Kommunikation »Entscheidend ist, wer was versteht«

Der Wissenschaftler Friedrich Krotz hält moderne Technik für überschätzt - und die Angst vor neuen Kommunikationsformen für historisch falsch. Ein Gespräch

DIE ZEIT: Wir tauschen uns mehr und mehr über E-Mails, SMS und in Chats aus. Verarmt unsere Kommunikation?

Friedrich Krotz: Natürlich benutzen wir im Internet oder am Telefon nur einen Teil der Wahrnehmungskanäle, die uns in einem persönlichen Gespräch zur Verfügung stehen. Aber das hat je nach Ziel manchmal auch Vorteile: Erstens will man ja oft gar nicht alles vom anderen mitbekommen. Denken Sie nur an die berühmte Angst vor dem Bildtelefon: Das benutzt kaum einer, weil die Bildübertragung häufig eher stört, zum Beispiel wenn man in der Badewanne telefoniert. Zweitens ist es viel einfacher, eine mediatisierte Unterhaltung kurz zu halten. Und das ist oft notwendig, weil wir immer mehr kommunizieren und wir das zeitlich und räumlich organisieren müssen.

ZEIT: Das heißt, die neuen Medien geben uns mehr Freiheit?

Krotz: Genau. Die Schreckensbild, neue Kommunikationsmittel seien unser Untergang, weil sie alte verdrängen, ist historisch falsch. Die Wahrheit ist, wir leben in immer komplexeren Medienumgebungen und wir lernen, uns über eine wachsende Zahl von Kanälen auszutauschen und je nach Situation den passenden auszuwählen. Sogar Steinplatten werden ja heute noch zum Kommunizieren verwendet – als Grabsteine oder Denkmäler.

ZEIT: Wie hat der technische Wandel unsere Art zu kommunizieren verändert?

Krotz: Die Technik wird überschätzt. Neue Medien wie das Internet verändern uns nicht per se – sie sind Angebote mit Chancen und Risiken. Es kommt immer darauf an, wie wir diese nutzen. Und das hängt nicht von den Medien selbst ab, sondern von den sozialen und kulturellen Lebensbedingungen. Nehmen Sie Marshall McLuhan – der hat vorhergesagt, das Fernsehen werde die Welt zum Guten verändern. Wir Europäer könnten zum Beispiel sehen, wie die Menschen in Entwicklungsländern verhungern, wir würden uns daher mehr engagieren. Heute wissen wir, dass das falsch war.

ZEIT: Welche Irrtümer gab es sonst in der Kommunikationswissenschaft?

Krotz: Der größte war wohl, dass wir Kommunikation lange als Informationstransport betrachtet haben. Die Standardfrage war: Wer sagt was zu wem über welchen Kanal? Dieses Modell ist zu schlicht. Es zielt auf beobachtbare Sachverhalte, das Entscheidende in der Kommunikation sind aber die Prozesse, die in uns ablaufen. Es kommt nicht so sehr darauf an, wer was sagt, sondern wer was versteht.

ZEIT: Was war der wichtigste Fortschritt der vergangenen Jahre?

Krotz: Dass sich rezipientenbezogene Modelle verfestigt haben. Forscher fragen jetzt nicht mehr nur: Was machen Fernsehsender, Zeitungen oder Kommunikatoren im Allgemeinen? Sie fragen auch: Was kommt eigentlich bei den Menschen an, wie verstehen sie es. Den Verständnisprozess stellt man sich heute so vor: Ein Rezipient bringt den Text, der er hört oder liest, mit seinen subjektiven Wissens- und Erfahrungskontexten zusammen – daraus entsteht dann seine Interpretation und alles, was daraus wird

ZEIT: Und was erhoffen Sie sich für die kommenden Jahre?

Krotz: Die große Herausforderung ist, dass sich unser Gegenstand rasant verbreitert. Die interkulturelle Kommunikation, der Wandel der politischen Kommunikation, die Überzeugungskommunikation der Public Relations, die an immer unterschiedlichere Medien und Zwecke geknüpften Kommunikationsformen – das alles sind Bereiche, die hinzugekommen sind. Die Kommunikationswissenschaft wächst aus ihrer Nische heraus. Wir Forscher sammeln Daten, entwickeln neue Modelle und Paradigmen, aber bislang gibt es

noch keine umfassende Theorie, die die vielen einzelnen Phänomene zusammenführt und den Wandel in unserem Kommunikationsverhalten erklärt.

ZEIT: Wie hat sich das verändert?

Krotz: Mit dem Wandel der Kommunikationsmedien entstehen dauernd neue Regeln. Ein

klassisches Beispiel ist die Glaubwürdigkeit. Früher galt als glaubwürdig, wer direkt in die Kamera schaut. Dann kamen die Teleprompter und plötzlich schauten alle in die Kamera. Das haben die Zuschauer natürlich mitbekommen und nehmen das heute eher als unglaubwürdig wahr.

ZEIT: Was glauben Sie, ohne es beweisen zu können?

Krotz: Bislang war Kommunikation für die Menschheit zweifellos vorteilhaft. Nur durch Kommunizieren war es möglich, die Gesellschaft so  komplex zu organisieren, zum Beispiel die Technik so weit zu entwickeln oder die Demokratie zu entwerfen. Viele postmoderne Philosophen und Medientheoretiker gehen allerdings davon aus, dass die Entwicklung irgendwann umschlägt und Kommunikation das Potenzial hat, die Menschheit zu vernichten. Ich bin überzeugt, dass das nicht so ist. Beweisen kann ich es aber nicht.

 
Leser-Kommentare
    • TDU
    • 01.09.2008 um 11:15 Uhr

    Vremutlich war der Übergang von der Kommunikation durch Rauchzeichen zu anderen Formen genauso einschneidend, wie Handy und Internet. Es hat nur keiner analysiert oder Analysen sind nicht überliefert. Vielleicht war der  der Übergang auch einfach ein Fortschritt, der als selbstverständlich genommen wurde.
    In Deutschland tut man sich mit allem technischen Wandel immer schwer. Und gerade die Übermittlung von Sprache auf medialem Weg hat ja, wie das dritte Reich zeigt, durchaus vergläubigende Wirkung. Um so mehr offenbart sich der Vorteil der heutigen Medienvielfalt. Zumindest in den Ländern mit langdauernder differenzierter Medienkultur ist eine mediale Gleichschaltung erheblich schwerer, wenn nicht unmöglich geworden. Was daraus in der Zukunft wird, z. B. ob sich die Vielfalt als Chimäre darstellt, kann ich dem Autor nur beipflichten. Man kann es nicht wissen.  
     
     
     

  1. Wenn man in die Geschichte zurückblickt, sieht man Kommunikation als Privileg der Herrschenden: Die berittenen Boten, die optische Telegrafie über Nachrichtentürme. Vom "singenden Draht" bis zum "Kollektiv Bewussten" des Internet hat sich der technische Teil von Kommunikation frei gemacht davon, Herrschaftseigentum und Herrschaftsmittel zu sein. Das ist das wesentliche Verdienst.Wenn man sich vor Augen führt, dass 80% aller Medien, ob Print, Radio, TV oder Wasauchimmer, in den Händen von 6 globalen Konzernen liegen, weiss man klar, dass das Netz noch der einzigen Hort der Freiheit ist. Alles andere ist Propaganda für das herrschende System.Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

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    • Anonym
    • 01.09.2008 um 17:33 Uhr

    Kommunkation ist ein Machtinstrument, deshalb gab und gibt es Bestrebungen die Kontrolle mittels Zentralisierung zu  gewinnen, jeder neue technische Aufbruch ist begleitet vom Entkommen dieser kontrolle und den Bestrebungen diese wieder herzustellen. Zuletzt haben wir das unter aktiver Mitthilfe des Staates bei Radio und Fernsehen erlebt.Die Gegenbewegung, der Versuch Außenstehender sich Stimme und Gehör zu verschaffen, ist teilweise oder vielleicht sogar vollständig für die Ausbreitung und vielleicht sogar Erfindung der neuen Medien verantwortlich, aber nicht nur heute sondern auch in der Vergangenheit..Aber der Versuch auch diese Medien wieder einzufangen oder aber die nicht authorisierten Stimmen ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben ist längst auch hier im Gange. Berthold Grabe  

    • Yucon
    • 02.09.2008 um 19:34 Uhr

    "Wenn man sich vor Augen führt, dass 80% aller Medien, ob Print, Radio,
    TV oder Wasauchimmer, in den Händen von 6 globalen Konzernen liegen,
    weiss man klar, dass das Netz noch der einzigen Hort der Freiheit ist.
    Alles andere ist Propaganda für das herrschende System."Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen.Umso bedrohlicher ist der Gedanke, dass das Internet eines Tages nicht mehr da sein könnte ...so wie zb. von den USA bereits das GPS im Bedarfsfall (sprich: Krieg) ausgeschaltet wurde.Man könnte das Internet damit quasi als Frühwarnsystem ansehen ... wenn es weg ist, wird es Zeit seinen Karabiner aus dem Keller zu holen.

    • Anonym
    • 01.09.2008 um 17:33 Uhr

    Kommunkation ist ein Machtinstrument, deshalb gab und gibt es Bestrebungen die Kontrolle mittels Zentralisierung zu  gewinnen, jeder neue technische Aufbruch ist begleitet vom Entkommen dieser kontrolle und den Bestrebungen diese wieder herzustellen. Zuletzt haben wir das unter aktiver Mitthilfe des Staates bei Radio und Fernsehen erlebt.Die Gegenbewegung, der Versuch Außenstehender sich Stimme und Gehör zu verschaffen, ist teilweise oder vielleicht sogar vollständig für die Ausbreitung und vielleicht sogar Erfindung der neuen Medien verantwortlich, aber nicht nur heute sondern auch in der Vergangenheit..Aber der Versuch auch diese Medien wieder einzufangen oder aber die nicht authorisierten Stimmen ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben ist längst auch hier im Gange. Berthold Grabe  

    • Yucon
    • 02.09.2008 um 19:34 Uhr

    "Wenn man sich vor Augen führt, dass 80% aller Medien, ob Print, Radio,
    TV oder Wasauchimmer, in den Händen von 6 globalen Konzernen liegen,
    weiss man klar, dass das Netz noch der einzigen Hort der Freiheit ist.
    Alles andere ist Propaganda für das herrschende System."Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen.Umso bedrohlicher ist der Gedanke, dass das Internet eines Tages nicht mehr da sein könnte ...so wie zb. von den USA bereits das GPS im Bedarfsfall (sprich: Krieg) ausgeschaltet wurde.Man könnte das Internet damit quasi als Frühwarnsystem ansehen ... wenn es weg ist, wird es Zeit seinen Karabiner aus dem Keller zu holen.

    • Anonym
    • 01.09.2008 um 17:33 Uhr

    Kommunkation ist ein Machtinstrument, deshalb gab und gibt es Bestrebungen die Kontrolle mittels Zentralisierung zu  gewinnen, jeder neue technische Aufbruch ist begleitet vom Entkommen dieser kontrolle und den Bestrebungen diese wieder herzustellen. Zuletzt haben wir das unter aktiver Mitthilfe des Staates bei Radio und Fernsehen erlebt.Die Gegenbewegung, der Versuch Außenstehender sich Stimme und Gehör zu verschaffen, ist teilweise oder vielleicht sogar vollständig für die Ausbreitung und vielleicht sogar Erfindung der neuen Medien verantwortlich, aber nicht nur heute sondern auch in der Vergangenheit..Aber der Versuch auch diese Medien wieder einzufangen oder aber die nicht authorisierten Stimmen ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben ist längst auch hier im Gange. Berthold Grabe  

    • Anonym
    • 02.09.2008 um 7:23 Uhr

    Interessantes Interview - Antwort auf Krotz Schlussatz:Krotz: "Beweisen kann ich es aber nicht." - da hat Krotz Recht, wie die Chose am Ende ausgeht, wird sich leider nur erweisen. 

    • Yucon
    • 02.09.2008 um 19:34 Uhr

    "Wenn man sich vor Augen führt, dass 80% aller Medien, ob Print, Radio,
    TV oder Wasauchimmer, in den Händen von 6 globalen Konzernen liegen,
    weiss man klar, dass das Netz noch der einzigen Hort der Freiheit ist.
    Alles andere ist Propaganda für das herrschende System."Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen.Umso bedrohlicher ist der Gedanke, dass das Internet eines Tages nicht mehr da sein könnte ...so wie zb. von den USA bereits das GPS im Bedarfsfall (sprich: Krieg) ausgeschaltet wurde.Man könnte das Internet damit quasi als Frühwarnsystem ansehen ... wenn es weg ist, wird es Zeit seinen Karabiner aus dem Keller zu holen.

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  • Serie Bildungskanon
  • Quelle DIE ZEIT, 28.08.2008 Nr. 36
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