Hätten sie Lotte damals bloß die größere Gemeindewohnung gegeben. Und nicht den Ausländern. Dann wäre die Welt der Wienerin heute noch sozirot. Sie würde weiterhin den Erdäpfelsalat für das Sektionsfest mischen, hinter dem Rücken ihres früheren Arbeitgebers, bei dem sie damals als Kantinenleiterin beschäftigt war. Alles nur für die Partei. »Das ist lange vorbei«, sagt die 50-Jährige ein wenig nostalgisch und betrachtet ihre manikürten Fingernägel mit dem roten Glitzernagellack. Sie lehnt hinter dem Tresen des Cafés zum Straßenbahner, das sie vor vier Jahren eröffnet hat. »Wir sind hier alle mittlerweile bläulich«, erzählt sie und grinst in die Runde ihrer Stammgäste. Die Männer und Frauen gehören zur Generation Frühpension. Das Café ist ihr zweites Wohnzimmer, in dem sie es sich schon am Vormittag gemütlich machen und Bier trinken. Das Lokal auf der Laxenburger Straße im 10. Bezirk in Wien wirkt wie eine österreichische Enklave, die eingekreist ist von Kebab-Buden und orientalischen Kulturvereinen.

Bei der SPÖ hat Lotte 20 Jahre lang mitgearbeitet. Kein Sektionsfest ließ sie, das treue Parteimitglied, aus. Dann passierte die Sache mit der Gemeindewohnung. Um ein Kabinett zu groß für Lotte und ihren Ehemann soll das Wunschzuhause gewesen sein. Bekommen hätten es schließlich irgendwelche »Jugos« oder »Türken«, so genau weiß sie das nicht. Eine Großfamilie sei es gewesen. Auf jeden Fall eine von jenen, wo einer arbeite und der Rest sich auf Kosten der Österreicher gesund pflegen lasse. »Die Roten schaffen einen richtigen Volkshass«, sagt Lotte. Sie kontrolliert, ob ihre schwarze, hochtoupierte Haarpracht noch richtig sitzt. Heute verbindet Lotte nichts mehr mit der Partei. Seit 15 Jahren wählt sie regelmäßig FPÖ. Aus Protest.

Rund ein Drittel aller Wahlberechtigten würden am 28. September ihre Stimme einer Partei geben, nur um einer anderen einen Denkzettel zu verpassen, rechnen die Meinungsforscher. In der Regel trifft der Volkszorn eine der beiden Großparteien. Knapp zwei Millionen Wähler, die nur darauf aus sind, ihnen oder auch dem gesamten System, das sie in ihren Augen symbolisieren, eins auszuwischen. Ein Albtraum für SPÖ und ÖVP. Sie haben Angst vor dem großen Déjà-vu. 1999 verloren die Großkoalitionäre insgesamt 314000 Stimmen an die FPÖ. Jeder zehnte SPÖ- und ÖVP-Wähler hatte sich verabschiedet. In den folgenden Nationalratswahlen wanderten diese Protestwähler weiter. 2002 in Massen zur ÖVP, 2006 zu den Nichtwählern. Damals war die Wahlbeteiligung mit knapp 78 Prozent auf einen historischen Tiefstand gesunken. Im Herbst werde es wieder eine Denkzettelwahl werden, prognostizieren Politologen.

Wer tatsächlich zu kurz kommt, zählt eher zur treuen Stammwählerschaft

Protestwähler sind unberechenbar. Die Parteien können sie nicht einmal identifizieren. Studien gibt es keine. Niemand weiß genau, ob sie mehrheitlich weiblich oder männlich, alt oder jung, gebildet oder Pflichtschulabgänger sind. Es könnte jeder sein. Die Jungakademikerin, die sich nirgendwo vertreten fühlt und am liebsten ungültig wählen möchte, sowie der Fleischhauer, der jeden Abend in seinem Stammbeisl auf die Partei schimpft, die schon seine Großeltern gewählt haben und der er jetzt den Rücken kehren wird, weil alles teurer, schmutziger und krimineller geworden sei.

»Der Protestwähler ist nicht nur der Modernisierungsverlierer. Das ist ein Vorurteil der Bildungselite«, meint Christoph Hofinger, Chef des Meinungsforschungsinstituts Sora. Vor allem die Mittelschicht neige aus Angst, ihren Wohlstand zu verlieren, zu Wahlexperimenten. Jene, die tatsächlich zu kurz kämen, blieben eher noch den etablierten Parteien treu. »In den vergangenen 20 Jahren ist es normal geworden, gelegentlich eine Proteststimme abzugeben. Das war früher anders«, sagt Hofinger. Während sich in den siebziger Jahren noch 65 Prozent als Stammwähler bezeichneten, sind es heute nur mehr knapp 25 Prozent. Der Arbeiter im Blaumann und der Banker in Anzug und Krawatte sind längst nicht mehr eindeutig in einem Lager zu verorten.

Seit einem Vierteljahrhundert müssen die Großparteien um ihre Klientel bangen. Mit dem Erstarken der Freiheitlichen unter Jörg Haider und dem Aufkommen der Grünen nach der Besetzung der Hainburger Au entstand auch der Typus des Protestwählers, der mit dem verstaubten Proporzsystem nichts mehr zu tun haben wollte. Seither bestimmt er den Wahlkampf. Die aktuellen Wahlplakate zeigen, wie sehr sich auch die Koalitionsparteien den Protestwählern anzubiedern versuchen. »Die etablierten Parteien kopieren Protestelemente. Die Grenzen zwischen Protest- und Regierungsparteien verschwimmen«, sagt Hofinger. Der ÖVP-Slogan »Es reicht!« ebenso wie jener der SPÖ »Genug gestritten« klingen beide nicht unbedingt, als ob diese Parteien in den vergangenen zwei Jahre eine Regierung gebildet hätten. Etwas anderes bleibe ihnen auch nicht übrig, wenn sie ein Fiasko wie jenes von 1999 vermeiden wollten, meint Josef Kalina, ehemals Geschäftsführer und Wahlkampfleiter der SPÖ. »Faymann muss den Protest auffangen. Mit dem Slogan Die neue Wahl versucht er den Leuten klarzumachen, dass sich die SPÖ unter ihm verändert hat, und appelliert, ihn nicht für die gebrochenen Wahlversprechen von Gusenbauer abzustrafen.«