DIE ZEIT: Stimmt es wirklich, dass der Vizepräsident des Senders NBC schon mal am frühen Morgen anruft und Ihren Rat erbittet?

Eric Lander: Das ist nur einmal vorgekommen. Er fragte, ob ich ihm ein Angebot für die Fernsehrechte an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul ausarbeiten könne.

ZEIT: Acht Jahre zuvor hatte der Sender Millionen für die Rechte an den Spielen von Moskau gezahlt, und dann boykottierten die USA die Olympiade.

Lander: Die waren echt besorgt, denn es war noch schlimmer gewesen, glaube ich: In Moskau hatten sie die Rechte gar nicht erst bekommen, weil sie zu wenig geboten hatten. Nun wollten sie Seoul, aber natürlich wollten sie nicht zu viel bezahlen.

ZEIT: Wieso kam NBC ausgerechnet auf Sie?

Lander: Damals unterrichtete ich in einem Kurs die Mathematik des Feilschens. Ich habe dann ein Angebot vorgeschlagen, das gar keinen festen Preis enthielt, sondern einen, dessen Höhe sich am Profit des Senders durch die Berichterstattung orientierte. Soweit ich weiß, hatten sie damit Erfolg.

ZEIT: Sie gelten als Mathematikgenie. Was trieb Sie eigentlich zur Biologie?

Lander: Mathematik ist fantastisch, ich liebe dieses Fach. Aber es ist auch arg mönchisch. Ich bin eher ein weltlicher Mensch. Mein Wechsel zur Biologie war auch ein wenig Zufall. Damals schrieb ich eine Doktorarbeit über Informationstheorie. Mein Bruder, ein Neurobiologe, erzählte mir, dass es in seinem Fach viele Probleme der Informationstheorie gebe. Ganz naiv habe ich etwas Neurobiologie gelernt, aber dazu benötigte ich Kenntnisse in Zellbiologie, dafür wiederum Molekularbiologie. Um die zu verstehen, braucht man Genetik. Und hier bin ich und lerne Genetik, noch immer.

ZEIT: Also haben Sie noch mal Uni-Kurse belegt?

Lander: Nein, ich habe Vorträge angehört und mit Forschern geredet, bis ich in ihren Labors mitarbeiten durfte. Man könnte sagen, ich habe Biologie auf den Straßen von Cambridge gelernt…

ZEIT: …wo man an jeder Kreuzung einen Nobelpreisträger trifft.

Lander: Also, da müssen Sie sich auch in Cambridge schon besonders gute Kreuzungen aussuchen.

ZEIT: Als Sie und Ihre Kollegen 2001 das menschliche Genom entziffert hatten, glaubte man bereits, die Antwort auf viele medizinische Fragen in den Händen zu halten. Bill Clintons Wort…

Lander: …ach ja: »Wir lesen im Buch des Lebens.« Ziemlich pathetisch, finden Sie nicht? In Wahrheit hatten wir jede Menge Probleme damit.

ZEIT: Und heute? Was wissen wir über das Genom?

Lander: Natürlich viel zu wenig. Wir wissen, dass die Abfolge der DNA-Bausteine in mindestens fünf Prozent unseres Genoms über 100 Millionen Jahren Evolution fast unverändert blieb. Das erfordert den Tod von Individuen. Unsere Vorfahren starben für die Erhaltung dieser Teile im Erbgut. So etwas passiert nur, wenn darin sehr wichtige Funktionen verschlüsselt sind. Doch nur ein Drittel davon, also 1,4 Prozent des Gesamtgenoms, ist für die Codierung der Proteine zuständig. Der Rest dieser fünf Prozent dient der Steuerung des Genoms.