und Jugoslawien auseinanderriss. Lalović spielte danach kaum mehr Gitarre, er schoss mit dem Gewehr. Was sein Publikum hätte sein können, wurde zu seinem Feind. Lalović war auf dem Berg Treskavica stationiert, nicht weit vom belagerten Sarajevo.
Über die Zeit müsste man eigentlich nicht mehr reden, denn der Krieg ist seit 13 Jahren zu Ende, Bosnien ist befriedet, das Kosovo unabhängig, Serbien auf einem langen Weg in die EU. Was sollte man noch über einen Veteranen wie Lalović sprechen, noch dazu, wenn er auf der falschen Seite stand, auf der serbischen, die sich in Srebrenica des Genozids an den Bosniern schuldig gemacht hat?
Doch Geschichte vergeht nicht, und wenn dieses geflügelte Wort sich als Wahrheit entpuppt, dann hier, in der Wohnung von Sretko Lalović. »Ich bin wahrscheinlich nicht intelligent genug, um Geld zu machen!«, sagt er und meint dies einerseits als Erklärung für die bescheidenen Verhältnisse, in denen er lebt, andrerseits will er damit sagen, dass er durchaus hätte zu Geld kommen können. Denn Lalović hatte zu Zeiten des Krieges beste Verbindungen. Er legt ein Foto auf den Tisch. Es zeigt den serbischen General Ratko Mladić, mit Frau und Tochter. »Seine Mutter«, sagt Lalović, »ist die Schwester meines Vaters. Ratko ist mein Cousin!«
»Jede Generation hat Krieg geführt. Auch meine Söhne werden kämpfen«
Mladić trägt auf dem Foto die Uniform der Jugoslawischen Volksarmee, seine Frau Bosilijka lacht, seine Tochter Ana legt den Arm um ihn, sie strahlt in die Kamera. Ein offenes, schönes Gesicht, dem Leben zugewandt. Das Bild ist kurz vor Ausbruch des Krieges aufgenommen worden. Wenige Jahre später, 1994, wird sie die Dienstpistole des Vaters nehmen und sich erschießen. Sie hat, so wird es überliefert, am Tag zuvor Berichte über die Taten ihres Vaters, des Generals Mladić, in den Zeitungen gelesen und es nicht ertragen können. Ana war zum Zeitpunkt ihres Todes 23 Jahre alt.
Das schlimmste Verbrechen ihres Vaters hat Ana nicht mehr erleben müssen. 1995 stürmten Mladićs Truppen die bosnische Enklave Srebrenica. Unter den Augen der niederländischen UN-Soldaten trennten sie ungehindert die bosnischen Männer von den Frauen und Kindern, führten sie ab und richteten sie hin – bis zu 8000 wurden massakriert. Mladićs Massenmord machte Srebrenica zur Schande für die internationale Gemeinschaft und ihn zu dem inzwischen meistgesuchten Kriegsverbrecher der Welt. Sein Kumpan Radovan Karadžić, der Präsident der durch Massenmord geschaffenen Republika Srpska, wurde vor knapp einem Monat verhaftet. Solange Mladić nicht gefasst ist, wird Serbien nicht Mitglied der EU werden – darauf bestehen vor allem die Niederländer. Widerstrebend stimmten sie im Frühjahr einem Kooperations- und Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Serbien zu. Der niederländische Außenminister nannte eine Bedingung: »Die Jagd nach Mladić muss weitergehen, bis er in Den Haag ist!« Das schlechte Gewissen spielt bei der harten Haltung gewiss eine Rolle, denn Srebrenica war auch das Versagen der Niederländer.
Wer also Mladić findet, ebnet Serbien den Weg nach Europa – doch wird dann Serbien in Europa sein? Werden Männer wie Lalović in Europa ankommen? Das scheint auf den ersten Blick unerheblich, denn was bedeutet schon dieser einzelne Mensch, noch dazu einer, der im tiefen Südosten des europäischen Kontinents lebt, in einem armseligen Ort, der nichts von Wert produziert und den man in fünf Minuten durchschreiten kann, ohne dass der Blick an irgendetwas Schönem hängen bliebe. Im Angesicht des historischen Prozesses europäischer Integration sind Lalović und seine Gedanken ein Nichts. Doch lässt sich die Sache auch ganz anders betrachten, von ihrem Anfang her, der nämlich ist ganz und gar europäisch.
Ratko Mladić wurde 1942 im Dorf Božinović geboren, zwei Kilometer von Kalinovic entfernt. In Kalinovic ist er zur Schule gegangen, hier ist er durch die Straßen gefegt, ein wilder, willensstarker Junge, wie seine Biografin Ljiljana Bulatovic sagt: »Er hat immer einen eigenen Kopf gehabt. Gehört hat er auf niemanden, nur auf sich!« Um diese Beschreibung einzuordnen, muss man wissen, dass Bulatovic zu den unerschütterlichen Bewunderern des Generals gehört. Sie hat ihm zwei Bücher gewidmet, genauer: zwei Hagiografien. Eine ist während des Krieges erschienen und eine nach dem Ende des Krieges.
Ratkos Vater kam als Partisan im Kampf gegen die deutschen Besatzer ums Leben. Bosnien war zu dieser Zeit ein Protektorat des faschistischen kroatischen Ustaša-Staates, den die Nazis geschaffen hatten. Dieser Staat war ein Teil der europäischen Ordnung, wie sie die Nazis errichten wollten. Später, als Mladić zum Schlächter des Balkankrieges wurde, hat dieser frühe Verlust des Vaters durch die Hände der faschistischen Besatzer als Erklärung für seine Taten herhalten müssen, ganz so, als läge etwas Deterministisches in den Gesetzen der Geschichte – als hätte das Opfer ein Recht zu morden.
Aber wie viel der serbischen Propaganda glaubten die Serben selbst? Ist einer wie Mladić so von der Opferrolle besessen, dass er seine eigenen Taten gerechtfertigt sieht? Ein Foto, das sein Cousin im Computer gespeichert hat, zeigt Mladić, wie er zu Zeiten des Krieges in Kalinovic eine Rede hält. Er steht am Rednerpult, breit, massig und schwer. Zu beiden Seiten sind die Honoratioren von Kalinovic aufgereiht, darunter auch Tatjana Lalović, Sretkos Frau, die an diesem Tag ihren Schülerchor patriotische Lieder singen ließ. Obwohl dieses Foto mit Datum versehen ist, wirkt es seltsam zeitlos. Die Ästhetik, die Anordnung des Personals, die herrische Haltung des Redners, alles passte auch zum alten, inzwischen zerfallenen Jugoslawien oder in die vierziger Jahre, in die Zeit der Partisanen, oder in die Zeiten Österreich-Ungarns. Ein General hält eine kämpferische Rede, das unterjochte serbische Volk schaut zu ihm als Retter auf. Das ist das Muster. Als kommentiere er die Zeitlosigkeit des Bildes, sagt Lalović: »Mein Großvater hat gegen Österreich-Ungarn gekämpft, mein Vater gegen die Faschisten, und ich war Soldat im letzten Krieg. Jede Generation hat einen Krieg geführt!«
»Und die nächste Generation, Ihre beiden Söhne?«
»Die werden auch kämpfen. Ich werde sie anführen, vorneweg!«
Da schaltet sich zum ersten Mal seine Frau Tatjana ein. »Ich werde das nicht zulassen. Niemals!« Doch wirkt der Einwand schwach. Lalović wiederholt, dass auch seine beiden Söhne kämpfen werden, wenn es denn sein muss, und seine Frau schweigt diesmal. Sie fügt sich dem machistischen Gehabe ihres Mannes, und sie fügt sich der Übermacht serbischer Ideologie. Lalović wirkt wie ein Mensch, der eingekapselt ist in die Obsession vom ewigen Überlebenskampf. Am Tag seiner Rede in Kalinovic sagte Mladić zu seinen Zuhörern: »Wir sind ein kleines Volk und können uns nur auf uns selbst verlassen!« Danach sang Tatjana Lalovićs Schulchor ein trotziges Lied.
Tatjana Lalović kümmert sich um die folkloristische Seite der Nation. Im Eingangsbereich ihrer Wohnung hat sie etwas eingerichtet, was sie »Museum« nennt. Da hängen Mützen an der Wand, Wollüberhänge, dicke, weite Hosen, Gamaschen mit Lederriemen, alles Kleider, die Hirten brauchten, wenn sie über die windigen Berge im östlichen Bosnien zogen. An diesen Kleidern ist für einen Außenstehenden nichts Serbisches. Doch für Tatjana ist es durchaus der schöne Ausdruck ihrer Nation, selbst das Bügeleisen, das mit Kohle betrieben wurde, gehört dazu. Sie hebt es hoch und sagt mit einer freundlichen, leicht ehrfurchtsvollen Stimme: »Sehen Sie, schauen Sie sich das an!« Die folkloristische Anbetung eines Bügeleisens hat in Bosnien viel Blut fließen lassen.
Betrachtet man Kalinovic von der Tankstelle aus, die am Ortsausgang auf einer Anhöhe steht, fällt einem sofort seine Abgeschlossenheit ins Auge. Die Häuser sind in einer Talsenke gebaut und werden auf allen Seiten von Hügeln umgeben. Aus Kalinovic muss man buchstäblich emporsteigen, wenn man in die Welt hinauswill. In dieser Abgeschiedenheit wird unerschütterlich am Selbstbild festgehalten. Und es hat Monströses hervorgebracht, massenhaften Mord an wehrlosen Menschen. Für die Welt wird der Name Mladić immer mit dem Massaker von Srebrenica verbunden bleiben, doch für einen wie Lalović bleibt er der heldenhafte General, ohne Fehl und Tadel. Alles wird umgebogen, bis es in dieses Bild passt, auch noch der Selbstmord von Mladićs Tochter Ana. »Sie hat sich nicht umgebracht. Sie ist ermordet worden. Ratko kennt die Täter. Aber er nimmt keine Rache. Er ist nicht rachsüchtig!«
»Wir haben den Krieg verloren, ganz klar«
Die Frage ist, ob sich dieses Bild des Generals zertrümmern ließe. Das wäre der Anfang für eine mögliche Versöhnung in Bosnien und für die Serben die Befreiung von einer Obsession, die vor allem ihren Nachbarn und schließlich ihnen selbst großen Schaden zugefügt hat. Selbst Lalović hat keine Zweifel über den Ausgang des Krieges: »Wir haben ihn verloren, ganz klar.«
Als Radovan Karadžić vor dem Tribunal in Den Haag zum ersten Mal auftrat, erkannte man plötzlich den Menschen hinter der Figur. Karadžić sprach nur von sich, von einem Abkommen, das er angeblich mit dem amerikanischen Vermittler Richard Holbrooke geschlossen hatte, vom Schutz, der ihm garantiert worden sei, von den angeblich zwielichtigen Methoden, mit denen ihn die serbischen Behörden verhaftet hätten. Das wirkte erbärmlich für einen Mann, der zu Zeiten des Krieges wie einer dieser mythischen serbischen Helden über die Gräberfelder Bosniens marschierte – so selbstsicher, wie er über das Parkett der internationalen Diplomatie tänzelte. »Karadžićs Auftritt in Den Haag hat viele seiner Anhänger verstört«, sagt die prominente Belgrader Menschenrechtlerin Natascha Kandic. »Karadžić hätte sich als historischer Führer der Serben darstellen können, als Mann, der für die bosnischen Serben die Republika Srpska geschaffen hat. Das hätte sein Publikum verstanden.« Aber er hat es nicht versucht. Er entblößte sich als Quacksalber, der einst die ideale Projektionsfläche für die Sehnsüchte serbischer Nationalisten bot, für ihre Ängste genauso wie für ihre Aggressionen, für ihre Mordswut, für ihre Gier nach Macht, für ihren Traum von Größe.
»Die Muslime sind einfach gegangen. Ich weiß auch nicht, warum«
»Fanden Sie den Auftritt von Karadžić nicht seltsam? Er sprach nur von sich, nicht vom serbischen Volk.«
»Er ist eben ein Politiker«, gibt Lalović zurück, »Ratko aber ist ein General!«
»Und wo ist der Unterschied?«
»Ratko ist Offizier, er ist ehrlich, nicht verschlagen!«
Ein Offizier! Kaum ist dieses Wort in der Küche der Lalovićs gefallen, füllt es den ganzen Raum aus. Dick und fett sitzt es da, bereit, jeden zu erdrücken, der Widerspruch wagt. Auch Mladićs Biografin Ljiljana Bulatovic wiederholt dieses Wort immer wieder, um Mladić zu verteidigen: »Offizier, er ist ein Offizier!« Das allein sollte die Garantie für seine Unschuld sein, so als könnte ein Mann nicht morden, nicht lügen und betrügen, nur weil er eine Uniform trägt.
»Ein Offizier versteckt sich doch nicht vor seinen Gegnern. Warum stellt sich Mladić nicht dem Tribunal in Den Haag?«
Bei dieser Frage geht ein kleines Zittern über das Gesicht von Lalović, als hätte man ihn an einer empfindlichen Stelle getroffen.
»Wenn er glaubte, es sei ein fairer Prozess, dann würde er sich stellen. Aber er lässt sich nicht vorführen!«
Vermutlich ist es nicht möglich, den hasserfüllten Kokon, der Mladić umgibt, zu durchstoßen, nicht im Haus seines Verwandten, nicht in dieser Gemeinde, in deren Einzugsgebiet vor dem Krieg mehrere Hundert muslimische Bosnier lebten, die allesamt verschwunden sind. Ja, verschwunden, einfach so. »Sie sind eines Tages gegangen, ich weiß auch nicht, warum«, sagt Lalović. »Keiner hat ihnen was getan!«
Vielleicht kann eine Keule diese Panzer durchschlagen, vielleicht wirkt Srebrenica ernüchternd, das größte Verbrechen des Krieges. »Srebrenica? Die Muslime haben ihre Toten woanders ausgegraben und sie dort hingelegt. So ist das, niemals sind so viele Menschen dort umgekommen!« Die Lalovićs sind ein freundliches Ehepaar, in ihrer Küche riecht es angenehm nach Essen und ein wenig auch nach Nikotin. Auf einer Anrichte stehen Nachbildungen serbischer Klöster, Kreuze sind wohlbedacht auf Schränken verteilt. »Diese Geschichte von vergewaltigten Bosnierinnen«, sagt Lalović, »ich weiß von einer, die hat ihr Kind entbunden. Und was war es? Ein schwarzes Kind!« Nein, nichts durchdringt die Mauern dieses Hauses.
- Datum 28.12.2008 - 18:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
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Meine sehr geehrten Damen und Herren.
Es ist wohl die Anthropologie, oder wie sollte man das Unfassbare Verstehen? Systematische organisierte Menschliche Vernichtung, Völkermord, aus fester Überzeugung. In Deutschland (1935) obwohl Zivilisation, Bildung, Kultur, Schiller, Heine, Goethe, bekannt war, war das Volk fasziniert, Instrumentavisiert, überzeugt und beeindruckt von Nazi Deutschland Adolf Hitler. (...)
Parallelen sind deutlich zu Realisieren in ex Jugoslawien. Ein sehr großer Teil der heutigen Bevölkerung ist vom Systematischen Völkermord, Verbrechen an die Menschlichkeit ohne Scham und Reue überzeugt und Schützt seine Täter.
Die Meisten Menschen haben kein Urteilsvermögen und kein Rechtsgefühl, und sind wohl immer in der Lage, wenn man sie nur lässt, dass Unfassbare wie den Holocaust zu Wiederholen.
Lex Salica
Freiherr Antonio von SALIS
Wer kann es sich schon leisten, seine Identität zu verlieren? Sich einzugestehen, dass alles, was man jemals getan, geglaubt und geliebt hat falsch war, muss enorm existenzbedrohend sein. Als Außenstehender ist es leicht: "Wie kann dieser Mensch nur so unvernünftig sein!" Er ist es mitnichten, vielleicht würde er zu seiner alten Dienstwaffe greifen, ließe er Zweifel aufkommen. So gesehen ist es konsequent, an dem konstruierten Bild seines Cousins festzuhalten.Was ich mich frage ist, warum Herr Lalović überhaupt besucht worden ist? Welcher Erkenntnisgewinn wurde erzielt? War seine Reaktion nicht zu erwarten?Wenn Mohamed Al Fayed selbst beschliesst, sich öffentlich zum Deppen zu machen (von Leid und Schmerz getrieben) und die Medien ihre Freude daran haben, ist das zumindest bedauernswert. Wenn der Verwandte eines gesuchten Kriegsverbrechers besucht wird (immerhin einige Kilometer entfernt), nur damit wieder mal an seinen Cousin erinnert werden kann, ist das erbärmlich.Es sei denn, die Erkenntnis ist, dass Herr Lalović für eine ganze Generation/ein ganzes Land oder was auch immer steht. Ich sehe aber solche Anhaltspunkte nicht. Ich habe das ein oder andere mal das zweifelhafte Vergnügen gehabt, mit Zeitzeugen aus der NS-Zeit zu sprechen. Ich habe schnell gelernt, dass Überzeugen und Argumentieren zwecklos sind. Auch in Deutschland exisitert noch altes Gedankengut, aber es wäre doch ein wenig vermessen, dies auf die ganze Bevölkerung zu übertragen. Die Zeit soll sich mal keine Sorgen machen um die Anhänger dieses Verbrechers. Die Zeit wird sich darum kümmern. Es kann nur eben zwei bis drei Generationen dauern."Mladić, die sinistre Attraktion."
Dieser Artikel schildert ein sehr deutliches Beispiel für die Folgen des Glaubens an das eigene simple Weltbild und der daraus folgenden selektiven Wahrnehmung. Im Extrem wird nur eine Dimension mit zwei Ausprägungen wahrgenommen: gut und böse, wir und die oder Serbe und Nicht-Serbe – wie in diesem Fall. Das ist einfach und ohne geistige Anstrengung zu verstehen. Die Realität wird geleugnet, alles als irrelevant empfunden, was die Dimensionen verlässt mit denen man urteilt. Letztlich landet man im besagten Tal – dem eigenen realitätsfremden Weltbild, aus dem man erst mit viel Mühe heraussteigen müsste.Dieser Artikel kann nützlich sein, aufklärerisch wirken indem sehr er deutlich und sehr verständlich die Folgen der Ignoranz gegenüber Fakten zeigt, die nicht in das eigene Weltbild passen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dass Phänomen der selektiven Wahrnehmung jeden betrifft. Das Tal in dem sich Herr Lalović befindet ist sehr eng. Das Tal in dem wir anderen uns befinfen ist deutlich weiter. Das sollten wir wissen auch wenn wir niemals gänzlich verlassen werden. Wir können und sollten lediglich versuchen möglichst weit zu kommen. Diesen Versuch untrernimmt der Autor nicht konsequent genug: Das deutlichste Zeichen ist die Behauptung Herr Lalović habe auf „der falschen Seite“ gekämpft, der „serbischen“. Diese Behauptung ist das Produkt der im Westen, v.a. aber in Deutschland verbreiteten Bildes, die Serben hätten schwächere Gründe dafür gehabt an dem Krieg teilzunehmen, dass ihr Kapf generell nicht zu rechtfertigen sei. Das ist das Tal in dem sich große Teile der deutschen „großen“ Medien kuscheln, ohne Anzeichen ernsthafter Versuche dieses zu Verlassen.So kurz wie nur möglich: Aus dem multietnischem und sehr komplexem Gebilde Jugoslawien sollten nach dem Wunsch des letztlich erfolgreichen Teils der Bevölkerung und mit Unterstützung des Westens (voran Deutschlands) kleinere Nationalstaaten gebildet werden. Dazu wählte man Grenzen, die nicht den tatsächlichen Verteilung der neuen Nationen (ehemal Ethnien) entsprachen. Wenn man aber Nationalstaaten haben möchte (der Staat Kroatien z.B. ist aufgebaut wie ein Nationalstaat, z.B. Deutschland), kann man diese nicht einfach über multiethniche (multinationale) Gebiete stülpen. Das haben die Menschen vor Ort (v.a. in Kroatien, Bosnien und in der Herzegowina) verstanden. Und in den Krieg gezogen. Ich gebe deshalb Deutschland wegen seiner sofortigen Anerkennung des Nationalstaates Kroatien große Mitverantwortung an der späteren Entwicklung in Bosnien und der Herzegowina.
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