Russland "Nie waren wir so einflussreich"

Endlich auf einer Höhe mit Amerika: Das politische Weltbild Russlands nach dem Sieg im Kaukasus-Krieg

Die Welt blickt auf Russland, das seine Panzer über den Kaukasus geschickt hat, tief ins georgische Kernland hinein. Doch auch Russland hat seine Sicht auf die Welt. Präsident Dmitrij Medwedjew zeigte auf das amerikanische Raketenabwehrsystem, er prangerte die westliche Anerkennung des Kosovos an – an jenem Tag, als er die Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens von Georgien beglaubigte.

Der Westen warnt: Russland isoliere sich, es zerstöre mit den Panzerfahrten auf Georgiens zerfleddertem Territorium weltweit Vertrauen, es hebele mit der Anerkennung der abtrünnigen Gebiete das Völkerrecht aus, auf das es als multiethnisches Land doch selbst so sehr angewiesen ist. Aber wenn die russische Führung in den Spiegel schaut, findet sie sich gar nicht so hässlich. Wie denken die russischen Eliten über den Kaukasuskrieg? Gibt es vielleicht doch Zweifel am eigenen Vorgehen? Wie schaut das Land auf sich und die Welt nach dem gewonnenen Krieg?

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Der Einmarsch in Georgien, der im Westen als historischer Einschnitt in den Beziehungen zu Russland begriffen wird, ist aus Moskauer Sicht nur eine Momentaufnahme in einer organischen Entwicklung. Zäsur? Warum jetzt? Der Bruch im Verhältnis Russlands zum Westen liegt für viele russische Beobachter eben im Jahre 1999, als die Nato unter amerikanischer Führung Serbien angriff. So denken auch oppositionelle Politiker, die gern im Westen eingeladen werden. »Die Bomben fielen ohne Beschluss des UN-Sicherheitsrates«, sagt der Liberale Wladimir Ryschkow. »Die Amerikaner begannen das alte Spiel, die Welt nach Geopolitik und Allianzen aufzuteilen. Russland hat ebenso geantwortet.« Die Polittechnologen im Kreml drehen die düstere Realpolitik ins Positive und preisen Medwedjew als den besseren Westler, der mit der »Stimme des Rechts und der Werte« gesprochen habe. »Russland parodiert das Verhalten der USA«, sagt die Soziologin und Elitenforscherin Olga Kryschtanowskaja. »Das verleiht seinem Handeln in den Augen der Elite besondere Legitimation.«

Dieser Beglaubigung bedarf es eigentlich kaum mehr. Die Träger von Staatsfunktionen und Privilegien stehen einmütig hinter dem Georgienkrieg, in dem die russische Großmacht ihre Interessen auch jenseits der Grenzen verteidigt. Schon während des zweiten Tschetschenienkriegs, in dem ein fast unbekannter Geheimdienstoberst namens Wladimir Putin in wenigen Wochen zum beliebtesten Politiker Russlands aufstieg, ließen sie sich vom Westen nichts sagen. Die Unterwerfung des abtrünnigen Tschetscheniens war das blutige Fanal einer wiedererstarkten Moskauer Zentralmacht. Putins Feldzug im eigenen Land rief damals noch hitzige Diskussionen hervor. Heute zeigt sich Russlands Elite als geschlossene Einheit. Öffentliche Diskussionen über die russische Kriegsführung in Georgien gibt es nicht.

Was Russlands Führung in diesen Tagen im Übermaß aussendet, ist Selbstsicherheit. »Niemals seit dem Ende der Sowjetunion«, konstatiert der Hofpolitologe des Kremls, Wjatscheslaw Nikonow, »waren wir so einflussreich.« Das sowjetische Verständnis, dass die Nachbarländer Zonen russischer Einflussnahme sind, feiert Auferstehung. »Es ist zwar falsch, Russland als Imperium zu sehen, das die Restaurierung des Zarenreiches oder der Sowjetunion plant«, sagt der Reserveoberst Jurij Rubzow von der Akademie für Militärwissenschaft. »Aber im Bewusstsein wirken noch Atavismen und Stereotype, wenn die Führung des Landes zuweilen mit der Faust auf den Tisch haut.«

Drei Viertel der Russen halten Georgien für eine Geisel der US-Machenschaften

Eine Machtvorführung nach außen wie nach innen: Der Krieg in Georgien zementiert unter dem neuen Präsidenten Medwedjew das alte Putinsche Machtsystem. Russlands Elite folgt bei der Disziplinierung der Gesellschaft der erprobten Matrix vom ewigen Kampf mit dem vielgestaltigen Feind. Die antiwestliche Solidarisierung hält die Gesellschaft erfolgreich in Schach. Eine Dreiviertelmehrheit der Russen begrüßt nach einer Umfrage des Moskauer Meinungsforschungsinstituts FOM den Einmarsch in Georgien. 74 Prozent halten Georgien für eine Geisel der geopolitischen Machenschaften der USA. Doch was ist mit den Warnungen des Westens vor Isolation, dem Ansehen Russlands in der Welt? Das ist der Elite in Moskau überraschend gleichgültig. Das Unverständnis im Westen für den russischen Krieg in Georgien hält man schlicht für das Ergebnis einer gesteuerten Desinformation der Medien. Die Darstellung der russischen Position, geben viele Kommentatoren zu, war unzureichend. Aber im eigenen Land hat die Propaganda verfangen, und das ist das Wichtigste. Das wieder entstaubte Bild Russlands als »gefährlichem Nachbarn« gilt in Moskau als positiv, da viele hier glauben, dass nur respektiert werde, wer das Fürchten lehre.

Eine kritische Betrachtung reduziert sich auf ein Randgruppenprogramm. Viele Intellektuelle lehnten zwar die Ausgabe russischer Pässe an Südosseten ab, begrüßten nach dem georgischen Raketenangriff auf Zchinwali jedoch den russischen Einmarsch, waren dann aber wieder entsetzt, als die Panzer ins georgische Kerngebiet fuhren. Das lässt sich kaum als mitreißende Losung auf ein Demonstrationsplakat pinseln.

Leser-Kommentare
  1. Die 2 Hauptagitatoren der Zeit schreiben zusammen einen Artikel, wo bleibt Joffe?

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    • Serg07
    • 30.08.2008 um 19:12 Uhr

    richtig!

    • Serg07
    • 30.08.2008 um 19:12 Uhr

    richtig!

    • ugk
    • 30.08.2008 um 19:00 Uhr

    "Die Welt blickt auf Russland, das seine Panzer über den Kaukasus geschickt hat, tief ins georgische Kernland hinein."     -    Mindestens 20 km tief, wow!"Doch auch Russland hat seine Sicht auf die Welt."     -   Ohh, thank you ZEIT, we did not know, Russia was allowed to have its view on the world.Präsident Dmitrij Medwedjew zeigte auf das amerikanische
    Raketenabwehrsystem, er prangerte die westliche Anerkennung des Kosovos
    an – an jenem Tag, als er die Unabhängigkeit Südossetiens und
    Abchasiens von Georgien beglaubigte.       -    Was fällt ihm ein, dem Russen. Das Völkerrecht dürfen nur wir mit gutem Gewissen missachten. "Was Russlands Führung in diesen Tagen im Übermaß aussendet, ist
    Selbstsicherheit. »Niemals seit dem Ende der Sowjetunion«, konstatiert
    der Hofpolitologe des Kremls, Wjatscheslaw Nikonow, »waren wir so
    einflussreich.«"    - Und konkurriert mit Herrn Joffe. Who has the bigger balls here?"Das Unverständnis im Westen für den russischen Krieg in Georgien hält
    man schlicht für das Ergebnis einer gesteuerten Desinformation der
    Medien."    -    Was ja gar nicht sein kann, weil wir supi-freie Medien haben!"Eine kritische [russische] Betrachtung reduziert sich auf ein Randgruppenprogramm."    -      So wie hier im Kommersant,  führende Wirtschaftszeitung und 100% Gazprom-Büttel, [link entfernt] (Bitte verlinken Sie nur Seiten in den Forumssprachen Deutsch oder Englisch. Die Redaktion / ft). Und die, und die....ähmm....kritisieren die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens durch Medvedjev. Naja, sind wohl nur dazu da um Putin zu stärken!"Washingtons römisch-griechische Anmutung, der weitflächige Zuschnitt
    der US-Hauptstadt als säulenbewehrtes Zentrum eines Weltreichs, hat
    russische Besucher stets mehr beeindruckt als die engen Gassen
    westeuropäischer Hauptstädte."    -    Wrong, they love Europe, but they are ashamed, that their country is not part of it. Keep on writing!

    • Serg07
    • 30.08.2008 um 19:12 Uhr

    richtig!

    • SALIER
    • 30.08.2008 um 19:34 Uhr

    Meine sehr geehrten Damen und Herren.
    Russland das größte Land der Erde, endlich auf eine Höhe mit Amerika, dass bedeutet vor allem Globale Verantwortung.
    Lex Salica
    Freiherr Antonio von SALIS 

  2. Als Antwort auf diese Verwirrung verweise ich auf den Artikel von Frau Schweitzer, der leider viel zu schnell versenkt wurde, aber wozu gibt es Links:.http://www.zeit.de/online/2008/neokons-wollen-alle-georgier-sein..PNAC:Die Regierung der Vereinigten Staaten soll Kapital schlagen aus ihrer
    technologischen und wirtschaftlichen Überlegenheit, um durch Einsatz
    aller Mittel - einschließlich militärischer - unangefochtene
    Überlegenheit zu erreichen.

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     ...der Artikel "Neokons wollen alle Georgier sein" ?Daher besten Dank für den Link.Umso mehr, da in dem Artikel einiges ausführlicher dargestellt ist, worauf mein obiger Beitrag in Kürze verwiesen hat.

     ...der Artikel "Neokons wollen alle Georgier sein" ?Daher besten Dank für den Link.Umso mehr, da in dem Artikel einiges ausführlicher dargestellt ist, worauf mein obiger Beitrag in Kürze verwiesen hat.

  3. Ich weiß nicht wie es euch Mitlesern geht, aber wenn ich folgendenen Satz lese: "Das wieder entstaubte Bild Russlands als »gefährlichem Nachbarn« gilt in Moskau als positiv, da viele hier glauben, dass nur respektiert werde, wer das Fürchten lehre.", dann kommt mir nur ein Gedanke in den Sinn nämlich - typisch russisch. Für mich ist das wirklich typisch russisch. Möglicherweise ist das ein Vorurteil meinerseiteits, aber irgendwie regt dieser Satz meine Phantasie an und ich stelle mir den Durchschnitts-Hardcore-Russen vor, der mit so einem Leitmotiv durchs Leben geht. Auch wenn ich Auszüge aus der russischen Geschichte lese (von Ivan dem Schrecklichen, Peter dem Grossen über Katharina bis zu Stalin) empfinde ich dieses erst zu respektieren wenn die Furcht besteht als ein besonderes russisches Merkmal. Im Umkehrschluß bedeutet das für mich, also lehren wir Russland das Fürchten, weil vermutlich nur dann Russland Europa respektieren wird. Natürlich könnte ich jetzt auch sagen na gut, bei so viel Prestigeverlust wie das ehemals grosse Russland (Sowjet) schon hinnehmen mußte, kann man doch über Südossetien und Abchasien hinwegsehen (siehe Nato-Osterweiterung) oder aber wir setzen noch eins drauf indem wir noch ein paar Länder in die NATO aufnehmen.

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    Ich kann mir Ihre Antpathie gegen Russen nur dadurch erklären, dass sie mit amerikanischen Filmen aufgewachsen sind.Während des kalten Krieges sind Russen mit negativen Stereotypen an der Kulturfront dargestellt worden.Das beste Beispiel ist wahrscheinlich Star Trek. Selbst in einer harmonischen Zukunft bekamen die russischen Rollen als gefühlskalt und roboterhaft daher. Ähnlich die Lage bei Minderheiten und Frauen.Eher schon sollte man sich Sorgen machen, weshalb die Zeit Online Redaktion in die russische Politik eine Großmannssucht hineinprojizieren möchte.Gibt es etwa keine geopolitischen Interessensgegensätze um den Staatengürtel um Russland herum ?Ist Russland etwa kein bedeutender Energielieferant, und hat deswegen gemeinsame Interessen mit anderen Energieproduzenten gegenüber verbrauchenden Volkswirtschaften ? Ist eine Kartellbildung nicht im Interesse Russland ?Wird die Bundeswehr etwa nicht zu einer Interventionsarmee umgebaut ?Ich wette mit Ihnen, dass russische Bedrohungsgefühl hat einen sehr realen Kern.Vernunft ist das Gift des Lebens für die Konservativen. Für den gesunden Menschenverstand ist es ein Pestizid gegen Gesinnungstaten.

    Ich kann mir Ihre Antpathie gegen Russen nur dadurch erklären, dass sie mit amerikanischen Filmen aufgewachsen sind.Während des kalten Krieges sind Russen mit negativen Stereotypen an der Kulturfront dargestellt worden.Das beste Beispiel ist wahrscheinlich Star Trek. Selbst in einer harmonischen Zukunft bekamen die russischen Rollen als gefühlskalt und roboterhaft daher. Ähnlich die Lage bei Minderheiten und Frauen.Eher schon sollte man sich Sorgen machen, weshalb die Zeit Online Redaktion in die russische Politik eine Großmannssucht hineinprojizieren möchte.Gibt es etwa keine geopolitischen Interessensgegensätze um den Staatengürtel um Russland herum ?Ist Russland etwa kein bedeutender Energielieferant, und hat deswegen gemeinsame Interessen mit anderen Energieproduzenten gegenüber verbrauchenden Volkswirtschaften ? Ist eine Kartellbildung nicht im Interesse Russland ?Wird die Bundeswehr etwa nicht zu einer Interventionsarmee umgebaut ?Ich wette mit Ihnen, dass russische Bedrohungsgefühl hat einen sehr realen Kern.Vernunft ist das Gift des Lebens für die Konservativen. Für den gesunden Menschenverstand ist es ein Pestizid gegen Gesinnungstaten.

  4. "Der Einmarsch in Georgien, der im Westen als historischer Einschnitt in den Beziehungen zu Russland begriffen wird" heißt es im Artikel. Wo im "Westen" liegt denn aktuell diese Begrifflichkeit vor?? Bestenfalls in einigen westlichen "Think-Tanks" und synchron wirkenden Polit-Strategie-Vermarktern und Zeitungsredaktionen.Auch die ZEIT sollte sich langsam den tatsächlichen Verhältnissen öffnen!

    • zetti
    • 30.08.2008 um 20:48 Uhr

    Diese triefende Arroganz in diesem Artikel spiegelt das komplette politische Verhalten unserer Politiker wieder. Kein Wunder, daß sich Rußland von solchen Labbertaschen nichts mehr sagen läßt und auch nichts erwartet. Wie hat Putin in schönem Nebensatz im Interview im 1. gesagt: Hinter Amerika hört die Welt nicht auf.Rußland wird sich künftig politisch wesentlich mehr auf Asien,China und Lateinamerika orientieren (Ja, die gibt es auch noch!) und mit denen eine globale Zukunft zu versuchen. Der "Westen" ist ja dazu nicht in der Lage. Amerika zu imperialistisch, Europa existiert außenpolitsch faktisch gar nicht und wirtschaftlich nur als Schutzburg profilneurotischer Nationen. Wer sich da wirklich isoliert, wird wohl völlig überrascht unsere nächste Generation feststellen. Aber da haben unsere Politiker Ihre Schäfchen schon im Trockenen, [...] (Bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Die Redaktion / ft) Zetti

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